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Persona Non Grata


Mit dem Regen kommt die Traurigkeit, Jimmy, mit dem Regen kommt die Einsamkeit. Man muss kein Genie sein, um das zu erkennen. Man muss einfach nur raussehen. Hinaus, auf die Straßen, auf die ewigen, und unendlichen Straßen, - dort, wo die Menschen unter den überdachten Eingängen stehen, dort, bei den Geschäften, im verblichenen Neonlicht, dicht an dicht, wie die Haarsträhnen, die nass in ihren Gesichter hängen: sie warten, und warten, warten bis der Regen endet.

Aber er endet nicht.

Also wippen sie unruhig auf und ab, und versuchen zu lächeln, wenn ihre Blicke sich kreuzen; und sie warten. Ungeduldig. Und alle Schönheit, die sie in ihrem Leben gesehen haben, ist fort. Fort mit dem Wasser, und dem Zigarettenrauch, der in Wirbeln am Himmel verblasst, - wie die Kondensstreifen der Vergangenheit, die sie in einem Blinzeln verwischen, in einem kaputten Herzen, in einem schiefen Lächeln. [Sie müssen nicht lächeln]. Und der Wind reißt ein paar Blättern von den Bäumen und trägt sie fort, erst hoch und immer höher, bis zu den Dächern der Stadt, bis in den Rinnstein, wo sie die Abflüsse verstopfen. Jimmy, weshalb warten sie? Sie müssten es nicht.

Dort, im Bahnhof: die Koffertragenden, die zu den Zügen Eilenden, sie gehen hektisch im Kreis, vor und zurück, die Treppen hinab, zu den Fahrplänen, zu den Gleisen, - als wüssten sie nichts von dem großen Regen, der beständig die Sonne verschleiert, als wüssten sie nichts von den Pfützen, die sich draußen zwischen den Schuhsohlen sammeln, - als gäbe es kein Draußen mehr. [Nur ich, nur du, und die ganze Welt im Guckloch versammelt. Am Rand: wie Kinder spielen sie Versteck. Mit sich selbst].
Da hauchen sie Abschiedsküsse gegen die Fensterscheiben der Züge. Da winken sie, ein bisschen müde, ein bisschen wehmütig, ein bisschen glücklich, und nicken, wie zum Gruß, wie zum Wiedersehen, bis bald, bis bald sagen sie, und sie sehen sich nachts am Telephon stehen und darüber lachen. Lachen, wie es war, als, ... Damals, weißt du noch, damals?

*

Wir saßen am Tisch. Es war ein kleiner Tisch, viel zu klein für einen allein, und doch saßen wir zu zweit daran. Er war aus Holz, vielleicht auch aus Plastik, völlig windschief und wacklig, aber das war egal. Es war nur ein Tisch. Ein Gebrauchsgegenstand. Alltag. Das gehörte nicht zu uns. Genauso wenig wie die Tischdecke, die kleine schwarz-weiß-karrierte Tischdecke, die unpassend zwischen uns lag, wie ein flimmernder Abgrund, wie ein Testbild im Fernsehen. Irreal. Unwirklich. Ich nahm den gläsernen Salzstreuer in die Hand, - er war halb leer und doch verstaubt, - so, als hätte schon seit Jahren niemand mehr was zu Essen bestellt, als hätte sich der Dornröschenschlaf unbarmherzig über den Koch und seinen Gehilfen gelegt, und nur über sie. Der Rest der Welt tickte weiter in der Zeit.
Die Kellnerin kam zum viertem Mal zu uns und ging wieder, weil wir nicht wussten, was wir bestellen sollten, und stattdessen lieber gar nichts sagten. Dabei war sie süß, die Kellnerin, mit Grübchen und sanften Lippen; ihre Brüste hoben und senkten sich immer sachte, wenn sie neben uns stand, wenn sie uns mit ihren offenen blauen Augen ansah. Und sie war geduldig, freundlich, herzlich, - aber auch das war ganz egal. Sie machte nur ihren Job, seit vielen Stunden machte sie ihn, und wir saßen hier, weil wir nichts besseres kannten, - wir interessierten sie nicht, solange wir nicht die Zeche prellten. Oder den ganzen Laden anzündeten. Und sie interessierte uns nicht, solange sie nur unsere Bestellung aufnahm. Das war nichts als der Alltag.

