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11.07.


11.07. - "Sweet-Heart-Hotel"


Das Taxi bringt uns zu einem Hotel, dessen Belegschaft schläft. Auf dem blanken Fußboden. Einer der Hotelboys liegt zusammengerollt auf dem Tisch, auf dem ihn die Müdigkeit überwältigte. Nancy nimmt wahllos einen Schlüssel aus einer Plastikschale neben seinem Kopf. Wir tasten uns durch den finsteren Garten zu unserem Bungalow. Glühwürmchen ersetzen keine Taschenlampe, einzig mit sich selbst beschäftigt, blitzen sie auf und verlöschen wieder. Wir mieteten ein unverputztes, steinernes Häuschen mit vergitterten Fenstern, vor die fürsorgliche Hotelangestellte bunte Vorhänge gespannt haben. Die Sonne hat den ganzen Tag das Wellblechdach aufgeheizt, es ist immer noch heiß wie ein Backofen. Es riecht nach imprägniertem Holz und frischem Beton. Der Hotelboy mußte uns doch bemerkt haben, denn er bringt uns eine Kanne Tee und Nancy beredet etwas auf Kisuaheli mit ihm. Bald darauf erscheint er erneut mit einer Kanne und gießt großzügig Petroleum in die Zimmerecken und rund ums Kanapee.


- "Weil hier so viele Ameisen herumlaufen."


bergründet Nancy die fragwürdige Aktion. Unser Liebesnest überzeugt mit einer in Klinik-Grün gekachelten Naßzelle, in der ein aufgeschnittener Plastikkanister die Dusche ersetzt. Das Bett ist zwar riesig, aber die Matratze bretthart, die Laken verdächtig bekleckert, und der Ventilator enttäuscht: er beginnt seine segensreiche Arbeit mit imponierendem Scheppern, verfällt aber schon Minuten später in schweißtreibende Untätigkeit. Alle Wiederbelebungsversuche sind vergeblich. Nun, die Nächte sollen hier kalt werden... 


Nancy planschte geschäftig in der Dusche herum, jetzt schreitet sie professionell wie auf dem Laufsteg ins Zimmer mit nassen, wuscheligen Haaren und ihrem unwiderstehlichen Colgate-Lächeln. Als habe sie es bei Meister Siffredi gelernt, lauert sie auf dem Bett wie ein Tiger vor dem Sprung, sieht mich unternehmungslustig an und bittet ungeduldig zum Beischlaf: 


- "Come on now, honey, come into my guest-house, make me scream..."    


Nun hätte ich es gern etwas romantischer, zaghaft beginne ich sie zu streicheln. Sie dreht mich ohne  langwierige Regieanweisungen auf den Rücken und reitet auf, bugsiert den Stengel irgendwie ins Zielgebiet, startet ihr furioses Rodeo. Sie wechselt die Stellung, klemmt sich an mir fest, ich fühle eine Rippe nach der anderen brechen - wie hat sie nur das Duell verlieren können gegen diese schlappe Pizzateig-Tante - ich schnappe nach Luft, bald bricht sie mir auch noch die Beine, das ist nicht Bumsen, das ist Nahkampf, sittenwidrig, ich kriege den Kulturschock - wir erhöhen die Taktzahl, make me scream, jetzt tun wir"s beide, mit weit geöffnetem Mund gibt sie nur ihr verständliche Anweisungen, hebt ab und nimmt mich mit. Wir landen in unserem Salzwassersee, haben das Bett geflutet, und sie tippt mir auf die Schulter: "Stop action now". Ich bin fertig für die Mülltonne, könnte nicht mal mehr eine Treppe besteigen. Sie liegt auf dem Rücken, fächelt uns Luft zu, ich verfolge die pulsierende Spur ihres Atems auf ihrem Bauch und auf ihren karamelfarbenen Zwillingsbergen.


An einem Deckenbalken über mir klebt ein verlassenes Wespennest. ---


Morgens höre ich ein feines, kratzendes Geräusch, als ob jemand das Dach fegt oder Sand darüber ausstreut. Meine Miss Kenya weiß Bescheid, ohne die Augen zu öffnen.


