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Die Geschichte von Johannes Teil 1


Zwar ist die Nacht noch nicht vorbei, doch ich wollte doch noch einen Text über einen jungen Autisten und den Weg von der Geburt bis zum Beginn auf der weiterführenden Schule hier reinschreiben. Die Freigabe des Autors habe ich eingeholt.

Der Bericht ist aus 2007.

 

>>>>>>>„Geht doch, oder?"

 Wo fängt das mit dem Kinderkriegen eigentlich an? Also, ich steh auf meinen Mann – und zwar seit über zwanzig Jahren. Doch dafür hat es mit den Schwangerschaften die ersten Jhre nicht so richtig geklappt. Erst wollten wir nicht, dann konnte ich nicht. Dann klappte es it dem Halten der Föten ein paar Mal nicht. Aber dann, dann kam Johannes! Drei Wochen zu rüh, nachdem ich nach einem Verkehrsunfall (nicht selbst verschuldet) einige Zeit mit Wehen im Krankenhaus zugebracht hatte. Zum Glück kam er, denn wäre sein Köpfchen noch weiter gewachsen – das hätte ich nicht mehr rausgekriegt! Er wurde abgenabelt und verschwand für einige Zeit – aus der Traum vom nackten Baby auf dem Bauch. Doch es war alles ok, Werte normal, etwas Gelb, aber sonst ein Traum von einem Kind, mit dunkelgrünen, großen Augen und dunklen Haaren.

Wie alles begann

Immer hellwach und aufmerksam. Ein Speikind erster Güte, ein Schreikind, sobald es zu

hell, zu laut, zu unruhig wurde. Wie viele Stunden habe ich die ersten Monate mit Rumtragen

verbracht? Ich konnte sie nicht mehr zählen! Täglich um die gleiche Zeit, um 17:00, warum

auch immer, ging es rund um den Wohnzimmertisch, immer wieder. Von wegen, mal ins

Auto setzen, herumfahren und schon schläft das Kind – dann war Johannes erst recht

munter und total interessiert. Auf Zuruf beruhigen? Ging nicht. Allein das Berühren und

Sehen hat etwas gebracht. Und dass, obwohl Johannes die ersten Jahre absolut kein

Interesse daran hatte zu kuscheln, er drückte sich weg. Allein die Bewegung beim Tragen

oder Fahren schien ihn zu begeistern.

Der Kinderarzt diagnostizierte Verdacht auf Taubheit. Also los mit einem sechs Monate alten Säugling zur Med. Hochschule Hannover – und warten und testen und warten, und nach ein paar Monaten noch mal hin. Zum Glück hat sich das Thema Hörbehinderung „ausgewachsen". Es war plötzlich nicht mehr da – beziehungsweise: ich denke im Nachhinein, es war nie ein Thema – es war ein Abschalten bei Reizüberflutung und ein erstes Zeichen für ein autistisches Syndrom.

So gingen die Jahre dahin. Das mit dem wenig Schlafen hat sich schnell gegeben.

Milchzähne kamen schneller als üblich und fielen auch eher als beim Durchschnitt wieder

aus. Nur das mit dem Schreien kriegten wir nicht in den Griff – so ein sonniges Kind, aber

leicht aus der Fassung zu bringen. Also verzichteten wir immer öfter auf übermäßige

Reizüberflutung. Ein längerer Urlaub im Wohnmobil zeigt es uns deutlich: ein schreiender

Vierjähriger mitten im Nationalpark, wo alle andern andächtig der Natur lauschten, das kam irgendwie nicht so gut.

Krabbeln fiel bei Johannes ganz aus, rollen ging ja so viel schneller. Mit zwanzig Monaten

stand er auf und rannte los – oder so ähnlich. Seitdem bin ich (fast) immer hinter ihm her.

Das Sprechen war zu Beginn sehr undeutlich, wir haben jedoch auch nie Babysprache mit

Johannes gesprochen. Ich hatte eher das Gefühl, Johannes würde erst Dinge tun, wenn er

sie beherrscht und so schien es auch mit dem Sprechen zu sein. Seitdem er sprechen kann,

spricht er nur noch. Er hat einen leichten Stammelfehler, weil sein Kiefer zu klein ist und die

Zunge nicht genug Platz hat, doch ansonsten spricht er von klein auf, als wäre er ein kleiner

Erwachsener. Das trug jedoch nicht allzu sehr dazu bei, sich mit gleichaltrigen Kindern

anzufreunden, denn die hatten so ihre Probleme mit Johannes. Er spielte für sich allein oder

mit kleineren Kindern, jedoch nach seinen Regeln. Johannes liebte Medizin. Sein

Lieblingsheft war eine Beilage aus der „Hörzu", mit Abbildungen und Erläuterungen der

menschlichen Organe. Mit Bilderbüchern konnte man ihn nicht locken. Impfen, Blut

abnehmen, Spritzen, kleine OPs: sobald er sprechen konnte, machte er alles mit

Begeisterung mit.

