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headlights on dark roads


Privatnotiz.
Alles möchte neu sein. Heute. An diesem ersten Mai. Alles möchte neu und frisch und unverbraucht sein. Ohne Verschleißerscheinungen, ohne Schmauchspuren.
Deshalb fällt auch das Bild von der Wand, das ohnehin immer schief hing. Deshalb fährt der Wind in die Wohnung und wirbelt den Staub auf, den ich ganz vergessen hatte. Deshalb atme ich ein, und aus, und ein, und drehe mich ein bisschen im Kreis, - zur Musik, zum Herzschlag, - und lese die letzte Seite des Buches [Zusammen ist man weniger allein von Anna Gavalda] mit einem schiefen Lächeln. Happy End. Jaja. Ich möchte dieses Gefühl kurz behalten, dieses Die-fabelhafte-Welt-der-Amélie-Gefühl; ich möchte jetzt, heute, daran glauben, ... Vielleicht nur kurz, aber funkenschlagend.

Eigentlich weiß ich gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich, die Freunde, die Liebe und die Revolution. Das ist zu viel, aber anders ist es nicht möglich.

Also: gib mir die Unterlagen von der Uni, - die Übersetzungsübungen für Französisch [das ist das Niveau und ... hier bin ich], das Buch, das ich lesen und der Reader, den ich bearbeiten muss.

Also: hier ist das klingelnde Telephon und ich, wie ich mitten in der Nacht nach Zugverbindungen suche. Und dann lache ich irritiert. Und dann wische ich mir die Haare aus der Stirn. Und dann trinke ich gierig das Wasser. Und dann träume ich.

Also: sieh mich an, mit deinen dunkelbraunen Augen; sieh mich genau an, und küss mir die Sonne von der Nasenspitze. Sei so leicht, wie das Herz, das nichts mehr weiß, so leicht wie die Wolken, die ständig fallend schweben, und kreise, kreise um mich herum, kreise ständig, - sei Sonne und Mond, sei Sterne, - sei meine Galaxie, die ewig weiter expandiert.

Also: rote Flaggen, auf Hände gemalt, und feurig blickend, und irr lachend: die Idee, die alte Mauern schmückt, und Straßenzüge mit Menschen füllt; Papier, Papier, das in knisternden Wirbeln über die Dächer fliegt, brennend Häuserschluchten zu Asche zerstäubt. Und schaufelt und grabt: die Müdigkeit liegt nun begraben.

Denksperre. Gegrilltes Fleisch. Ich, wie ich im Garten sitze, und den Himmel verschlinge, der sich über uns wölbt. Und träge segeln die Kirschblüten zu Boden. Ich trinke mein drittes Bier. Ich rieche die Sonne auf meiner Haut. Um mich sind Freunde. Freunde mit Sorgenfalten. Freunde mit Problemen. Aber wir werden sie gemeinsam tragen, diese Probleme. Egal wie schwer die Last auch ist.

Ich liege im Gras und öffne die Augen.

Wir verschwenden zu viel Zeit mit Steinen. Steinen, die wir in uns tragen. Mit kurzen Begegnungen, die nicht so verlaufen, wie wir es gerne hätten; mit Worten, die widerwillig am Gaumen kleben bleiben, obwohl sie doch Teil der Wahrheit sind; mit Gefühlen, die wir uns nicht eingestehen wollen und deshalb verleugnen. Da sind Erinnerungen, die uns Schönheit versprechen und die dieses Versprechen doch nicht halten können: oft bleibt Wehmut zurück, und Reue. [Wir sollten nichts bereuen]. Ein Frühlingsduft, der in der sengenden Sonne erlischt. Ein Lagerfeuer, das niederbrennt und nichts als kalte Glut übrig lässt. Leere Flaschen. Schmutzige Teller. Und das Gefühl: was könnte nicht alles sein!
Ich kann das Jammern nicht mehr ertragen. Ich kann es nicht mehr hören. Und wenn auch in Unglück liebend, so doch mit brechendem Herzen. Mit Blut, das sich in zerrissene Adern stürzt. Das ist eine Konsequenz, die dich zugrunde richtet? Dann umarme sie. [Nur in dem wir den Schmerz einverleiben, überwinden wir ihn]. Niemand hat gesagt, es wäre leicht. Wir können das Leichte nicht lieben. Also: hinaus in die Welt, hinaus in die grausame Freiheit, hinaus in ein Leben voller Ungewissheit. Und Schmerz.

Ich liege im Gras und schließe die Augen.
Mir ist schwindlig.
Vielleicht ist mir auch schlecht.

Entweder man lebt, oder man stirbt.
Dazwischen existiert nichts.
Nur die Dummheit und Inkonsequenz der Menschen.

*

Es ist schwer, für dich, und ich weiß das. Aber es ist mir egal. Verstehst du? Es ist mir egal, ob es dir leicht fällt, loszulassen oder nicht. Es ist mir egal, ob du jede Nacht heulst, oder an nichts anderes mehr denken kannst, - es ist mir egal, wenn die Tage an dir vorüberrauschen. Substanzlos und leer. Mir ist egal, ob du nichts mehr bewusst wahrnimmst, ob du oberflächlich wirst, weil du in der Tiefe keine Luft mehr bekommst, ob du in deinem eigenen Leid erstickst. Es gibt mehr als das. [Mehr Welten als diese]. Wenn du nichts sehen willst, dann sei blind. Wenn du nichts hören willst, werd taub. Das interessiert mich nicht, - und das, obwohl ich weiß, wie schwer es ist; wie betäubend es sein kann, nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu fordern, sich zu ekeln und zu wüten.

Es interessiert mich deshalb nicht, weil du es so willst.
Und nicht anders.

Deshalb umarme das Leid, wenn es dir mehr Halt verspricht als deine Freunde, als deine Familie, als die ganze verdammte Welt. Meinetwegen. Für jeden ist das eigene Leid am Wertvollsten, weil es uns augenscheinlich zu unverwechselbaren Individuen macht, die stolpern und fallen, die nicht mehr aufstehen wollen und es trotzdem tun. Nur entspricht das nicht der Wahrheit. Das eigene Leid, dein Leid, ist nur das Leid der Menschen, die im Egoismus ersaufen. Du? Ich! Nicht wir, sondern du!

Ich erspare dir mein Mitleid, weil du es nicht willst. Gut. Okay. Helfen lassen willst du dir nicht. Also fein. Es gibt also keinen Grund, etwas zu tun. Also verwest du. Also stirbst du in Raten. Das ist toll. Das ist eine wirklich tolle Show. Eine Show, die nur niemand sehen will. Jeder Mensch geht ein paar Schritte mit denen mit, die leiden, nur um sie bis zu einem bestimmten Punkt zu führen, wo sie sich selbst helfen müssen. Das zu akzeptieren ist schwer. Weil du dich aber von jeder Hilfe befreist, von jedem Spaziergang, von jedem klärenden Gespräch, von jedem Erkennen, bleibst du stehen.

Tja, letztlich schaffen wir uns die Probleme, die wir verdienen.

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Kommentare

morbus! [Tb: out of mind] - 01.05.2007 18:26
ein schiefes lächeln ist mehrdeutig, oder was denkst du? ich mochte es, - manchmal.

cranberry - 01.05.2007 18:16
"und lese die letzte Seite des Buches [Zusammen ist man weniger allein von Anna Gavalda] mit einem schiefen Lächeln." Ehrlich gesagt finde ich das Buch gar nicht soo toll, geradezu...platt. Aber vielleicht wirds gegen Ende besser. ;)

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