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  So. 29. Sept.     bedeckt + Schauer, NW schwach, 15°


Eine Zu­sammen­fassung meiner Costa-Rica-Expedition.


Also, wer es aufregend, spektakulär, chaotisch und ein wenig gefährlich mag, der sollte lieber  z.B. Venezuela besuchen. Costa Rica ist gemütlich bis verschlafen, sauber und sicher, aufge­räumt und ordentlich. Radar­fallen bremsen Temposünder und wer Krach macht wie in B’quilla, den verwarnt die Polizei. Die Staatsbürgerschaft läßt sich für 15.000 US-$ oder gegen Schaffung einer bestimmten Anzahl von Arbeitsplätzen erwerben. Ausländische Pensionäre können sich bewerben als Lehrer bekämen  sofort einen Job z.B. als Ausbilder in der staatlichen Sozi­alversicherung. Die ist obliga­torisch, jeder bezahlt 7% vom Bruttoeinkommen und Brillen gibt es ohne Zuzahlung. Wirklich die „Schweiz Lateinamerikas“.


Nichts Neues kam aus der Küche: auf dem Schiff im Golf von Nicoya wurde cebiche ge­reicht. Das gibt es bei Carmen-la-canzona zum Barbecue. Arroz con pollo, arrepas, fríjoles, patacones pi­sao, die wurden in Corcovado ver­kauft -  das sind alles beliebte Sattmacher auf Nalis Fiestas. In den Bergen grasen Holsteiner Schwarzbunte, Hotels und Restaurants dort oben wird schwarzes Fachwerkmuster aufs weiße Gemäuer gemalt und dann heißen sie „El Tyrol“ und verkaufen Steak a la parilla: gerade noch billig, dafür riesengroß und super-lecker. 


Seit gut 30 Jahren träume ich von Costa Rica. Dies Land hatte nach dem letzten Staatsstreich 1947 seine Armee abgeschafft. Ein schwärmerischer Artikel in der FAZ entfachte das Interesse neu und Nalis PAD-Tickets machten die Reise zum ersten Mal erschwinglich.


Ich flog mit IBERIA über Frankfurt und Madrid, musste im Flughafen Barrajas über endlose Kor­ridore zum Ausland-Terminal eilen und alles ging gut, denn je mehr Zwischenlandungen es gibt, desto kleiner werden die Chancen für PAD-Flieger, mitgenommen zu werden. Auf je­der Station kann es passieren, dass der Flieger ausgebucht ist und dann heißt es warten, bangen und hoffen. Erst über dem Atlantik verrechnete ich mich, vergaß den Zwischenstopp in Santo Domingo. Ich hatte fleißig Wein geordert, der mir auch bedenkenlos gebracht wurde. Eine ganze Mittelreihe hatte ich für mich, hätte stundenlang schlafen können. Aber viel zu früh landeten wir in der DomRep und ich sah mich genötigt, vino pleno den Anschlussflieger nach San José zu su­chen. Zur Strafe ließ ich die bordeigene, karierte Decke mitgehen. Gegen Mitternacht landeten wir in San José, inzwischen war ich wieder nüchtern. Ein Taxi brachte mich zum Hotel „Vista de Golf“. Das nächstbeste Hotel zwi­schen Flughafen und Stadtzentrum. Es liegt auf der Pazifik-Seite und weil ich mit dem Miet­wagen nicht das Stadtzentrum durchqueren wollte, blieb die Ka­ribik-Seite während des ganzen Urlaubs unerforscht.


Mein größter Wunsch war auch, meinen pri­vaten „Núñez de Balboa“-Moment feiern zu können und dazu brauchte ich den Pazifik. Stand dieser verirrte Eroberer doch am 25.09.1513 nicht weit von hier am Strand eines tintenblauen Sees, hielt den Zeigefinger ins Wasser und leckte ihn ab. Es war Salzwasser und da ging ihm auf, er hatte soeben einen neuen Ozean entdeckt. Es macht viel Spaß sich vorzustellen, welch ein verdutztes Gesicht Don Vasco wohl gemacht hat.