 Der Weg in die Schule

Also, Krabbelgruppe ging nicht, Kindergartenplatz bekamen wir erst als Johannes fünf war,

er fühlte sich dort absolut unwohl und freute sich auf die Schule. Doch zu früh gefreut. Der

einzige Freund aus dem Kiga (ein kleiner kurdischer Junge) kam trotz allen Wünschens und

aller Versuche, die Direktorin umzustimmen, nicht mit in seine Klasse und damit nahm das

Übel seinen Lauf. Ich sehe jetzt noch das Einschulungsfoto vor mir: eine fröhliche Schar, 32

lachende I-Dötzchen und ein Kind hat sich missgelaunt die Kappe vors Gesicht gezogen und

schaut zur Seite. Ich hatte keine Chance zu meinem Kind zu kommen und es zu schützen.

Vor mir stand eine Mauer von Eltern, ich hörte nur das Lachen der anderen Erwachsenen

und sah durch eine Lücke wie die Direktorin versuchte, Johannes zu zwingen, zur Kamera

zu gucken. Soviel zum Thema: der schönste Tag.

Johannes hatte viel Spaß am Lernen, aber er war extrem langsam, immer abgelenkt, lernte

genauso wie ich von Anfang an, was Mobbing in der Grundschule heißt. Er konnte sich

verbal nicht wehren, weil er die Angriffe und Späße der anderen nicht verstand und

irgendwann fing er an, sich unverhältnismäßig zur Wehr zu setzen – er kratzte und biss. Was

für ein Spaß für die Schulkameraden – provozieren und anschwärzen war damals ein

beliebtes Spiel als Pausenunterhaltung. Und wie reagierten die Lehrer? Mit vermehrten

Hausaufgaben, Unterrichtsausschluss, Ausschluss von Wandertagen, Sitzen auf der „Roten

Bank" vorm Lehrerzimmer, statt ins Freie zu dürfen – damit Johannes beaufsichtigt werden

konnte. Aha!? Und immer wieder klingelte bei uns zu Hause das Telefon und ich musste mir

eine Litanei von Fehlverhalten anhören, zu dem ich einfach nichts sagen konnte. Das Ende

war immer: „Holen Sie sofort ihr Kind ab." Das kam so oft vor, dass ich letztendlich

vormittags nicht mehr ans Telefon gegangen bin und bei jedem Klingeln anfing, zu zittern.

Irgendwann wurde mir alles zu viel. Nach einem nervenaufreibenden Tag und einem Streit

mit Johannes, dessen Verhalten wir ja auch oft nicht verstanden und nicht einordnen

konnten, ging ich abends ins Bett und wachte im Krankenhaus wieder auf – Grand mal: mein

erster epileptischer Anfall, und es sollten noch weitere folgen. Eine MuKi-Kur in Süddeutschland gab

mir wieder Kraft und Zuversicht, dass es sich lohnt für mein Kind zu kämpfen. Ich war vorher

schon so zermürbt, dass ich schon selbst die ganzen Vorwürfe und unwahren Behauptungen

glaubte, die so um uns herum geäußert wurden.

Johannes’ Vertrauen und Sympathie für seine Klassenlehrerin waren immens, bis zu dem

Tag, als sie ihn des Lügens bezichtigte. Ich sehe noch das Bild vor mir: ein kleiner Junge

schaut erwartungsvoll mit großen Augen zu einer 1,85 großen Lehrerin auf – und sie

beschimpft ihn. 20 Kinder hatten sich in der Pause auf ihn geworfen, Johannes hatte sich

befreit und sich in den Büschen versteckt, doch man ließ ihn nicht in Ruhe wieder

„runterkommen". Die Lehrerin zog ihn heraus, meinte, „sie hätte Angst, er würde auf die

Straße rennen". Die „Pädagogen" waren der Meinung, dass mit richtiger Erziehung und

