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Ein Nachmittag in Mombasa


12.07. - Ein Nachmittag in Mombasa


Meine drei Musketiere leiden schwer unter ihren post-alkoholischen Symptomen. Ich habe keine Lust, mit ihnen hier den Nachmittag zu verbringen und schlage vor, schwimmen zu gehen. Sofort erhebt Nancy bittere Klage, sie habe keine Schwimmklamotten. Also, ganz Kavalier, besuchen wir den Supermarkt und suchen nach einem Badeanzug. Weiß und einteilig soll er sein. Erstaunlich sittsam, bei ihrem freizügigen Job. Hätte ich mir auch denken können: 2.000,- KSh reichen längst nicht für Töchterchens Fahrrad...  


Meine anspruchsvolle Miss Playmate ist mit dem hiesigen Angebot nicht zufrieden. Weil es in unserem Touristendorf aber nur diesen einen Kramladen gibt, müssen wir in die Stadt, dort finden wir bestimmt etwas Besseres. Nehmen wir doch den Bus und fahren nach Mombasa-City!


- zum Friseur müsse sie auch. Das dauere gar nicht lange und die Busse führen alle paar Minuten...


Matatu heißt der kleine Toyota-Van, ein Sammeltaxi, und der bringt uns zu einem großen, wuseligen Parkplatz. Alle Autos mit mehr als zwei Sitzen sind auch Busse und so ist dies hier der Busbahnhof von Mombasa. Unser matatu fährt gleich weiter ins Geschäftsviertel mit seinen vielen, aufregenden Einkaufszentren. Nancy gibt dem Fahrer ein Zeichen, wir krabbeln aus dem Vehikel, und stehen vor einem unansehnlichen Betonklotz. Innen ein wenig schmuddelig, verschachtelt, mit vielen Musikboxen, Handy- und Klamottenläden.


Ein kleines Mädchen steht hinter ihrem gläsernen Verkaufstisch. Sie ist so winzig, sie kann die Arme auf den Stapeln Hemden verschränken und darauf bequem ihren Kopf betten. So schläft sie im Stehen. Ihr Kollege entschuldigt sie und grinst wie Schlehmil: 


- "Wahrscheinlich hatte sie eine schwere Nacht..."


Einen Friseurladen gibt es auch und da gehen wir hinein. Meine zottelig langen Haare nerven mich. Vielleicht löse ich ja endlich das Geheimnis der Kokosfasern, denn nach der Attacke gestern bedarf Nancys Mähne einer kleineren Renovierung.


Keine Ahnung, was die verhuschte Waldschnepfe mich fragte, jedenfalls zeigt sie mir den Weg ins Hinterzimmer zum Haare waschen. Wenn die Prozedur mir nicht das Genick bricht, dann wird mir schwindelig, wenn ich den Kopf so weit zurück ins Waschbecken beuge. So häßlich ist die Tante ja gar nicht. Rundes Gesicht, runde Augen, breite Stupsnase, Mitte zwanzig und etwa einssechzig groß. Braunrotes Hängekleid mit weißumrandeter Schürze, wohltrainierte Waden und schiefe Schuhe. Mit Hilfe eines Dutzend planmäßig über den Kopf verteilter Haarklammern gelang es ihr, einen lächerlich kurzen Pfederschwanz zu formen. Sie massiert Schläfen und Fontanelle, den überdehnten Nacken, die morösen Schultern, einfühlsam und zärtlich. Geschminkt, frisiert und aufgebrezelt würde sie richtig gut aussehen. Sie schneidet sonnengebleichte Strähnen, verlegt frech den Scheitel auf die andere Seite. Nur zur Probe sollte es sein, beruhigt sie mich noch, und schon fräst sich der Rasierer durch den Fusselbart. Sie föhnt den kurzen Flaum und dirigiert mich zurück ins Hinterzimmer.


- "Where d`you come from? What`s your job? How old are you? Are you married? D`you have kids?"  


Weiche Hände verteilen wohlriechende Lotion auf meinem babypoglatten Antlitz. Wortlos verträumt lächeln wir uns an. Nur mit Mühe kann ich meine Hände still auf der Sessellehne halten.Wie konnte ich es nur übersehen? Ihre Figur, schlank und sexy, eine unentdeckte Schönheit! Mit verhaltenen Trippelschritten tänzelt sie langsam von Armlehne zu Armlehne, immer einen fingerbreit vor meinen Beinen...


- "Was macht ihr beiden da eigentlich die ganze Zeit? Ich bin längst fertig!"


Jetzt bitte nicht stören, Mrs. Tour-Guide, soeben entdeckten wir unsere Liebe füreinander, soeben begann die zukunftslose Liaison zwischen dem Mädchen mit der Schere und ihrem mißverstandenen Opfer.


- "Fast eine Stunde hat diese Frau an dir herumgebastelt."


Sie hat schon einen Badeanzug gekauft und die Kokosfasern bleiben mir weiterhin ein Rätsel.


Ich falle einen Schritt zurück, drehe mich um, sie lehnt an der offenen Glastür. Unsere Blicke treffen sich für einen Augenaufschlag, eine heimliche Handbewegung, ich schließe wieder auf. Wäre ich alleine gewesen, ich hätte es gewagt, ich hätte sie gefragt, wann sie Feierabend hat...