 



Das Frühstück wurde neben dem Pool auf einer Veranda serviert. Mühsam erriet ich, die dunkel­roten Früchte mit den runden, lila Kernen waren Papayas. Für den nächsten Tag buchte ich einen Ausflug mit dem Schiff. Von Puntarenas sollte eine Insel angesteuert werden zum fröhlichen Barbacoa. Einen Mietwagen bestellte ich auch, der mir vors Hotel gebracht wurde und dann konnte die Erkundung losgehen. Ganz mutig allein, gesprochen hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt mit niemandem, auch an der Bar nach diversen Planters Punch nicht.


 


In San José fand sich gleich ein Parkplatz und gegessen habe ich trotz, oder gerade wegen, meiner Erfahrungen mit den Kochkünsten der La­tinos bei McDonalds. Stunden verbrachte ich im Café auf der Plaza de la Cultura, neben dem Theater, von dem ich später erfuhr, es sei der berühmteste Platz im ganzen Land. Mindestens ebenso berühmt wie das ’Key Largo’.


Das Haus liegt im Zentrum, gegenüber dem ’Holiday Inn’, und ist umgeben von einem schmiede­eisernen Zaun mit martialischen Toren. Dahinter beginnt der Dschungel, ich taste mich über ei­nen Weg, gesäumt von baumhohem Bambus. Laut Reiseführer der beste Ort für Gringos, mit kaltem Bier, lauter Musik und „viel Charakter“. Zunächst ist es eine Kneipe mit knarrendem Holzfußboden. Der Arm klebt am Tresen fest, die Jeans am Barhocker und die Schuhe am Fußbo­den im Klo. Die Serviermädel hängen an der Bar herum, ziehen beständig ihre ledernen Westen strammer, schnattern und kichern ungestört, denn ich bin viel zu früh hier, der Laden ist fast leer, die Musikband spielt auch noch nicht. Das Holz der Bar ist von einem so kriminellen Schwarz, der lässige Ventilator surrt so schläfrig unter der sattbraunen Deckentäfelung – die Spelunke hätte jedem Humphrey-Bogart-Film zu wunderbar verruchter Atmosphäre verholfen.  


Nach einer Weile spricht mich eine mittelmäßig hässliche Frau an. Sie setzt sich neben mich, fragt, ob ich spanisch spreche und ob ich ihr ein ‚Imperial’ ausgebe. Ich warte darauf, dass sie mich auffordert, mit ihr „nach oben“ zu“ gehen, aber sei profiliert sich als begeisterte Botschafte­rin ihres Landes, stellt mir ausführlich die sozialen Errungenschaften ihres Landes und die Se­henswürdigkeiten ihrer Stadt vor. Das National-Museum, das werde ich noch besuchen. Einen Park lobt sie in den höchsten Tönen. Dort bin ich vormittags schon gewesen und habe den kah­len, staubigen Flecken für einen Fußballplatz gehalten. Die Stadt ist kaum größer als Lübeck, also viel zu klein, und viel zu jung, um richtige Sehenswürdigkeiten aufzuweisen. Die Markthalle viel­leicht, aber die beeindruckt nur Gringos, die noch nie exotische Fische und Früchte sahen.


 


Am nächsten Tag fuhr ich auf den Vulkan Póas und einige Tage später zu einem anderen Vulkan bei Arenal, von dem ich gelesen hatte, sein beeindruckendes Grummeln und Donnern würde den täglichen Ausbruch ankündigen.



 





Die Rückfahrt endete beide Male im Chaos. Der Verkehrsminister hält Hinweisschilder für ent­behrlich, denn die Einwohner kennen sowieso alle Straßen ihres Zwergstaates. Die Orte sind im Schachbettmuster angelegt, jede Straße ist eine Einbahnstraße, immer abwechselnd in die eine oder in die andere Richtung. Um mein Hotel wieder zu finden, musste ich also an jeder Kreuzung je­manden fragen. Auch wenn ich die Leute verstehe, ihre Auskünfte halfen mir nicht weiter:



  • „Zweiter Block links, nächster Block rechts, entonces siga todo derecho.“

 


Die halbmondartig gewölbten Straßen haben keine Be­grenzungsstreifen, sondern fallen schräge ab in den Regenwassergraben, der jede Strasse zu beiden Seiten säumt. Ich war drauf und dran, im Auto zu übernachten, denn es hatte zu regnen begonnen, es wurde dunkel, vom Hotel keine Spur und  bevor ich das Mietauto im Graben versenke…  


Wie der Erlkönig erreichte ich spätabends doch das Hotel und lernte an der Bar zufällig, „todo derecho“ heißt „weiter geradeaus“ – nicht „ganz rechts“, tonto!