Medikamenten zur Beruhigung alles besser werden würde. Dass Johannes aber mit einer

veränderten Wahrnehmung und einem hypersensiblem Wesen zu kämpfen hatte, dass

nahmen sie mir nicht ab. Wir versuchten es mit Unterstützung durch die Schulpsychologin,

mit Logbüchern, mit neurophysiologischer Entwicklungsförderung

(Reflexhemmungstherapie) und videogestütztem Verhaltenstraining für uns Eltern – alles

ohne entsprechenden Erfolg: Johannes wurde der Schule verwiesen, man hielt ihn für nicht

beschulbar. Wir drängten auf die andere Grundschule am Ort, wehrten uns vehement gegen

die Schule für Erziehungshilfe und konnten uns durchsetzen. Im sonderpädagogischen

Gutachten stand etwas von „Asperger-Syndrom" – hatte die Lehrerin wohl in den Medien

oder bei einer Fortbildung gehört, danach gehandelt hatte sie jedenfalls nicht. Kurz nach

dem Rauswurf sah der Konrektor das Wort „AS" zufällig im Gutachten und stutzte. Er hat

einen Freund mit einem Asperger-Kind, vermittelte uns den Kontakt und hat sich bei uns

entschuldigt, dass Johannes wohl die ganze Zeit von den beteiligten Lehrern falsch

eingeschätzt worden ist. Ich habe ihm das hoch angerechnet, denn immerhin hatte er mit

Johannes nur am Rande zu tun und ihn nie im Unterricht. Damit begann der lange Weg,

Gerechtigkeit und vor allem Zufriedenheit für unser Kind erreichen.

 

Mit den neuen Informationen und dem bloßen Asperger-Verdacht ging es auf die neue

Regel-Grundschule zur Probe, zum Glück immer noch zu Fuß erreichbar. Ich wollte

Johannes nicht zu einem Fahrkind machen, wenn es sich hätte vermeiden lassen. Der

Direktor wurde über den Verdacht informiert und ich bat ihn um besondere Rücksicht oder

besser um Aufklärung des Kollegiums, doch er wollte nicht hören, meinte, er wolle mit

Johannes ganz neu und unbelastet anfangen. Doch leider ging das schief – nach 4 Tagen,

die anscheinend relativ geregelt abliefen, musste Johannes auch diese Schule verlassen.

Der Direktor berichtete, Johannes hätte ein Kind während der Hofpause gefährlich im

Gesicht gekratzt. Es war wohl keine Aufsicht in der Nähe, die hätte eingreifen können.

Johannes war gerutscht und einem anderen Kind ins Gehege gekommen, das dann auf ihm

drauf lag. Diese Nähe konnte er nicht ertragen. Da das andere Kind nicht dazu bewegen

war, von ihm runter zu gehen, wehrte er sich damit, dass er es kratzte. Wir bekamen keinen

genauen Bericht, was wirklich passiert war, niemand wollte mit uns sprechen. Der Direktor

verlangte von uns, Johannes sofort krankzumelden, damit er vor den Ferien nicht mehr in die

Schule zurückkam. Und das alles ein paar Tage vor Weihnachten 2004. Nun gab es nur

noch die Sonderschule für Erziehungshilfe, erreichbar nur mit dem Schultaxi, einer Stunde

Fahrzeit und mit wechselnden Fahrern. Wir sind an Weihnachten zu der Schule hingefahren,

um sie Johannes wenigstens von außen zu zeigen, sie ihm etwas schmackhaft zu machen

(sosehr wir auch diese Abschiebeaktion verabscheuten).

Dass die E-Schule nicht das Richtige war, wurde mir schon am ersten Tag bewusst, als ich

Johannes den Lehrern dort vorstellen sollte. Das Erste, was kam, war ein „Anschiss" der

Sonderpädagogin, die ihn die vier Tage betreut hatte. Immerhin hatte sie den AS-Verdacht

formuliert und der Vorfall mit dem Kratzen war schon über drei Wochen her. Vor allen

Lehrern und vor mir hat sie ihn lauthals zusammengefaltet. Es war unverschämt und ich

habe mein Kind in Schutz genommen. Immerhin hatte er sich bei dem andern Kind für sein

Verhalten entschuldigt, seine Eltern hatten Johannes auch nichts nachgetragen und die

Sache war abgeschlossen. Somit lief es auch in der E-Schule nicht so besonders. Von

Vorteil war, dass Johannes täglich von zu Hause abgeholt und mittags wiedergebracht

wurde und, dass bei uns zu Hause nicht mehr so oft das Telefon klingelte.

