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12.7. The Day After


12.07. mittags - The Day After 


Mit schweißnassen Klamotten, zersaust, ungewaschen und miefig betrete ich die Eingangshalle meines Hotels. Grau-schwarzer Straßendreck sammelte sich zwischen meinen Fingern. Unverzagt, wenn auch staubbedeckt, kehrt der Forschungsreisende nach gefahrvoller Bar-Safari zurück in die Zivilisation.


- "Mr. Livingstone, I presume",


wäre die angemessene Begrüßung gewesen, als ich den Schlüssel an der Rezeption abhole. Die Lobby des Hotels ist voller Ausflugstouristen, die auf ihren Bus warten, und die mich unverhohlen neugierig beobachten. Hinter Sesselgarnituren und Pflanzenkübeln suche ich Deckung und schlendere betont unauffällig zum Fahrstuhl.


Fließendes, warmes Wasser befreit mich vom Petroleumgestank und allen anderen, verdächtigen Gerüchen. Blitzblanke Marmorfliesen, weiche Federkernmatratze, saubere Steppdecke, geräuschlose Klimaanlage - je dritter die Welt, desto erster die Klasse.


Es ist noch Siesta, als ich frisch wie ein Aprilmorgen wieder ins "Sonja`s" gehe. Kein Laut ist zu hören. Die Grünanlagen des Hotels vergilben unbeachtet in der Sonne, unbewegt verdunstet das Wasser des Swimmingpools, Kellner gähnen an der Poolbar. Eine Tafel kündigt den Grillabend an, Beginn 19:00. Brav wie im Kindergarten zur Mittagszeit, schlafen die Bewohner dieses Hotels auf ihren Liegen im Schatten sonnendurchlässiger Kasuarinen der nächsten Mahlzeit entgegen.  


Nancy sitzt bereits mit Gefolge an der Bar, begrüßt mich fröhlich winkend, und bestellt eine Runde Bier. Wieder verteilt sie meine Zigaretten an ihre Kolleginnen. Das ärgerte ich schon gestern und unter dem Vorwand, ich müsse immer Phantasiepreise für Europäer zahlen, ernenne ich sie zu meiner "Secretary of the Treasury". Als Finanzminister ist sie ab jetzt für unsere Ausgaben zuständig. Sie soll sich ganz wie eine "Hausfrau" fühlen. Feierlich übergebe ich ihr mein Geld zur Verwaltung. Natürlich nur eine genau abgezählte Menge, ich bin ja nicht blöd. Es scheint zu funktionieren, jedenfalls hört sie augenblicklich auf, meine Zigaretten zu verschenken und es blieb die einzige Lokalrunde Bier für die heiteren Gesellschaftsdamen um sie herum.


Miß Playmate tritt heute seriös auf: kurzes T-Shirt, lange Jeans und Turnschuhe. 


- "Ich habe einen boy-friend, ich habe Urlaub, ich brauche keine Arbeitskleidung heute."


Auch unsere Trümmertruppe sitzt beisammen. Ich nehme Nancy mit an unseren Tisch und stelle sie allen formvollendet vor:


- "May I introduce to you: mein alter Freund, Mr. F. Er ist 34 Jahre alt, ledig, keine Kinder, er langweilt sich in Hamburg am Schreibtisch einer Behörde." 


Außerhalb Europas ist es unerläßlich, den Familienstand und vor allem die Anzahl seiner Kinder zu nennen. Die Religionszugehörigkeit sollte ebenfalls nicht vergessen werden. Hat man weder Religion noch Kinder, muß man sie erfinden, will man nicht als vergessenes, nutzloses Wesen erscheinen. Bei unseren Bar-Mädels allerdings weckt es eher den Mutterinstinkt.


Er verbrachte mal wieder einen Abend mit Lady Midnight. Um 3:00 morgens folgten sie ihrer irrationalen Sehnsucht nach einem Bade und sprangen, nur mit hoteleigenen Bettlaken bekleidet, in den Pool. Kein Wunder, daß die Askaris sie nicht behelligten, sie müssen in ihren weißen Gewändern geleuchtet haben wie schottische Nachtgespenster. 