In Arenal hatte ich übernachtet, den Vulkanausbruch verschlafen und den Donner für ein Gewit­ter gehalten. Die Herbergsmutter klärte mich am nächsten Morgen auf. Dort ganz in der Nähe sind einige Eco-Hotels für Touristen, die Prospekte lagen im „Vista de Golf“-Hotel aus. Aber ich hatte mich nicht angemeldet und wollte zurück, fand im Ort einen freundlichen campesino mit Gummistiefeln und Sombrero, zeigte ihm die dünne, schwarze Linie auf meiner Straßenkarte und fragte, wie wohl der Zustand dieser Straße nach San José sei. Er antwortete,



  • Regular, púes…“


 


 Bald schon wurde der Asphalt rissig, ging in eine Schotterpiste über, aus Steinen wurde Geröll.   Mit meiner japanischen Familienkutsche holperte ich viele Kilometer bergauf über kopfgroße Felsbrocken, immer auf der Hut, ja nicht aufzusetzen, mir nur nicht den Auspuff abzureißen. Oben angelangt, durchzogen jetzt Regenwasserschluchten die Piste, erst quer zur Fahrtrichtung, dann jedoch folgten die Erosions­rinnen dem Straßenverlauf, die Reifen versanken darin bis zur Achse, mit weniger als 10 km/h ging es bergab mit Schlagseite mal rechts mal links. Unten im Tal querte ein Bach die Trasse, die Rinnen waren nun mit Wasser gefüllt, die Schlammspur  rut­schig wie Seife und zu allem Überfluss ging es in Serpentinen weiter bergab. Ich war völlig allein auf meiner Off-Road-Tour, niemand hätte mich retten können, außer dem campesino wusste auch niemand, wo ich war. Als ich das lehm­verkrustete Auto heil, aber mit den gelben Reifen vor der ersten Kneipe an der Strecke parkte, stapfte ich breitbeinig und schweißüberströmt wie Django in die Bar und musste sofort berichten, woher ich kam und was por Dios ich nur angestellt hatte. Für 30 km hatte ich 6 Stunden gebraucht und ich fühlte mich so großartig und bedeutsam wie Nuñez de Balbao, auch ganz ohne Pazifik.




 


Zum Pazifik führte mein nächster Ausflug. Auf der Autobahn ging es runter an die Küste bis nach Quepos, ein verschlafenes Städtchen mit einem Hotel, in dessen Hof ich mein Auto par­ken konnte. Das Zimmer sollte 5 US-$ kosten, hatte kein Fenster und das Bett war eine Art Hänge­matte im Stahlrohrrahmen.


Die 5,- $ musste ich zahlen, weil ich das Zim­mer ja schon betreten hatte, aber der Manager blieb freundlich und ließ mich gehen. Auf der Straße traf ein ich Rentner-Ehepaar aus den USA, die ihre Reisegruppe verloren hatten und hier übernachten mussten. Ich nahm sie mit und so gelangte ich doch noch in ein anständiges Ho­tel.


 



 Ausflug per Boot: vom schmuddeligen Puntarenas aus schipperte „Swiss Travel Service“ uns 40 Touristen auf eine sandige, mit Palmen bewachsene Insel. Fisch-Barbeque und glücklicherweise reichhaltige Cocktails wurden den ausnahmslos hochnäsigen Passagieren serviert und abends brachte mich ein Bus zurück ins Hotel nach San José. Viel Reklame um wenig Action.  





 