1,5 Jahre – bis zum Ende der Grundschulzeit – hat Johannes ausgehalten. Für ihn war es

Horror, die ganzen Verletzungen, die er davontrug, zeugten von den täglichen Raufereien,

vor denen die Lehrer ihn auch nicht schützen konnten. Sie hatten bis zuletzt, als die

Diagnose schon feststand, nicht wirklich an „frühkindlichen Autismus auf hohem

Funktionsniveau" geglaubt und waren der Meinung durch richtige Erziehung ließe sich das

beheben.

Vom Verdacht zur Diagnose

Durch den Kontakt zu einem Asperger-Vater hatten wir schon direkt vor Weihnachten 2004

das erste Telefonat mit dem Westfälischen Institut für Entwicklungsförderung (WIE) in

Bielefeld-Bethel und konnten uns für einen ersten Begutachtungstermin im März 2005

eintragen lassen. Dort waren wir wirklich gut aufgehoben, besser hätten wir es nicht treffen

können. Schon im Juni war klar, dass eine differenziertere Diagnostik stattfinden

sollte, um endgültig alle Zweifel zu beseitigen. Nach langem Warten durften wir Johannes im

Dezember in der Autismusambulanz vorstellen. Die

Vorarbeit hatten wir schon geleistet, sodass es nur noch den einen Tag in der

Ambulanz dauerte, bis wir das Ergebnis der Untersuchungen und Tests hatten:

insbesondere durch die Sprachentwicklungsverzögerung wurde Johannes als HFA (Autismus auf hohem Funktionsniveau)

diagnostiziert, der Verdacht auf ein autistisches Syndrom hatte sich bestätigt. Uns fiel ein

Stein vom Herzen, endlich Gewissheit, endlich die Möglichkeit, Hilfen zu beantragen, einen

Schulbegleiter für Johannes zu bekommen, endlich! Endlich? Doch es war nur ein weiterer,

wenn auch der wichtigste, Schritt auf einem unendlichen Weg, zu helfen und Hilfe zu

bekommen.

Im Februar 2006 sollten die Grundschulkinder auf der weiterführenden Schule angemeldet

werden. Angemeldet habe ich Johannes im Juli, in den Sommerferien. Ein halbes Jahr

abwarten, Berichte anfordern, Hilfe erbitten, Gutachten erstellen, an Dezernenten wenden

und Druck machen.

Ausgelöst wurde das Ganze durch ein paar kleine Intrigen und veraltete Vorstellungen der

zuständigen Behörden. Schon im September 2005 hatten wir Eingliederungshilfe beim

Jugendamt beantragt, der Bericht der Autismusambulanz wurde nachgereicht. Wir hofften zuallererst

auf Schulbegleitung und Autismustherapie und Hilfe bei der Auswahl eines LRS-Trainings.

Am 30.12.05 hatten wir einen Termin bei der Amtsärztin des KJGD (Kinder- und JugendGesundheitsdienst).

Vier Stunden wurde Johannes erneut in Augenschein genommen und wir über die Entscheidung informiert. Und das keine drei Wochen nachdem Johannes in der Autismusambulanz den Diagnosemarathon durchlaufen hatte und der Ärztin der Bericht auch vorlag.

Sie zielte darauf ab, Johannes LRS-Therapie à la „xxx" zukommen zu lassen

(Eltern als Therapeuten leiten ihr Kind nach einem speziellen Verhaltenstraining an).

Zudem empfahl sie dies mit dem  visuellesm, automatisiertem Schreiben zu verbinden.

Johannes würde oppositionelles Verhalten zeigen und benötige eine konsequente Lenkung.

Aha! Das war der Autismusambulanz gar nicht aufgefallen. Wir wussten auch nichts davon, dass Johannes noch mal im Schnellverfahren getestet werden sollte und hatten ihn für diesen Termin nicht darauf vorbereitet. 2005 war ja schon eine LRS-Testung bei einem unabhängigen Institut (einer Fachfrau auf dem Gebiet der LRS-Förderung)gewesen. Das Gutachten war nicht gerade billig,sodass wir uns wünschten, dass die Empfehlungen auch umgesetzt würden. Doch die Amtsärztin ignorierte unsere Wünsche nach einer wissenschaftlich abgesichertenTherapie.

