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Anfang Dezember bis jetzt


 

Am 1. Dezember hat David mir gesagt, endlich gesagt, dass er bereit ist mit mir zusammen ein Kind zu bekommen. Bereit sein ist die Mindesterwartung die ich zum Schluss noch hatte. Eigentlich macht er es nur, weil unsere Beziehung sonst keine Zukunft mehr gehabt hätte. Es ist der größte Liebesbeweis, den ich von ihm wünschen konnte. Es ist ein Ja zu unserer Beziehung und ein Ja zu meinem Wunsch. Es ist ein so hart umkämpftes Ja, dass ich es nur schwer glauben kann. Vielleicht habe ich sogar Angst davor. Ich habe so lange an nichts anderes mehr denken können, so sehr unter dem Verzicht gelitten, dass ich jetzt schon fast überfordert bin. Jede entdeckte schwangere Frau, jeder Kinderwagen, jedes kleine Kinder und alles was dazu gehört, Kinderspielzeug, Kinderkleidung war negativ besetzt und schmerzvoll. Es kostete mich eine innere Überwindung durch die Kinderklamottenabteilung bei H&M zu laufen. Jeder dicke Bauch wurde von mir neidvoll betrachtet. Und jetzt soll ich auf einmal auch dürfen? Ich darf schwanger werden. Wie sich das anhört? Und wie fühlt es sich an? Glücklich, aber auch noch mehr. Ich beginne ganz langsam mich damit auseinander zusetzen. Mir fehlen nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich und gedanklich die richtigen Worte dafür. Ich bin eine Künstlerin im „Um den heißen Brei reden“. Ich habe soviel nicht gesagt, nicht benannt und umbenannt. Ich habe nur 5 Mal gesagt, dass ich schwanger bin, danach habe ich es anders genannt. Ich habe es mir nahstehenden Personen gesagt, dem Arzt, der mich krank geschrieben hat und dem Arzt, der mir die Abtreibungspille gegeben hat. Danach habe ich dieses Adjektiv gemieden. Ich weiß nicht, wie ich und vor allem unsere Beziehung das durchgestanden und überstanden hat. Ich habe mir fest vorgenommen, dass der ganze Schmerz vergeht, wenn ich gewollt schwanger bin und die Mama von jemandem sein darf. Ich habe mir vorgenommen dafür zu kämpfen ein Kind zu bekommen, nachdem ich so leichtfertig eins geopfert habe. Und jetzt habe ich eine Bereitschaft von ihm. Das ist mehr als ich je hatte. Und wenn ich daran denke, wie es im März war, als ich morgens mit dem Schwangerschaftstest von Clearblue und mit meinem Kaffee am Tisch saß und zitternd auf ihn gewartet habe. Ein Tag nach meinem 35. Geburtstag. Ich habe diesen Test mit einem iphone fotografiert. Ich habe es ihm gesagt, er hat mich in den Arm genommen und er hat irgendetwas gesagt, ich weiß nicht mehr was. Danach war ich bei meiner Frauenärztin, die mir die Schwangerschaft bestätigt hat. Ich bekam eine billige Tasche mit Werbezeug und Tablettenproben. Am Abend hat mir David gesagt, dass der Abbruch für ihn die einzige Möglichkeit ist, aber dass es schließlich meine Entscheidung wäre. Wenn ich da jetzt drüber nachdenke, kann ich es gar nicht fassen, dass ich es ertragen habe. Am nächsten Tag war ich bei Profamilia und habe mir den Beratungsschein geholt. Bis dahin war mir nicht klar, dass ich in Richtung Abbruch steuere. Am Nachmittag habe ich David gesagt, dass ich die Sache beende. Er war erleichtert. Aber was hat mich dazu gebracht? Vieles. Als erstes war es wohl die Art wie es zu dieser Schwangerschaft kam, ich habe die Pille abgesetzt, um ihn in Verzug zusetzen, damit er endlich eine Entscheidung trifft. Im Geheimen habe ich gehofft, dass ich schwanger werde und alles gut wird. Er bei mir bleibt, ich bei ihm bleibe und wir gemeinsam ein Kind bekommen, was mir groß ziehen, lieben und eine kleine, süße Familie werden. Aber so lief das nicht. Er hat sich unter Druck gesetzt gefühlt, hat sich von mir verarscht gefühlt und sich geweigert, massiv geweigert. Und ich habe nachgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich auch gehen können, mit seinem Kind in meinem Bauch und einer stattlichen Unterhaltszahlung. Aber das wollte ich nicht, das wollte ich nicht. Ich wollte kein Kind um jeden Preis und vor allem nicht auf seine Kosten, emotional wie finanziell. Ich wollte immer noch ihn, diese Beziehung, ein Leben mit ihm und ein Kind mit ihm. Ich habe ihn so fest gehalten, dass ich mich selbst fast losgelassen habe. Ich habe so oft auf der A40 an eine Crash gedacht, dass ich manchmal Angst hatte überhaupt Auto zu fahren. Ich glaube, dass ich streckenweise sogar depressiv war. Danach ging es mehrere Monate nur rauf und runter, ich habe nach Wohnungen geguckt, er hat mir gesagt, dass er nicht will, wir sind zu Therapeuten gegangen, zusammen und alleine, wir haben mit Freunden gesprochen, haben uns Ultimaten ausgedacht und sind nicht weiter gekommen, wir haben uns beinahe selbst kaputt gemacht. Und jetzt haben wir sie, eine Vereinbarung über Freiräume und Lebenswünsche. Und es fühlt sich gut an. Aber trotzdem bin ich verunsichert, wie jetzt? Wann jetzt? Sofort? 

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