Der Tag hatte aufregend begonnen. Im kleinen „Carara Biological Reserve“, schon in der Ebene, hielt ich an, ein Informationshäuschen der Parkwächter stand dort. Die Broschüren und Prospekte raunten, in diesem Wald gäbe es Jaguare. Es war so heiß und feucht, dass die Brille beschlug, sobald ich das gekühlte Auto verlassen hatte. Ich machte mich trotzdem auf, denn den Dschungel durchzogen sauber gefegte Wanderwege und wären die Bäume nicht höher, die Blätter nicht grö­ßer, die Sonne nicht heißer gewesen, es hätte mich an Holsteiner Naturparks erinnert. Tiere sah ich auch nicht, bis ich auf einmal ein tiefes „Mi-Mi-Mi“ hörte. Das Geräusch kam aus dem undurch­schaubaren Dickicht der grünen Hölle am Wegesrand. So muß es dem Crô Magnon er­gangen sein, als vor dem Höhlenbären stand. Alle Haare sträubten sich, eiskalt lief es mir den Rücken herunter, ich erin­nerte mich an furchterregende Reportagen aus den Jaguar-Schutzgebie­ten Belizes. Ich drehte um und rannte los, rutschte auf dem Waldboden aus, fiel der Länge nach hin, rappelte mich hastig auf und rannte weiter, zurück zum Besucher-Center. Der Ranger deutete auf meine verdreckte Hose und das nasse T-Shirt und ich erklärte ihm, soeben sei ich um Haaresbreite einem Ja­guar entkommen. Sein mildes Grinsen war entmutigend:



  • „Das wird eine Wildkatze gewesen sein, die du aufgeweckt hast. Hättest du ruhig gewar­tet, hättest du sie sehen können.“

Auf den Scheck hin brauchte ich dringend ein Bier und wieder zeigten die Gäste der Dorfkneipe auf meine Klamotten und ich erzählte die Geschichte noch einmal. Ein Zuhörer wusste Trost,



  • einmal habe nachts ein Jaguar vor seinem Auto die Straße überquert.

Na also, dann gibt es also doch Jaguare hier!


Beim Dorf  Jacó sah ich zum ersten Mal den neuen Ozean. Sonst hat das Dorf nichts zu bieten, aber das ändert sich ein paar Kilomete weiter in Manuel Antonio. Seit ein paar Jahren ein Nationalpark vor der nächstgrößeren Stadt Quepos. Ein quadratischer Nationalpark an der Küste, die hier aus weißem Sand besteht, durch ins Meer ragende Felsen aufgeteilt in lauschige Buchten, dahinter beginnt gleich dichter Wald. Für Touristen ist gut gesorgt und so fand ich hier auch mein Hotel. Auf der Veranda baumelte eine Hängematte, der Inbegriff der Faulheit.  


Es herrscht Regenzeit. Alle Aktivitäten müssen bis 15 Uhr abgeschlossen sein. Jeden Tag pünkt­lich zur gleichen Zeit beginnt ein Gewitter, gefolgt von einer heftigen Dusche, die bis zum Abend nicht abgestellt wird. Nachts ist es trocken und am nächsten Morgen scheint die Sonne. Bis mit­tags, dann bewölkt es sich und der Rhythmus beginnt von neuem. Als erste Gegenmaßnahme kaufte ich einen riesigen, rot-gelben Regenschirm für stolze 10 US-$, damit ich trocken Auto und Hotel erreiche. 


 


Fernsehreportagen und Reiseführer empfehlen die Halbinsel Osa als naturbelassene Wildnis, un­verfälscht, unberührt und gänzlich überwuchert von jungfräulichem Urwald. Francis Drake segelte 1579 hier vorbei, landete, und ließ sein Schiff am Strand reparieren. Einen Meuterer stellte er vor die Alternative, geköpft oder hier ausgesetzt zu werden. Das Weichei zog es vor, geköpft zu werden. In der Bucht, die den Namen seines Kapitäns trägt. Er hätte sich 500 Jahre später anders entschieden, denn jetzt steht am Strand ein einsames Hotel mit dem verlockenden Na­men „Drake Bay Wilderness Lodge“. Die Verheißung puren Abenteuers. Da muß ich hin!


 



 


Gar nicht so einfach. Es gibt keine Straße zur Drake Bay. Telefon-Nummer habe ich auch nicht. Ich kaufe am nahen Flughafen ein Ticket zur nächstgelegenen Stadt Palmar Norte, schon nahe der Grenze zu Panama, und am nächsten Morgen klettere ich in ein zweimotoriges Spielzeug-Flug­zeug, das schon kurz nach dem Start heftig durchgeschüttelt wird. Wir fliegen durch dichte Wol­ken, außen kräuseln sich Regenwasserfäden waagerecht über die Bullaugen, und vor mir beginnt die De­ckenverkleidung zu vibrieren. Sie vibriert immer stärker, bis ein Passagier ins Cockpit geht, all­mählich löst sich die Deckenverkleidung auf ganzer Flugzeuglänge aus seiner Veranke­rung. Der Mann verkündet, die Piloten wollen, dass wir uns alle mit den Armen gegen die Plas­tikver­schalung stemmen. Bald darauf landen wir. Mit erhobenen Armen, aber heil und unversehrt, und sofort beginnt ein großes Palaver, alle schreien durcheinander und mit vielen, vermutlich flachen Scherzen und unter noch mehr Gelächter lassen wir die Deckenverkleidung los, die nun gar nicht mehr runterfallen will.