Wir beschäftigten uns nur solange damit, wie wir mussten. Danach umschloss uns wieder die Sphäre dessen, was wir Realität nannten. Und ja, wie sehr unterschied sich das eine vom anderen! Es hätte nichts Unterschiedlicheres existieren können.

Das Licht flackerte. Draußen: der Regen. Es war ein ungemütlicher Tag. Und kaum Zeit. Also wog ich weiter den Salzstreuer in den Händen und verteilte glitzernd Salz auf dem windschiefen Tisch. Du hast mich dabei beobachtet, wartend, ruhig, lächelnd, -- oder nein: nicht lächelnd. Es war kein typisches Lächeln: du hattest den rechten Mundwinkel nur ein kleines Stückchen nach oben gezogen, unauffällig, unscheinbar, - einem Fremden wäre es vermutlich nicht mal aufgefallen, aber mir, aber mir! Dein ganzes Gesicht hatte sich verändert. Irgendwie verändert. Es war schelmisch geworden, - dein Mund, und deine funkelnden Augen, alles, - selbst dein Hals. Ich sah es gerne. So.

»Sich befreien ist nichts; frei sein können ist das Schwierige,« hast du gesagt, um die Stille zu brechen, und hast dabei die Falten aus der Tischdecke gestrichen. Das war ein Zitat aus deinem Lieblingsstück, das wusste ich sofort, oder nein, eigentlich weiß ich bis heute nicht, ob es dein Lieblingsstück war, aber du hattest es zumindest gern. Immerhin hast du es gespielt, - und zwar so gut, dass es mir den Atem nahm, damals, als ich im Publikum saß.

Mein Atem wurde verschüttet, mein Herz, alles, - mit schweren Steinen, die mir bis jetzt grollend im Magen liegen. [Immer wenn ich an dieses Stück denke, spüre ich sie].

»Ich weiß nicht,« sagte ich, »Ich weiß nicht.« Dann stellte ich endlich diesen unnützen Salzstreuer beiseite, und sah dich an. »Sich befreien und doch unfrei sein, - das ist eigentlich alles.«

»Frei sein und frei bleiben, - das ist die Kunst.« Dann dein Lächeln, unter dem flackernden Licht, und draußen der Regen.

Irgendwann bist du aufgestanden. Irgendwann bist du gegangen.

Ich hörte viel zu spät von dem Autounfall. Von dem Wagen, den du frontal gerammt hast. Viel zu spät, von der Eisenstrebe, die dich durchbohrt hat, viel zu spät, von deinem Blut, das in den Sitz strömte, auf den Boden, hinaus, aus deinem sterbenden Körper.

Es war ein sonniger Tag, hieß es. Es geschah unter einem wolkenlosen, strahlend blauen Himmel. Auf irgendeiner Landstraße. Ich habe dich nicht mehr wiedergesehen. Du warst einfach fort.

Ich habe Salz verstreut. Immer und immer wieder.
Und ich habe den Regen getrunken, wenn er fiel.

Du kamst nicht zurück. Du hast nicht mehr gelächelt. Hast nichts mehr zitiert. Du hast keine Photos mehr geschossen, du hast keine Tonfiguren mehr geformt. Deine Trommeln sind kaputt. Alles ist vergessen. Deine Bilder bleichen aus, obwohl man sie noch immer gegen Herzen drückt, alles von dir verwischt, wird leer. Du bist fort.

Auf Ewig fort.
Und ich frage mich, ob meine Erinnerung mich irgendwann trügt. Ob ich mich falsch an dich erinnere. An dein Haar, an deine Haut, an deine Stimme mitten in der Nacht. Ich frage mich, ob ich alles von dir verlieren werde, alles, - auch meine Erinnerung. Ich fürchte es. Denn es ist alles, gar alles, was ich noch habe. Von dir.

*

Bedauern, Gewissensqualen, Reue, das sind vergangene Freuden, rückwärts betrachtet. Ich mag nicht zurückblicken, und meine Vergangenheit lasse ich dahinten, wie der Vogel beim Aufflug seinen Schatten verlässt. [André Gide, Der Immoralist]. Das galt dir.

*

Heute jährt sich nichts, aber ich musste an dich denken.

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