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Ich hab es getan. Gestern. Ich bin gleich nach der Arbeit zu ihm gefahren und wollte mit ihm reden. Ich stand vor seiner Tür und wartete. Da rief er nach mir, er saß auf der Terrasse und sonnte sich. Ich ging zu ihm. "Hallo!Wieso schaust du so erschrocken" war seine Begrüßung. Ich setzte mich auf den Boden, ein Stück entfernt von ihm - ohne ihn zu küssen oder zu umarmen, wie wir das sonst immer taten. Ich sagte lange nichts, genau wie er. Er war nicht wirklich da, zog gedankenversunken an seiner Zigarette, machte sie aus und zündete die nächste an. Vor ihm lag ein Haufen Kippen auf dem Boden. Ich fragte irgendwann, was das noch bringen sollte mit uns beiden und bekam, wie erwartet keine Antwort. Er sah genervt aus. Nach einer Weile begannen wir schließlich doch eine Unterhaltung. Es war seltsam, denn er ging kaum auf die Tatsache ein, dass ich Schluß machte. Er erzählte mir, dass viele Leute sauer auf ihn wären, weil er sich bei niemandem meldet, sich zurückzieht und auf nichts mehr Lust hat. Starke Depressionen seien sein ständiger Begleiter und er fragte, wie lange das wohl noch dauern würde, bis der Entzug vom Heroin überstanden ist. Es sind nun zwei Monate. Er hat es geschafft, aber die Tabletten und der Alkohol. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fragte, wie es damit aussieht. Er sagte dass er höchstens abends 2 Bier trinkt. Es schien mir glaubwürdig. Die Tabletten redete er sich schön und sagte, dass er kaum noch welche nimmt. Mein Blick hing an ihm fest, ich wußte dass ich ihn bald nicht mehr sehen würde. Er war ernst und sah müde aus. Das Sprechen nervte ihn offensichtlich, denn er sagte kaum etwas und beendete manche Sätze gar nicht erst. Nach circa einer Stunde dasitzen und schweigen stand ich auf und ging zu ihm. er saß auf einer Liege und blickte zu mir hoch. Ich konnte es mir nicht verkneifen und streichelte ihm über die Wange. Wie sehr ich dieses Gesicht vermissen werde! "Du kannst dich jederzeit melden, wenn dir danach ist, ok? Pass auf dich auf!" sagte ich, blickte ihm ein letztes Mal in die schönen, braunen Augen, drehte mich um und ging. Auf dem Weg zu meinem Auto flossen mir Tränen über die Wangen. Ich wischte sie weg und fragte mich, warum ICH mich jetzt so verlassen fühle. Mir war klar, dass er keine Träne wegen mir vergießen würde und vermutlich war es ihm recht, dass ich ihm die unangenehme Aufgabe des Schluß-Machens abnahm.


Es war wie ein Wunder, als wir uns zum ersten Mal unterhalten hatten. Seit mehr als zwei Jahren arbeiteten wir nun im gleichen Betrieb und er war der einzige, mit dem ich noch nie geredet hatte. Er wirkte immer sehr desinteressiert und außerdem waren wir beide lange in einer Beziehung. Immer öfter gingen wir miteinander Rauchen und untehielten uns schüchtern über Nebensächlichkeiten. Kurz vor Weihnachten freute ich mich jeden Tag auf die Arbeit, wie ein kleines Kind auf den Kindergarten - nur weil ich wußte, dass er auch da sein würde. Ich hatte das Gefühl er interessierte sich auch ein bißchen für mich, denn er erkundigte sich immer und immer wieder, ob ich auch zur Weihnachtsfeier kommen würde. Jedes Mal, wenn ich vorbei kam und ihn fragen wollte ob er mit mir eine Rauchen geht, lächelte er mir zu und nickte nur, ohne dass ich etwas sagte. Es war ein kleines Ritual, dass mir den Tag versüßte. Am Abend der Weihnachtsfeier sah ich ihn nirgends. Erst, nachdem ich alle Hoffnung aufgegeben hatte dass er noch kommen würde und total deprimiert einen Glühwein bestellte, öffnete sich die Tür und er kam herein. Uns Blicke trafen sich nur ganz kurz, aber wir schienen das Selbe zu denken: Er/Sie ist da!!! Wir saßen zwei Tische auseinander und ich hatte schon wieder aufgegeben, da stand er auf, verabschiedete sich bei allen und ging. Als er an meinem Tisch vorbei kam, sagte er, er würde Billard spielen gehn. Ich packte eine Kollegin neben mir und fragte ihn lächeln, ob er uns mitnehmen würde. So marschierten wir zu dritt ein paar Kneipen weiter. Ich fürchtete, dass er jetzt ein paar Freunde treffen würde zum Billard spielen und zweifelte, ob ich wirklich mitgehen sollte. Doch es stellte sich heraus, dass er mit niemandem verabredet war. Nach zwei Partien Billard entdeckte meine Kollegin ein paar Freunde von ihr und kapselte sich wissend lächelnd von uns ab. So waren wir also nur noch zu zweit - endlich! Wir setzten uns an einen Tisch, bestellten etwas zu trinken und redeten stundenlang. Gegen drei Uhr sagte er, er würde jetzt nach Hause gehen und fragte mich, ob er mich zum Abschied küssen dürfte. Mein Herz schlug mir bis zum Kinn, da küßte er mich auch schon. Ich war wie benebelt. Er lächelte mich an, streichelte mir über die Wange und meinte, er wolle eigentlich gar nicht weg von mir. Wir verabredeten und für den nächsten Tag und er ging. Ich rief mir ein Taxi und fuhr nach Hause. Wir mailten noch bis tief in die Nacht. Ich machte die ganze Nacht kein Auge zu, stand um halb sieben lächeln auf und besuchte meine Eltern. Die wunderten sich, warum ich so überdreht und gut gelaunt war. Später traf ich ihn und wir gingen spazieren. Die ersten zwei Wochen waren wir unzertrennlich. Ich dachte, ich hätte das große  Los gezogen: er fragte ständig, was ich gerade denke, kümmerte sich liebevoll um mich, küßte mich andauernd und nahm mich in den Arm, um mir zu sagen wie lange er sich das gewünscht hatte. Wir waren beide total verliebt, jedes Mal wenn ich zur Tür raus ging, hatte ich sofort eine SMS von ihm in der stand, wie sehr er mich schon vermisste.


Jetzt vermisse ich ihn. Wo ist er nur hin, der liebevolle, gutaussehende und so unendlich gut riechende Mann, in den ich mich so verliebt habe? Irgendwo hinter Entzugserscheinungen und Tabletten.


Ich will ihn zurück!

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