 


Die Landebahn ist eine kurzgemähte Wiese, das Flughafengebäude ein offener Schuppen. Das Ortschild ist von Farnen und Lianen überwuchert, ein Feldweg führt in den Ort und mich in die nächste fuente de soda, denn ich habe keine Ah­nung, wie ich von hier wegkomme. Der Besitzer der Sodaquelle besorgt mir ein Taxi, das nach dem dritten oder vierten Imperial-Bier kommt. Ein antiker, ausgeblichener, amerikanischer Stra­ßenkreuzer mit imposanter Kühlerhaube und tiefen Sesseln wiegt und schaukelt mich durch Schlaglöcher, Pfützen und vorbei an tropischem Gehölz, um nach längerer Fahrt vor einer trostlo­sen Bretterbude anzuhalten.  Wieder eine Kneipe, eine fuente de soda.



   


Vor der aus verwitterten Brettern ge­zimmerten Theke stehen Bänke aus dem gleichen Holz, darüber ein rostiges Wellblechdach. Durch die hinteren Fenster sehe ich einen Fluss, auf dem Kleckse von blauen Wasserhyanzinthen dem Meer entgegentreiben, das hier ganz in der Nähe sein muß. Niemand ist zu sehen, nur ein paar Hühner laufen herum, ein Hahn kräht, irgendwo scheppert leise Merengue. Obwohl es keine Türen gibt, rufe ich laut „se puede?“, ob ich eintreten dürfe, und eine Frauenstimme antwortet,



  • ich dürfe, natürlich, warum nicht.

Die runde Frau mit Schürze, Flip-Flops und Lockenwicklern unter dem Kopftuch verkauft mir ein Bier aus einer eiswassergefüllten Kühltasche und erklärt,



  • ich sei hier richtig, am Rio Sierpe, sie werde in der Lodge anrufen, man werde mich mit dem Motorboot ab­holen. Ich sei seit Monaten der erste Gast der Herberge, der Gringo-Be­sitzer habe nie­manden, der ihn besucht.


Ein zerknitterter, wortkarger Mensch bedeutet mir, ins Boot zu steigen, ein himmelblaues Plastik-Boot mit Außen­bordmotor. Er fährt zuerst den Fluss entlang, der bald darauf ins Meer mündet, dann folgt er dem Küstenverlauf und legt unterhalb des Hotels an. Unverschämte 70 US-$ kostet der Trip, dazu bekommt er die Zähne auseinander.


                                                



Die Anlage ist aus hellem Holz gebaut, noch ganz neu, und ist bis auf das Betreiberehepaar und seinen Hund  unbewohnt. Der Manager gehört zur selben Rasse wie sein Bootsmann, auch er bekommt den Mund nicht auf, jede Information muß ich ihm mühevoll entlocken. Herbert ist Amerikaner, seine Frau eine Tica, und dann be­schäftigt er noch einen Deutschen aus Köln. Einige Hundert Meter vom Restauranthaus entfernt beziehe ich einen Bun­galow einige Meter über dem Strand und dann läßt er mich allein in der Wildnis der Drake Bay zurück. Ich setze mich auf die Terrasse, sehe die Sonne kurz vor Tahiti untergehen und bald schwirren einige Tausend Glühwürmchen vor mir über den Rasen, während hinter mir unbe­kannte Waldbewohner anfangen zu lärmen. Robinson muß sich ähnlich gefühlt haben, nur hatte er keine Marlboro und kein gekühltes Bier zur Hand, pobrecito.  


Am nächsten Morgen sehe ich ein abgebranntes Streichholz, dessen Kopf über den Rand des Nachttischchens ragt. An seiner Spitze hängt ein dicker Wassertropfen. Die Luft ist wie Regen ohne Wasser.


