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ta fortune, o France!


Newsticker. [Das ist nicht objektiv, - das ist eine subjektive Einschätzung, eine subjektive Betrachtung und keine neutrale Berichterstattung].

Er sieht aus wie ein Schauspieler. Oder wie ein Nachrichtensprecher. Sein Anzug sitzt gut, wahrscheinlich ist er maßgeschneidert, und sein Haar ist schwarz, und modisch frisiert. Wenn er lächelt, dann strahlt er Wärme aus. Charisma. Vertrauen. Dann denkt man an Sicherheit. Wenn Nicolas Sarkozy seinen Kopf neigt, - geduldig, wartend, süffisant lächelnd, - dann erwartet man nur Gutes. Eine strahlende Zukunft. Utopia.

Und nicht: Null Toleranz.
Keinen Mann, der randalierende Jugendliche [aus Nordafrika] als Gesindel bezeichnet. Keinen Mann, der die Kriminalität bei der Wurzel ausreißen will, ohne dabei an die zu denken, die hinter der Entscheidung stehen: den Menschen. Man erwartet nichts davon. Auch nicht seine Maßnahmen als Innenminister, - die Soldaten, die mit gezückten und entsicherten Waffen durch die Straßen von Paris spazieren; die lidlosen Augen der Kameralinsen, die jeden toten Winkel ausleuchten; die harten Maßnahmen gegenüber Emigranten, die nach Frankreich geflohen sind. Man erwartet nichts von all dem, doch genau das ist es, was dann an seinen Worten klebt. Eins zu eins.
Nicolas Sarkozy, - das ist einer von zwei Kandidaten, der die politische Weltbühne mit einem strahlenden Lächeln betritt. Ein Lächeln, das so manchen dunklen Schatten kaschiert.

Immerhin: er war schon mal der beliebteste Politiker in Frankreich. Das Volk mag ihn. Ihn und seine Zuversicht. Doch Zuversicht ist genau das, was Nicolas Sarkozy in diesem TV-Duell fehlt. Zuversicht ist das, was dieser ehemalige Innenminister nicht hat. Egal, wie gut die Umfragen auch sein mögen, oder die Statistiken, - egal, ob er nun gewinnen wird oder nicht. Und doch: man möchte ihm nichts vorwerfen. Nichts, was uns Probleme macht. Was kümmert es uns denn, dass er Amerika-Sympathisant ist, - einer, der die Türkei weiterhin aus der EU ausschließen will; einer, der Jugendliche unter 18 Jahren hart bestrafen will; einer, der sein Land mit dem Rest der Welt vergleicht, um dann vielleicht, vielleicht, mit strahlenden Helmen und glitzernden Waffen, in neue Kriege zu ziehen? Was kümmert es uns? Dann will er eben den öffentlichen Dienst im eigenen Land beschneiden, fein, fein! Dann sagt er jetzt eben, er wolle behinderte Kinder in normale Schulen schicken, obwohl er solche Programme in der Vergangenheit von seiner Prioritätenliste gestrichen hat; er wolle zuversichtlich sein, wenn es um die Rente geht, - bis 2020 sei sie gesichert, - und nein, nein! wie schön ist doch dieses Frankreich, das er da beschreibt, - das er sich ausmalt. In allen Farben. Und mit allen Handkniffen der Rhetorik. Denn ja: das ist Nicolas Sarkozy: ein Rhetorikgenie. Er dreht und wendet die Sprache. Noch während er spricht, dreht er seine Worte einmal, zweimal, dreimal um, und danach ist jede Lüge eine neue Wahrheit, und die Wahrheit ein Gaul, den man zur Tränke führt. Das ist also nichts, auf das man achten muss. Widerstand ist zwecklos. Egal, was seine Konkurrentin, - nicht seine Gegnerin, wie er sagt, - dazu sagt. Es will einleuchten, dass sie darauf heftig reagiert.