- "Das sind schwarze Geier. Die hüpfen den ganzen Tag auf dem Dach herum und rauben einem den letzten Nerv." 


Vögeln unter Aasgeiern.


An der Rezeption verhandelt eine Gruppe von weißen backpacker, alle in Begleitung ihrer gut gelaunten Freundinnen. Das "Sweet-Heart-Hotel" sei sehr beliebt bei Rucksackreisenden, weiß meine Reiseleiterin, die dürften nämlich ihre girl-friends mitbringen, was in den Touristenhotels streng verboten sei. Zum Frühstück wird uns ein Becher Kaffee und eine Handvoll Kartoffelchips angeboten. Dafür kostet der Schuppen ja auch nur KSh 370,- pro Zimmer.  


Das Taxi versetzt uns und wir spazieren zur Hauptstraße. Gehen eine von verstaubten Wellblechhäus- chen gesäumte Straße entlang. Vorbei an 2,5 Millionen Kleinkindern, umherfliegenden Plastiktüten, die sich in Zäunen und Bäumen verfangen. An Kühen und Hühnern, die zwischen den Häusern im Müll grasen. Aus einem Haus dringt das Gekeife von Frauen, Kindergeschrei, das ärgerliche Dröhnen eines Mannes.


- "In the poor man"s house war never ends."


philosophiert Nancy völlig unerwartet.


- "Noch so"ne Weisheit und ich schreibe ein Buch über dich, darling."


Sie arbeitet seit 4 Jahren in Shanzu-Village und ist 25 Jahre alt. Sie stammt aus Lamu, einer arabischen Hafenstadt im Norden, nahe der Grenze zu Somalia. Bis sie 16 war ging sie zur Schule, und von da an kamen jede Woche Leute in ihr Haus, brachten Geschenke mit und vor allem ihre Söhne. Hatte sich wieder so ein zukunftsweisender Besuch angekündigt, versteckte sie sich rechtzeitig bei Nachbarn und ihr Vater spielte den Ahnungslosen: Keine Ahnung, wo meine Tochter ist - ihr müßt eben noch mal wiederkommen. Denn einen Freund durfte sie sich selbst suchen. Sogar eine gute Partie hätte es werden können, war der Vater doch Chef des Coca-Cola-Distribution-Center of Northern Kenya. Als der  Knilch sie allerdings vorzeitig geschwängert hatte, änderte er seine vorbildlichen Absichten. Bald darauf wurde er überfallen und erstochen. Ein Kind, kein Ehemann, dafür ein rätselhafter Todesfall in der zukünftigen Verwandtschaft. Das Leben in Lamu wurde ihr unmöglich und so kam sie nach Shanzu-Beach. Ihre Tochter lebt bei ihrer Oma in Lamu. Ein Bruder hat es bis nach Swansea in England geschafft. Er mußte aus Lamu verschwinden, denn er hatte Probleme mit der Polizei. Wir erreichen die Hauptstraße, stehen am bröckeligen Asphaltrand und warten auf den Bus zum Strand. 


Ein Herr im Anzug steht neben mir, er liest "The Nation." Die Titelschlagzeile läßt mich frösteln:


"KENYA CLIMBS AIDS WORLD"S TOP RANK NO. 1"


Verhüterli sind mir ein Greuel, aber doch verdammt notwendig. Sie ginge regelmäßig zum Doktor, hatte Nancy mir versichert. Von ihm bekäme sie gratis Pariser. Alles "clean and tidy", und so solle es auch bleiben, denn ihre Tochter solle keine Waise werden.


Sie begleitet mich bis ins "Sonja"s". Der Laden ist voller Touristen. Kein Wunder, es ist schon 10:30. Hoffentlich bemerkt niemand, wie in der Hand gefaltete 2.000,- KSh den Besitzer wechseln. So richtig gesellschaftlich anerkannt ist unsere Affäre natürlich nicht. 


- "Dein Honorar für perfekte Reiseleitung. Kauf deiner Tochter ein Fahrrad von dem Geld."


- "Geht nicht, ich hab ihr Schulgeld für Juni noch nicht bezahlt."


Wir verabreden, uns nachmittags wieder im "Sonja"s" zu treffen.    


 


 


 


 


 


 


      


 


 

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