 


Bein Frühstück erklärt der Manager,



  • die Geräusche abends, das können Affen oder Papageien sein, ich solle mich auf die Lauer legen, beide Tierarten ließen sich gut beobachten.

Mein erster Ausflug in den Dschungel hinter meinem Haus endet vorschnell damit, dass ich eine etwa 30 cm große Eidechse aufscheuche. Sie trägt einen Kragen und ihr Kopf ist kar­minrot vor Ärger. Laut fauchend rennt sie auf zwei Beinen vor mir davon. Kaum vom Schreck erholt, ver­fange ich mich im klebrigen, regenschirmgroßen Netz einer gelb-schwarzen Spinne von furchter­regender Größe.


Nach diesen unerfreulichen Begegnungen unternehme ich einen Spaziergang am beruhigend übersichtlichen Strand. Dort auf einzeln stehenden Felsen finde ich zum ersten Mal eine blü­hende, tropische Orchidee. Sehr zufrieden mit meinem Jagderfolg, fotografiere ich sie von allen Seiten: vermutlich gehört sie zur Gattung Brassavola.


 



Hinter meinem Kabäuschen ist Wasser, ob Fluss oder Meeresbucht, das bekam ich nicht heraus, denn probieren á la Nuñez de Balbao mochte ich nicht. Auf dem Rückweg vom Abendessen höre ich dort hinter den Bäumen den Lärm unbekannter Tiere, ich lege mich auf die Lauer, blinzel zwischen den Bäumen aufs Wasser und da sehe ich sie entlangfliegen am Waldrand des gegenü­berliegenden Ufers: eine lärmige Truppe knallbunter Aras.  


Die nächste Premiere: Papageien kannte ich bisher nur von Hagenbeck.


Der Hotel-Manager war heute beim Essen geringfügig gesprächiger. Seine Frau habe ich erst einmal gesehen, sie huschte wortlos an mir vorüber. Er bestätigte, dass sein Geschäft schlecht läuft, weil er sich keine Reklame leisten kann und weil sein Resort so kompliziert zu erreichen sei. Ich schlug ihm vor, sein Marketing-Manager zu werden:



  • Er richtet mir in San José, z.B. am Flughafen oder am „Coca-Cola“-Busbahnhof, ein klei­nes Büro ein und lasse in allen Touristen-Hotels und im „Key Lago“ Prospekte verteilen, mit Sonder-Angeboten, Schnupper-Preisen und Gratis-Transfer, denn 70 $ für die Über­fahrt sei wohl ein wenig unverschämt.
  • Der Bootsmann arbeite auf eigene Rechnung, er könne seine Preisgestaltung nicht beeinflus­sen.

Er war nicht abgeneigt. Tatsächlich nahm er bereits einen Aussteiger bei sich auf. Der Kölner kam vor einigen Jahren als Back-Packer zu Besuch und blieb seither. Im Dorf an der Küste wohne seine Freundin. Ich hatte ihn gesehen, zünftig mit Machete, mit Gummistiefeln und Ar­beits­handschuhen pütscherte er im Garten. Ein braungebrannter Athlet mit blonder Haarmähne und blauen Augen. Seine novia tica wird mächtig mit ihm angeben.


10 Jahre Einsamkeit hatten Herbert so zugesetzt, dass selbst einige Gläser Whisky seine Stim­mung nicht aufhellen konnten. Er sprach leise und schleppend, mit vielen irritierenden Pausen, und um die Unterhaltung beenden zu können, nahm ich seine Anregung auf, mich am nächsten Tag mit dem Motorboot zur nächsten Touristen-Lodge zu bringen. Ich hatte nirgends von einer zweiten Touristen-Herberge hier am Strand gelesen und war nicht sehr gespannt, wieder so ein verlo­renes Camp mit trübsinnigen Bewohnern vorzufinden.



 


Welche Überraschung! Am einsamen Steilufer hatte er mich abgesetzt, ich kletterte eine Treppe hoch und befand mich im gepflegten Garten eines modernen Hotels.  „Marenco-Lodge heißt der kleine Palast im Dschungel. Im Garten duftete ein Ylang-Ylang-Strauch, den ich hier zum ersten Mal sah und roch. Am Waldrand tobten Kapuziner-Affen in den Baumkronen, die ganz Mutigen wagten sich bis an die Gebäude.


Der Portier an der Rezeption erklärte mir sowohl den Namen des Strauches als auch

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