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Wirklichkeit und Wahrheit


Ich habe vor kurzem einen offenen Brief erhalten, der mich doch sehr berührt hat. Damit er nicht sang- und klanglos verschwindet, setze ich ihn hier mal rein. Er ging an die Ministerpräsidentin des Landes NRW, Frau Hannelore Kraft, wg. "Wir lassen kein Kind zurück" - Wirklich?

.....Sehr geehrte Frau Kraft,

2010 warben Sie vollmundig für eine von Ihnen geführte Landesregierung: "Wir lassen kein Kind zurück."

Für unseren autistischen, begabten Sohn ein Trost, dass ihm die über Jahre erkämpften Nachteilsausgleiche weiterhin den Besuch eines Regelgymnasiums ermöglichen würden und bei Problemen mit Bezirksbehörden weiterhin ein Ansprechpartner im Schulministerium hilfsbereit zur Seite stehen würde.

Doch weit gefehlt: immer wieder fehlten für Monate Integrationshelfer, wir konnten es allein personell und finanziell selbst nicht mehr auffangen und viele Monate vergingen ohne Schulbesuch - trotz Schulpflicht! Kurzzeitige Hausunterrichtsphasen waren nicht ausreichend, um die Erlaubnis zur Versetzung zu bekommen. Und somit hieß es in 2013: Zwangsausschulung wegen Nicht-Teilnahme am Unterricht. Nach 1,5 Jahren ohne Schule! Nach 2 Jahren Verweigerung der Eingliederungshilfe und Stellung eines Schulbegleiters durch das Jugendamt. Dabei sah die Schule eines vor: Unterrichtsteilnahme nur mit Schulbegleitung.

Aha? Nicht teilgenommen? Aber warum denn? Es gibt doch Schulpflicht und gerade bei Autisten sieht das Schulgesetz vielfältige Ausnahmen vor. Doch es war niemand mehr da, der hier helfen wollte. Niemand da, der Schutz bot und vereinzelten Lehrern ihre pädagogischen Pflichten aufzeigte. Der dem Jugendamt die Gesetzeslage erklärte und der Zuweisung der Bezirksregierung auf Weiterbeschulung entsprechen wollte. Und auch der Bezirksregierung den richtigen Weg aufzeigte. Und unserem Sohn das ermöglichte, was für ihn wichtig ist: lernen, lernen, lernen. Wissen sammeln. Zur Schule gehen dürfen, weil er zur Schule gehen will. Menschen um sich haben, weil er Menschen um sich haben will. Nicht nur zu Hause sein, sondern teilhaben. Teilhaben an der Gemeinschaft, sein Menschenrecht, seine Bürgerrechte einfordern.
 
Die Gespräche von Bezirksregierung, Jugendamt und Schule wurden intensiver, die Gespräche von Bezirksregierung und Eltern wurden ...? Ja was? Gar nicht zugelassen, der Mund verboten. Keine Hilfen zur Problemlösung, keine Hilfsangebote, um einen Schulabschluss zu bekommen, um überhaupt ein Abschlusszeugnis zu bekommen, um Perspektiven für die Zukunft zu haben.

Insgesamt sind 3 Jahre verloren. Die früheren Klassenkameraden machen in diesem Jahr ihr Abitur. Und unser Sohn? Ist 18 und ohne Schulabschluss. Und die Schulpflicht? Die läuft im Sommer endgültig aus. Und er kann sehen, wo er bleibt. Wie so manch anderer Autist auch.

Und die Bezirksregierung? Schweigt. Die Schule? Hat still und heimlich ausgeschult. Das Jugendamt? Verweigert während der Jahre der Gerichtsverfahren die Eingliederungshilfe.

Und wir? Wir wissen nicht, woher wir so viel Geld nehmen sollen, um privat Lehrer zu bezahlen, die unseren Sohn auf die Schnelle im Einzelunterricht prüfungsfit machen. Damit er die verlorene Zeit wieder nachholen kann, sein Abitur schnellstmöglich erreichen kann, um endlich seine Träume und Wünsche von einem selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Leben erfüllen zu können. Trotz Autismus. Trotz Ausschluss. Trotz Unwägbarkeiten. Trotz des Rechtes auf Bildung.
 
Und schon wieder ist ein Jahr vorbei. Schon wieder keine Ahnung, wie es weiter gehen soll. Schon wieder kein Zeugnis. Schon wieder keine Chance auf externe Prüfungen - von was auch immer. Schon wieder Termine verpasst. Schon wieder...

Und Sie versprechen erneut in Ihrer Neujahrsansprache: "Wir lassen kein Kind zurück!"

Aber Frau Kraft, warum lassen Sie mein Kind zurück?.......

 

Einen schönen Tag wünscht

Klara Westhoff

 

 

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