Der Große Hammerhai. Mr. Big Shark. Ein Flohmarkthändler von etwa 50 Jahren mit schweren Goldketten um Hals und Handgelenk, der selbst beim Kapitänsdinner Brusthaar trug und mit seinen Abenteuern aus den frühen Siebzigern prahlt. Sein bevorzugter Aufenthaltsort sind Ansammlungen von Barmädchen, denen er verstohlen in den Ausschnitt schielt, dabei sein Bierglas umklammert und mißmutig ein Nikotinkaugummi mißhandelt. Seine Kontaktanbahnungsversuche beginnen stets mit vier Wörtern Englisch, die noch auf wohlwollendes Interesse stoßen. Danach stockt die Unterhaltung mangels Vokabeln. Das Froschgesicht gestern hat er denn auch bald nach Hause entlassen.


Der Kleine Hammerhai ist Kneipenwirt in Frankfurt. Sein Freund versucht ständig, ihn zu verkuppeln, nur hier fände er die richtige Frau fürs Leben. Der Kleine aber zieht es vor, seine zwei Tage alte Bild-Zeitung zu studieren, nie trifft er in den Diskos den richtigen Rhythmus, von den Damen wird er ignoriert, und so flüchtet er sich in immerwährende Müdigkeit. 


Immerhin mutig, war er gestern mit der rundlichen Maid, die so gerne Autos anschiebt, im gleichen Hotel wie ich. Dort ließ er das Mädchen nachlässigerweise ohne Busgeld zurück, das sie jetzt energisch nachfordert. Welch sprachbegabte Lady: sie spricht streitsicher Deutsch!


- "Und du, was machst du eigentlich in Deutschland?"


Stimmt auffallend, sie verbrachte mit mir eine Nacht unter Geiern, aber ich erfuhr mehr von ihr als sie von mir. What did you say what your name was? Das immerhin hatten wir geklärt. 


- "Ich bin 40 Jahre alt, wohne in Hamburg, bin Claims Adjuster und habe ebenfalls eine Tochter. Sie ist 15 Jahre alt und wohnt im sonnigen Sevilla, der Bratpfanne Europas, in Spanien."  


Wie nach einigen Bierchen üblich, zieht es mich in die Pipi-Box. Der Herr, der sich neben mir die Hände wäscht, sieht so bieder aus, so harmlos wie der Kassierer in der Sparkasse von Bielefeld:


- "Is` ja `n geiler Feger, deine Braut. Wo hast du die denn abgeschleppt? Mit meiner Alten ist überhaupt nichts anzufangen, ich hab schon`n Krampf in den Fingern."


- "Sieh dich um, die hängen doch alle an der Bar rum."


- "So eine nicht, deine ist viel heller als die anderen hier."


- "Die kommt ja auch aus`m Norden. Ihre Mutter hatte was mit`m Araber."


- "Araber? Dann ist sie womöglich Moslem? Is` sie denn komplett? Ich meine - Moslemfrauen sind doch alle kastriert - beschnitten- oder wie man das nennt..."


- "Meine ist kein Moslem, die glaubt an Woodoo."


- "??"


- "Eine Sekte, fit in Zauberei. Phänomenal ihr Liebes-Zauber: vor dem Hoovern reibt sie sich mit Zimtöl ein, macht sie scharf wie`n Märzhase. Und die Vagina spült sie mit einer Tinktur aus Betelnußblättern. Das gibt einen überirdisch, mördermäßigen Dauer-Orgasmus. Da kriegst du Schüttelfrost, Kammerflimmern, Visionen, du siehst Hornissen und Aasgeier dich umflattern, sensationell."           


Die Unterhaltung paßt zu diesem Ort: Toiletten-Graffitti. Wenn er redet wie ein orientalischer Sklavenhändler, dann kriegt er auch ein Märchen aus 1001 Nacht serviert.


Ohne sich die Hände abzutrocken, eilt er hinaus, und ich sehe, wie er, an seiner Alten vorbei, unablässig die magische Orgasmuskünstlerin anstarrt, die in Zimtöl badet. 


       


     

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