Zudem hielt sie eine Schulbegleitung für kontraproduktiv, „das wäre doch nur was für schwer körperbehinderte Kinder, so ein

Sonderstatus in der Klasse würde Johannes’ Beziehung zu den Klassenkameraden negativ

belasten." Zusammengefasst: Schulbegleitung ist Unfug, gibt es hier nicht, und das Kind

braucht konsequentes Training. Mit dieser festen Überzeugung und obwohl sie auch Kontakt

Autismusambulanz hatte , ging sie in das erste Hilfeplangespräch

Anfang 2006 und beriet das Jugendamt, entgegen der Einwände der anderen anwesenden Fachleute.

 

Eingliederungshilfe

 

 

Wie gut, dass ich mir ein dickes Polster an Naivität zugelegt hatte, zusammen mit einer

dicken Mappe, was behinderten Kindern nicht verweigert werden darf. Ich wusste von vielen

Beispielen aus den Nachbarkreisen, von fähigen Schulbegleitern und noch fähigeren

Autismus-Therapeuten – und ich ließ mich nicht beirren, beharrte auf einer Schulbegleitung,

verwies auf die Gesetze und brachte den Fachbereichsleiter damit zum Kochen. Er wies

mich mit dem Spruch in die Schranken: „Wer bezahlt, der entscheidet auch und wenn Sie

einem Punkt der Vereinbarung nicht zustimmen, dann können Sie den Rest auch

vergessen." Tja, somit begann der teure Weg durch den Paragraphendschungel und die Anwaltsgebührentafel. Vermutlich war dem Amtsleiter klar, dass nur wenige Bürger eine

Rechtsschutzversicherung haben, die Verwaltungsrecht absichert. Denn gerade E-Hilfe nach

§ 35a fällt bei Unstimmigkeiten unter die Zuständigkeit der Verwaltungsgerichte: ein teures

Vergnügen.

Nachdem Johannes von der Sonderschule eine gymnasiale Empfehlung bekommen hatte,

mit der Empfehlung einen Schulbegleiter dabei zu haben, ging das Chaos weiter. Eine

Schule hatten wir gefunden, einen speziell auf Schulbegleiter für autistische Kinder

ausgerichteten Dienst ebenso, fehlte nur noch die Genehmigung des Schulamtes, der

Bezirksregierung (wegen der Aufhebung des Sonderpädagogischen Förderbedarfs und der Erlaubnis, eine Schule im Nachbarkreis zu besuchen) und - die Finanzierungszusage der Jugendhilfe. Das Intrigenspielchen zu erzählen führt zu weit. Doch kurz gesagt: mit Hilfe der Anwältin, der Unterstützung durch die Schule, des Kreis-Schulamtes, der Bezirksregierung, des Therapie-Institutes, des leitenden Autismus-Koordinators, möglicherweise auch des Bürgermeisters gelang es endlich, das Jugendamt von der Dringlichkeit und dem Nutzen einer Schulbegleitung zu überzeugen. Hat immerhin länger als ein halbes Jahr und unzählige Nerven und Telefongebühren gekostet. Aber wir haben es geschafft: Seit August geht Johannes wieder jeden Tag mit Begeisterung in die Schule, seine Schulbegleitung ist mit Leidenschaft bei der Sache, die Schule freut sich, die Lehrer sind engagiert – was will man mehr? Johannes hat das Probehalbjahr überstanden, seine Leistungen sind zwar mau, aber sein Sozialverhalten ließ bisher nicht zu wünschen übrig. Und das Schönste war der Einschulungstag auf dem Gymnasium: Zum ersten Mal ging Johannes auf eigenen Wunsch und allein auf die Bühne, als sein Name aufgerufen wurde (trotz hunderten von Menschen in der Aula), nahm sogar seine Kapuze ab und marschierte mit seiner neuen Klasse Richtung Klassentrakt. Das rührte mich zu Tränen. Diese Schule tut ihm gut, auch wenn das Jugendamt es lieber gesehen hätte, ihn doch besser in eine weiterführende E-Hilfe-Schule abzuschieben.