Und leuchten ist das richtige Stichwort. Für Ségolène Royal. Schon ihr Name erscheint wie all das, was Frankreich war, ist und sein sollte: könglich, erhaben, und doch revolutionär. Auf diese sozialistisch-liberale Art. Zugegeben: das kann man schlecht beschreiben, - ihre Haltung, ihr Lächeln, das Blitzen in ihren Augen. Sie wirkt wie eine Dame von Welt. Gesittet, oder: sittsam. Ironisch, oder: ironisierend. Sie wirkt hellwach, und sie gerät nicht ins Stocken, diese Madame Royal. Und sie zieht Bilanz, mit ihren handfesten Fakten: eine Polizistin, die vergewaltigt wurde, - zwei Mal am selben Ort, nur mit anderen Personen; die Frage, weshalb es keinen Schutz für Polizistinnen gibt, bleibt offen; die Angst der Bevölkerung vor der Zukunft; die Missstände in Krankenhäusern, - die Prävention und Sanktion von Gewalttaten, - eben auch in Bezug auf Jugendkriminalität. Ja, - sie hat die besseren Argumente. Eben weil sie auch an den öffentlichen Dienst glaubt, an Reformen, die nicht auf der Wirtschaft fußen, - zumindest nicht hauptsächlich, - das muss man ganz klar sagen. Sie hat idealistische Ziele, diese Madame Royal, und sie verfolgt sie mit Inbrunst. Daher reagiert sie auch mit Wut, wenn sie sich mit den Halb- und Scheinwahrheiten des Monsieur Sarkozy konfrontiert sieht. [Er will dem Publikum natürlich einreden, sie hätte die Geduld verloren, und dann rät er zu politischer Ruhe. Dass das heuchlerisch ist, und unmenschlich, - das kommt ihm gar nicht erst in den Sinn]. Vielleicht ist das aber auch das Problem. Monsieur Sarkozy verschiebt seine Argumente, und ist ganz und gar in die Defensive gedrängt. Seine Wortreihenfolge lässt sich an einer Hand abzählen: den Mangel an Tiefe, den er Madame Royal vorwirft, oder: ihr Surfen an der Oberfläche, wie es der deutsche Simultanübersetzer so schön sagte; das plötzliche Einschappen und Schnippisch-Werden, wenn die Madame einen wunden Punkt, eine Schwachstelle in seinen geschliffenen Worten entdeckt, usw. Sie greift ihn systematisch an, - er versucht es mit umgedrehter Psychologie.

Das führt zu viel Situationskomik.
Da sind sogar die zwei Moderatoren etwas überfordert.

Und so überziehen sie schließlich auch die Zeit. Monsieur Sarkozy, der in seinen Reden erstickt. Und Madame Royal, die aufbraust und ruhig wird, und überlegen wirkt. Und überheblich, wie ihr Monsieur Sarkozy vorwirft. Was nun was ist, und was wer erreicht, - das bleibt wie nach jedem polititischen Duell leider auf der Strecke. Versprechen geben tun sie beide, - sie halten wird vielleicht keiner von ihnen. Ob nun Gewinner oder nicht.

*

Sicherlich. Wenn ich wählen müsste: ich würde Madame Royal wählen. Sie scheint kompetent, ehrlich und auch zuverlässig, - und menschlich. Nicht wie eine dieser Strohpuppen, die bspw. zuhauf in unserer Regierung sitzen: Gestalten mit menschlichen Gesichtern, aber wirtschaftlichen Interessen, ein bisschen seelenlos, ein bisschen benzinverschlingend, ein bisschen thermonuklear.
Ich kann und will Sarkozy nicht unterstützen, weil ich eine Ahnung dessen habe, was er aus Frankreich machen könnte. Ich habe es gesehen, als ich dort war, in Paris, - ich habe die Soldaten gesehen, und die Kameras, ich habe gehört, was sie sich hinter vorgehaltener Hand über ihn sagen, und all das, ja, all das wirft kein gutes Licht auf ihn. Trotz seiner radikalen, und mitunter auch bewundernswerten Konsequenz. Er vertritt auch die Interessen der Bürger, das tut er zweifelsohne, - er hat auch Gutes bewirkt, in diesem Land, und er wird es auch sicherlich weiterhin tun. Als Politiker seiner Partei. Sollte er jedoch an die Macht kommen, dann sehe ich keine guten Zeiten für dieses Land. Dann sehe ich Rückschritte, weitere Rückschritte, und auch wenn Madame Royal diese Aura des Menschenmöglichen ausstrahlt, dieses sozialistische, rote Gedankengut, so ziehe ich es doch vor. Ich kann die Vorstellung nicht ertragen, dass dieses Land, dieses andere Land, in dem so viele Menschen politisiert, und auch radikalisiert sind, - dass sich auch diese Menschen ihre Gräber selber schaufeln. Ich glaube, dass Ségolène trotz ihrem verträumten Weg einiges zustande bringen könnte, - mehr, als es eine Frau bisher erreicht hat, - unsere Angela Merkel und die Hillary Clinton einmal mitgerechnet.

Das ist keine Frage von Zahlen, sondern eine Frage der Durchsetzungsfähigkeit. Denn auch wenn Sarkozy Madame Royal immer vorgeworfen hat, ihren Kurs würde niemand auf der Welt verfolgen, so heißt das noch lange nicht, dass es nicht doch funktionieren könnte. Unausgeschöpftes Potential ist oft mehr wert als vertane Chancen.

*

Jeder will herrschen. Jeder will nur herrschen. Das ist kein Ehrgeiz. Das ist nur Eitelkeit.




Baal
von Bertholt Brecht
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