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Die heilige Couch


 

Wir haben seit Dienstag eine neue Couch. Lieferzeit ca. 8 Wochen und Entscheidungszeit ca. 3 Jahre. Diese dreijährige Entscheidungszeit ist nicht durch das Überangebot an schicken Couchgarnituren entstanden, sondern eher durch die komplexe Beziehung, in der ich lebe und durch die Lebensängsten, die ich so mit mir herum schleppe. Weihnachten vor 3 Jahren bin ich mit meinem Freund zusammen gezogen. Er hatte kurz vor unserem Kennenlernen ein großes Haus in Mülheim gekauft, dieses renoviert und dieses bezogen wir zusammen. 270 Quadratmeter, 3 Etagen, sehr geschmackvoll und teilweise auch recht teuer eingerichtet. Da ich bis dahin eher eine stillvolle Mischung aus Ikea, Trödelmarkt und Habitat bevorzugte, musste ich mich ein wenig sehr anpassen und schnell wurden meine Möbel, meine Gläser, meine Teller, mein Schnick und mein Schnack aussortiert, zur Seite gestellt und weggeschmissen. Da hatte ich zwar hin und wieder ein seltsames und trotziges Gefühle, weil es doch meine Sachen waren, die er so leichtfertig entsorgte, aber es war zu ertragen. Das sind halt die bekannten Kompromisse und gegen schöne, neue Gegenstände und Möbel hatte ich ja selbstverständlich auch nichts. Und dann wollte er meine Couch ersetzen. Das war zu einer Zeit, als mein Kinderwunsch in regelmäßigen Abständen im Raum stand und auch eine Trennung, wegen diesem. Ihm war klar, dass ich ohne die Erfüllung meines größten Wunsches nicht bei ihm bleibe. Und bei der Vorstellung mich auch von meiner Couch zu trennen und dann bei einem Auszug gar nichts mehr zu haben, was ich mit nehmen kann, habe ich blockiert und mich geweigert. Diese verdammte Couch war für mich heilig, sie stand für einen möglichen traurigen Neuanfang in einer kleinen Wohnung. Ganz alleine, nur mit meinen Katzen und meiner Couch. Eine Küche hatte ich nämlich auch nicht mehr, geschweige denn einen Esstisch oder Stühle, selbst den Bürotisch habe ich von ihm genutzt. Und da wollte ich wenigstens eine Couch haben. Etwas Gemütliches, etwas selbst gekauftes. Die Diskussionen über eine neue Couch hielten an, bis er gemeinerweise die Geburtstagswunschkarte ausspielte und sich zum Geburtstag eine halbe Couch wünschte. Mist! Auch  hier versuchte ich mich quer zu stellen, es half aber alles nichts. Also sind wir an seinem Geburtstag in ein großes Möbelgeschäft gefahren und haben in 10 Minuten eine Couch ausgesucht, die uns beiden gefiel. Das war donnerstags. In meiner damaligen Verfassung habe ich versucht zwischen den Zeilen zu lesen und habe diesen Couchkaufwunsch als verstecktes Zeichen an mich verstanden, dass wir eine Zukunft haben und diese erstmal mit einer Couch krönen. Ich war sehr glücklich diese Couch bestellen zu dürfen, da an ihr so viel Hoffnung hing. Am Sonntag darauf sprach ich meinen Freund auf  die gemeinsame Zukunft an und er nahm mir alle Hoffnung. Er sagte, dass er sich ein weiteres Kind einfach nicht vorstellen kann und dieses auf keinen Fall möchte. Ich war so enttäuscht, ich war traurig und hasste diese Couch. Am Montag darauf habe ich den Auftrag storniert. Bei der netten Frau am Servicetelefon habe ich mich einwenig ausgeheult und dann die Couch abbestellt. Natürlich haben wir danach über eine Trennung gesprochen, aber uns danach nicht getrennt, er konnte mich genauso wenig gehen lassen wie ich gehen konnte, aber es war schwierig. Über die Couch wurde erstmal nicht mehr geredet. Jetzt kommt einer kleiner Zeitsprung von Mai nach Oktober. Im Oktober knallte es dann richtig bei uns. Nachdem er Monate immer von einem Unentschieden zwischen Kind und Kein Kind sprach, traf er am 1.Oktober die Entscheidung Kein Kind. Ich zog meine Konsequenzen und waren getrennt. Er verbrachte das Wochenenden mit seinem Sohn im Fantasialand und ich heulend mit meiner Freundin auf der alten Couch. Nach dem Wochenenden haben wir beschlossen, dass wir uns nicht trennen können, da wir es beide nicht überleben würden. Also alles wieder auf neu, denn es gab  noch eine Chance und mit dieser Hoffnung auf ein Happy End bestellte ich am 13. Oktober die Couch, genau diese Couch. Jetzt steht sie bei uns im Wohnzimmer, die neue heilige Couch.

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