Da sitze ich nun bei einer Eisschokolade im Straßencafe. Kahlgeschoren wie ein Taubenküken, mit Doppelkinn und Mondgesicht. Meine mitfühlende Freundin bestätigt:


- wie tapfer und klaglos ich doch meinen Bart geopfert habe. Das sei schon sehr anerkennenswert. Sie hätte sich nicht so unbekümmert von ihren langen Haaren trennen können.


Das verstehe nun, wer will! Ich dachte, es sind eingeflochtene Kunsthaare - eben aus Kokosfasern!


Jeder Tourist muß einen Markt besichtigen, egal in welcher Gegend er sich herumtreibt. Mombasa liegt auf einer Insel, die von zwei Meeresarmen umrahmt wird. Am Ostrand der Altstadt bauten die Portugiesen von 500 Jahren eine Festung, der sie den friedliebenden Namen "Fort Jesus" gaben. Ein paar hundert Meter davon entfernt liegt der Alte Hafen und der City Market. Wir tasten uns durch ein Labyrinth aus Gassen dicht aneinander gebauter Häuser mit hübsch verzierten Türen und Balkonen. Leider seit 300 Jahren von allen guten Handwerkern verlassen. 


Schon von weitem sehe ich Schwärme schwarzer Geier über dem Schlachtfeld kreisen. Süßlicher Gestank hängt in der Luft, der mir zusammen mit der infernalischen Hitze den Atem verschlägt. Auf Holzbrettern angerichtete, angesengte Schweinehälften schwitzen schmierig weiße Sauce aus. In Plastikwannen treiben gespaltene Schafsschädel in schaumiger, hellroter Lake. Metallisch schimmernde Fliegen umtosen Fleischbrocken undefinierbarer Herkunft, die in praller Sonne am Haken hängen. Etwas Unaussprechliches baumelt vom Dachbalken eines Verkaufsstandes. Es sieht aus wie ein roter Fliegenfänger. Wie ein blutgetränkter, zerrissener Nylonstrumpf. Nur etwas für hartgesottene Pathologen. Alles eßbar, versichert dagegen Nancy, unbeeindruckt vom Gemetzel um sie herum:


- "Das wird an der Luft getrocknet und verfeinert jeden Eintopf. Es ist die Speiseröhre der Kuh und sehr lecker."    


Fettaugen glänzen in allen Regenbopgenfarben auf dem schwarzen Wasser im Bottich, in dem Fische gewaschen werden. Eingeweide und Schuppen mehrere Fischgenerationen treiben in dem Sud. Seite an Seite mit diversen Haustieren und den Mutigsten aus der Geiergemeinde waten wir bis zu den Knöcheln in aufgeweichten Gemüseresten, Pferdescheiße, Kartonleichen und was sonst noch an ekligem Müll auf die Straße geworfen werden kann. Während wir uns durch das Gewühl von Händlern und Ständen kämpfen, verfolgt uns eine Schar von Typen, die Nancy nacheinander kurz und knapp verscheucht: Es ist nur Platz für einen Tour-Guide in dieser Stadt. Verschwindet!


Kaum der geeignete Ort, um Appetit zu entwickeln, Nancy hat trotzdem inmitten dieser Mülldeponie Hunger bekommen. Außerhalb des Fleischmarktes mit seinen sympathischen, schwarzen Vögeln wählt sie ein Restaurant aus. Das heißt, eine fahrbare Küche, ein fahrbarer Kühlschank voller quietschbunter Limonadendosen, einige Tische mit Plastikhockern unter einem Sonnenschirm. Es gibt Bier mit Eiswürfeln. Das Tagesgericht heute ist "ugali": Dosensardine an Maisbrei mit Chilisauce. Alternativ gibt es "kuku": Huhn mit Reis und Chilisauce. Wir bestellen letzteres und wenig später sehe ich mich konfrontiert mit einem Mikadospiel abgenagter Knochen. Nancy erkennt die Verzweiflung in meinen Augen und erbarmt sich ihres verwöhnten Europäers. Sie zieht den Plastikteller zu sich herüber, ordnet und seziert geduldig das Gebein, um mir das Ergebnis ihrer Operation in einem Schälchen zu servieren.


Mit frischen Pfefferminzblättern als kulinarischem Höhepunkt durchaus ein Geschmackserlebnis.


Very tasty! Ich lobe den Koch ebenso wie Nancys chirurgisches Geschick und alle sind glücklich. 


Mittlerweile ist es Zeit, zurück zu fahren. Wir wohnen in Richtung Malindi, habe ich inzwischen gelernt, und bald haben wir einen Minibus gefunden. Die matatu fahren erst los, wenn sie voll sind. Unser ist halbvoll und so frage ich den Fahrer, was ein Ticket nach Malindi kostet. Kann ja nicht so heftig sein, ich bezahle für die fehlenden Passagiere, damit wir hier endlich wegkommen. Nancy kneift mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr, ich solle lieber ruhig sein. Später erklärt sie, warum:


- "Die Leute hier haben viel mehr Zeit als Geld, ganz im Gegensatz zu Euch Europäern, und du warst im Begriff, die Sitten zu verderben. Leute wie du bringen die Fahrer bloß auf dumme Gedanken." 


Die drei Musketiere sitzen tatsächlich immer noch im "Sonja`s". Inzwischen mit schwerer Schlagseite und deutlich jenseits des Verfalldatums. Nancy will kurz nach Hause, ich steige vor meinem Hotel aus und später wollen wir uns im "Sailor`s" treffen. Erscheint sie dort als erste, soll sie den blöden Hund beruhigen, sonst traue ich mich nicht dorthin. Findet sie witzig....


 


 


 


 


 


   

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