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black bullet


Privatnotiz.
Die erste Aspirin nehme ich um 7 Uhr, die zweite eine Stunde später. Sie lösen sich sprudelnd auf, diese Tabletten, blasenwerfend, - dann ist alles still, mit Zitronengeschmack, halb und halb im Glas schwappend, und dann in der Kehle. Eine Art Elixier der Neuzeit. Nektar der Pharmaindustrie. Das ist deine Rettung, das ist deine Erlösung. Trink dich frei von Schmerzen.

Schmerz. Überhaupt das Interessanteste. Nervenenden, knisternde Zellen, funkenschlagende Bioelektrizität, Synapsen, die miteinander kommunzieren. [please bring me to the double x]. Du? Das ist dein Gehirn. Das sind Muskelstränge. Deine Wirbelsäule. Das ist das Körperwunderland, - mechanische Bewegungslehre, Reibung, Wärme, Induktion. Du? Das ist dein Imput, dein Output und der kleine Spielraum deines Verstandes, der all das interpretiert. Dazu brauchst du Schmerzen. Schmerzen schützen dich und dein System, - deinen Organismus.

Du? Das bin ich.

Und ich will keine Schmerzen. Deshalb verdunkle ich die Wohnung so gut ich nur kann, - oder ich versuche es. Die Jalousien lassen immer wieder Licht durch. Ich habe eben nicht mehr. Nur das. Nur genau das. Und jeder verdammte Sonnenstrahl fegt mir den Kopf von den Schultern. Jeder Ton, jedes leise Wort ist so laut, ist so ohrenbetäubend laut, dass ich das Gefühl habe, ein Sturm tose hinter meiner Stirn, in meinen Augen, zwischen den Ohren, und darüber hinaus. Punktuell. Kleine Nadelstiche, die sich in die Schläfen rammen, und Klingen, die Schicht für Schicht Gehirn abtragen. Das ist so, als schneide man ein hartes Brot mit einem Buttermesser. Das will nicht gehen, deshalb zerrt und zieht der Schmerz weiter. Am Rückrat ringelnd, hinab, jeden Wirbel einzeln nehmend, Hohlräume muss man ausfüllen, und zum Becken, zu den Lenden, dann als Explosionen in die Knie, in die Waden, - das ist ein Fegefeuer und es steckt den ganzen Körper in Brand. Meine Finger zittern, bei jeder Bewegung, ein bisschen schräg, ein bisschen zu nachlässig, - die Versuche zu trinken scheitern, weil ich die Hälfte verschütte, und dann fluche. Ich reibe mir die Schläfen, aber es will nicht helfen.

Nichts davon will helfen.

Also reibe ich mir die Wangen. Spüre Barthaare. Nein. Rasieren kann ich mich nicht, - ich kann nicht ins Badezimmer. Ich kann meinen eigenen Anblick nicht ertragen. Nicht das Licht, das sich über meinen Körper gießt. Dieser radioaktive Licht. Dieses Gift, - reines Gift, - das meine Poren absorbiert. Ich kann nur im Dunkeln duschen. Dann spüre ich, wie die Schatten über mich rinnen. Die nasse Finsternis, die meine Haare an die Stirn klebt, und dann tiefer, strudelnd, über die Hände hinunter, - kalte, klare Dunkelheit. Ich möchte darin ertrinken, und öffne tatsächlich den Mund, um wenigstens die Schrammen nicht mehr schmecken zu müssen. Die blutigen kleinen Wunden, die immer wieder aufplatzen, weil ich sie mit der Zunge berühre. Ich weiß: die Haut heilt. Die Narben werden weniger. Hören auf wehzutun.

Nur die Nadelstiche bleiben.

Mein Kopf ist auf ihnen gebettet.

Und so gehe ich. Linkisch, mit angespannten Schultern, und steifer Nackenmuskulatur. Ich wanke ein bisschen, und verstecke meine aufgerissenen Hände in den Hosentaschen, damit sie niemand sieht. Ich habe schrecklich abgenommen. In den letzten Tagen. Ich esse kaum noch. Ich verlasse das Haus nur, wenn ich es muss. Also rationiere ich mein Essen. Meinen Kontakt zur Außenwelt. Meine Worte. Alles ist rationierter Schmerz.

I am a black bullet.

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