Zum Thema Eingliederungshilfe gibt es noch über die LRS-Therapie zu berichten. Während eines Hilfeplangesprächs wurde mir von der Therapeutin im Beisein einer Mitarbeiterin des Jugendamtes Unfähigkeit zu erziehen, mangelnde Kooperation und als Krönung noch vorgeworfen, ich hätte mein Kind zum Autisten erzogen, die Gutachten können nicht in Ordnung sein. Ich war baff, die Vorwürfe kamen völlig unerwartet. Und so was von einer sogenannten Lerntherapeutin, zu der uns immerhin das Jugendamt geschickt hatte. Das

Jugendamt nahm mich vor der Demütigung und der Verleumdung nicht in Schutz. Als „Belohnung" wurde uns die Weiterfinanzierung einer LRS-Therapie gestrichen. Hier mussten wir als Kläger vors Verwaltungsgericht. Wenige Tage vor Ostern lenkte das Jugendamt plötzlich ein und schlug einen außergerichtlichen Vergleich vor. Wir haben einen Gegenvorschlag gemacht, den das Amt dermaßen missverstanden hat (vermutlich aus Eile

nicht richtig gelesen), dass sie wütend ihren ersten Vorschlag erweiterten und wir durch

diese Unachtsamkeit des Amtes nun mehr Hilfen für Johannes bekommen, als von uns

eigentlich vorgeschlagen wurden. Man sollte auch nicht immer das Schlechteste von Eltern

denken. Liebes Amt, dumm gelaufen!

SBA und Pflegegeld

Wie auch schon bei der Beantragung der Schulbegleitung haben mich die Texte auf

www.asperger-eltern.de bestärkt, mit Vehemenz Johannes’ Anspruch auf adäquate Hilfen zu

betonen. Die Beantragung des SBA lief erst problemlos. Antrag aus dem Internet

ausgedruckt, ausgefüllt, Arztberichte dazu und ab zum Versorgungsamt. Doch das wäre zu

leicht gewesen. Johannes bekam seinen SBA mit 60 % und H. Das ebenfalls beantragte B

hatte die Sachbearbeiterin vergessen und stattdessen aG angekreuzt. Klar, dass der

Gutachter des Versorgungsamtes das abgelehnt hat. Doch trotz der Anrufe und Hinweise auf

das Versehen, trotz Widerspruch, der Antrag auf B wurde abgelehnt. Also auch hier der

Gang vors Gericht. Sozialgerichtsverfahren werden zum Glück von der RS-Versicherung

gedeckt. Der vom Gericht bestellte Gutachter aus Münster hatte leider die Unterlagen auf

seinem Schreibtisch vergraben, sodass wir erst nach über fünf Monaten einen Termin

bekamen (leider kriegt man Merkzeichen nicht rückwirkend, sodass ich die ganze Zeit brav

weiter die Zugfahrkarten zur Therapie bezahle). Kyrill zum Trotz (der Termin war am

18.01.07) fuhren wir nach Münster, doch leider nicht am selben Tag zurück. Egal: der neue

Gutachter hat die Ansprüche in allen Punkten bestätigt und auch die Anerkennung ab Geburt

unterstützt. Jetzt warten wir noch auf das Gerichtsurteil.

Wunderbar gelaufen ist es mit dem Ummelden meines Autos auf Johannes. Das Finanzamt

hat gleich alles eingetragen und akzeptiert – Kfz-Steuerbefreiung problemlos.

Das mit dem Pflegegeld war da schon eine andere Sache. Das Versorgungsamt hatte in

seinen Schreiben den Vermerk, es wäre sinnvoll schnellstens Pflegegeld zu beantragen, um

keine Ansprüche zu verlieren. Mit dem Thema habe ich lange gehadert und bin mittlerweile

auf dem Standpunkt, dass gerade für meine eigene Rentenabsicherung der Antrag richtig

war. Ich bin rund um die Uhr mit Johannes beschäftigt, selber Geld verdienen ist momentan

nicht drin. Wir haben keine Eltern oder Bekannte, die mal einspringen könnten. Und wenn,

würde Johannes das nicht akzeptieren. Allein der Gedanke mit PS1 die Möglichkeit zu haben

über den FED Johannes an andere Betreuer zu gewöhnen, die auch mal mit ihm

schwimmen gehen oder Rad fahren oder so – eine Sorge weniger. Ich mache viel zu wenig

mit ihm. Allein durch die Fahrten zur Schule und zurück, die Kontrolle der Hausarbeiten nach

der Schule, den wöchentlichen Fahrten zur Therapie und den täglichen Anforderungen an konsequente Erziehung und auch durch den Haushalt bin ich schon so erschöpft, dass meine eigene Gesundheit auf der Strecke bleibt.<<<<<<<

Der Rest folgt, da der Platz fehlt, morgen.

Gute Nacht wünscht Euch

Klara Westhoff

 

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