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Sterne der Erde.


Sterne der Erde

Eine unheimliche und ungewöhnliche Stille lag über dem großen Raum, der ihr auf einmal klein und bedrängend vor kam. Der Stift in ihrer Hand zitterte mit ihrem eigenen Körper um die Wette. Es kostete sie viel Kraft, den Stift nicht fallen zu lassen. An ihren Fingern konnte man die Druckstellen des Schreibwerkzeugs erkennen, die mit der blauen Farbe der Tinte umrahmt waren. Einige der geschriebenen Wörter waren durch die nassen Tropfen auf dem rauen Papier aufgeweicht und verwischt. Sie hatte Mühe die Wörter zu entziffern, obwohl sie von ihr selbst verfasst worden waren. Ein paar weitere Tropfen gesellten sich zu den anderen auf das Blatt. Es waren Tränen, ihre Tränen. Das Gewicht, das auf ihren Schultern lastete, gab ihr das Gefühl immer kleiner und schwächer zu werden. Es erdrückte sie, erdrückte ihre Gedanken, erdrückte ihre dahin schwindende Lebensfreude.
Ihre Finger drückten immer stärken gegen den Stift und sie musste sich zwingen, durchzuhalten. Sie schrieb weiter und das Geräusch, das die Feder des Stifts auf dem Papier verursachte, begleitete sie dabei.
Der Stift fiel ihr aus der Hand, in Richtung Boden. Als er aufschlug hinterließ er einige Farbkleckse am hellen Teppich, doch sie realisierte dies nicht.
Das Mädchen blickte starr auf das Geschriebene und konnte sich nicht bewegen. Weit unten, unter den schon geschriebenen und verwischten Sätzen, am Rande des Blattes, stand ein einziger, klein geschriebener, aber dennoch lesbarer Satz: Ich habe keine Kraft mehr.

Sie hatte das Gefühl, dass etwas in ihr zerbrach. Etwas, von dem sie bislang nicht einmal wusste. Ihr Herz schlug unregelmäßig und für sie fühlte es sich so an, als ob es immer kleinen werden würde. Ein Teil nach dem anderen brach von ihrem wichtigsten Organ ab, verschwand irgendwo in ihrem Körper.
Der schwarze, einschüchternde Schatten um ihren Körper herum ließ kein einziges Geräusch zu ihr durchdringen. Selbst ihre Gedanken waren in ihrem Kopf gefangen, fanden keinen Ausweg aus der traurigen, dunklen Höhle.

Sie musste ihren Blick von dem Blatt Papier abwenden. Es war hart genug gewesen, sich selbst einzugestehen, dass man diese eine Grenze erreicht hatte, sie wollte das Eingeständnis nicht immer und immer wieder vor Augen haben.

Ihre Augen wanderten, suchten nach etwas Hoffnungsvollem und blieben bei dem geöffneten Fenster hängen. Sie sah ein großes, rundes Licht, das über die Erde strahlte. Um das Licht herum befanden sich alles helle, winzig kleine Punkte. Für sie war es das schönste Bild, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Das offene Fenster bildete den Bilderrahmen für dieses Meisterwerk und für eine kleine Sekunde vergas sie den Schmerz, die Trauer, den bedrohlichen Schatten.

Der Mond und die vielen Sterne am Nachthimmel faszinierten sie. Wie hell sie doch strahlten, obwohl so ein dunkler, undurchdringlicher Schatten um sie alle lag!
Das Licht, das diese Gebilde erzeugten, schenkten ihr Vertrauen. Vertrauen darüber, dass es nicht nur unsere Erde gab. Es befand sich etwas noch größeres, schöneres in unserer Nähe und das lag genau über uns. Der Himmel schien sie zu rufen. Ohne den Blick von diesem Nachthimmel zu nehmen, stand das Mädchen das erste Mal seit Stunden von ihrem Platz am Schreibtisch auf. Barfuß schleifte sie das Gewicht der Angst und des Schattens über die einzelnen Stufen der Treppen. Sie kam dem Dach immer näher und ohne es zu merken stand sie in der frischen Luft auf ihrem eigenen Hausdach.
Der Anblick, der sich ihr bot, überwältigte sie so sehr, dass ihre Tränen nur so strömten.
Das musste es sein. Das musste die Erlösung sein, von der man sprach! Wie konnten nur so viele Menschen Angst vor dem Tod haben, wenn sie sich doch auf die Reise zum Himmel aufmachten? Die Menschen konnten dann Teil dieses wunderschönen Bildes sein.
Schritt für Schritt tastete sich das Mädchen immer weiter zu der gefährlichen Dachkante vor. Sie wollte auch dort sein. Wollte ein Teil des Himmel sein. Sie hatte zu wenig Kraft, um es noch auf der Erde auszuhalten – sie wollte dort hinauf. Wünschte sich, auch so ein wunderschöner, heller Stern sein zu dürfen. Ihre Zehenspitzen standen über die Kante des Daches. Der Wind, der über den Körper des Mädchen hinweg wehte, wehte all die Angst, all die Traurigkeit und den schweren, dunklen Schatten des Mädchens weg.

Auf einmal vernahm sie eine Stimme:“Wünscht du es dir denn so sehr? Was glaubst du, würde sich ändern?“ „Ich weiß nicht was sich ändern wird, aber ich bin mir sicher, dass sich etwas ändern wird! Ich will einer dieser Sterne sein. Will jede Nacht hell leuchten und den Menschen Freude bereiten!“ „Und hier, auf der Erde bereitest du keinem Freude?“ „Nein, ich habe keine Kraft mehr, jemandem Freude zu bereiten, geschweige denn auf meinem Lebensweg voran zu kommen. Dies ist der einzige Ausweg. Das hier ist der Weg, der für mich richtig ist. Wenn ich nicht hier unten strahlen kann, dann ganz bestimmt als großer Stern dort oben!“
Das Mädchen erwartete sich Wiederworte, dort es hörte nichts. Sie schloss die Augen und tastete sich immer weiter vor, über die Kante. „Warte, du bist zu schnell. Lass mich dir noch etwas sagen. Die Sterne dort oben leuchten für eine bestimmte Zeit und dann erlöscht ihr Licht – für immer. Dir wird es in dieser anderen Welt nicht anders ergehen, als hier bei den Menschen. Die Sterne sind dann schwarz, kein Mensch auf der Welt wird sie jemals wiedersehen. Du hast vor vielen Jahren selbst von innen und von außen gestrahlt. Du warst einer der schönsten Sterne auf der Erde.“ Das Mädchen ging einen Schritt zurück und setzte sich auf die Schindeln, die das Dach bedeckten. Sie atmete tief ein und aus und dachte nach. „Ich leuchte aber nicht mehr, habe vergessen wie man leuchtet. Ich kann nicht mehr. Mein Licht wird hier auf der Erde nicht mehr für Helligkeit sorgen, es ist erlöschen und ich habe viele Wege probiert, es wieder leuchten zu lassen, glaub mir.“

Ich werde dir helfen. Zusammen bekommen wir dein altes Leuchten wieder. Du wirst heller strahlen, als je zuvor und du wirst den Menschen wieder Freude bereiten, das verspreche ich dir. Von nun an, werde ich jede Sekunde deines Lebens bei dir sein, werde mich um dich und dein Leuchten kümmern. Dort oben bist du nur ein Stern unter Milliarden anderen. Hier, auf der Erde, bist du der Stern. Der einzige Stern. Hier wirst du gebraucht!“

Sie fing an zu schluchzen, ließ die Tränen über ihre Wangen laufen. Es fiel ihr für kurze Zeit schwer, Luft zu holen. Das hier war doch nicht real. Sie war allein, war kein Leuchten.
Plötzlich spürte sie etwas in ihrer Hand. Es fühlte sich warm und wohlig an und als sie es berührte, vervollständigte sich ihr Herz, die Tränen trockneten und sie fühlte, wie ihr gesamter Körper im inneren zu leuchten begann. Sie sah auf ihre Hand, um zu sehen, was sie dort berührte. Ihr Herz blieb stehen und sie bekam keine Luft, als sie es sah. Es war eine andere, eine fremde Hand. „Ich hab dir doch gesagt: Jede Sekunde deines Lebens werde ich bei dir sein, dich beschützen, dich auffangen, dein Leuchten bewachen!“

 


Ich habe diesen Text vor ein paar Jahren für eine Freundin geschrieben & bin heute wieder darauf gestoßen.

 

 

 

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