• kostenlos mitmachen

Einsame Künstlerin


Es war wieder einer dieser Tage...sie stand am Fenster und sah hinaus, ihr Blick folgte dem beginnenden Regen, der die Konturen der Stadt in der Ferne langsam verschwinden ließ. Sie war müde und ihrer Augen fühlten sich an, als hätten sie schon eine Ewigkeit keinen Schlaf mehr gesehen...und um ehrlich zu sein, sie wusste gar nicht, wie lange sie schon hier oben war...




Das Atelier hatte alles, was man sich nur wünschen konnte, eine Menge Platz, genügend leere Leinwände, Farben über Farben in allen irdischen Nuancen, Pinsel...so viele, dass man Tage gebraucht hätte um sie zu zählen, es gab ein bequemes Sofa und jede Menge Bücher von "Antike Architektur" über "Da Vincis universelle Kunst" bis hin zu "Zeitlose Meisterwerke der Malerei". Der Kühlschrank war voll und das Badezimmer bestens ausgestattet, auch wenn es recht klein erschien. Man konnte aber ein Auge zudrücken, denn das wohl Beste am ganzen Raum waren die vielen Fenster, die das ganze Atelier mit Licht durchfluteten und ihm eine unglaubliche Offenheit und Lebendigkeit zu verleihen schienen.




Aber jetzt, wo es schon Tage lang regnete und der Himmel keinen einzigen Sonnenstrahl mehr durchließ...!




…Sie fühlte sich leer, ideenlos, wie eine Tonskulptur die nach und nach immer mehr Risse bekommt...bis sie letztlich auseinander bricht. Die Leinwand war noch immer weiß, sie fand einfach keinen Anfang! Sie wollte etwas schaffen, dass die Menschen berührte, ihre Seelen ergriffen, ihr Fühlen und Sehen beeinflusste. Doch sie fand einfach keinen Anfang, kein Thema, keine Vorstellung davon, was sie hätte auf die Leinwand projizieren können. Natürlich, die üblichen Dinge, die den Menschen ergreifen, wie spielende Kinder in den Slums, Unglücke, Katastrophen, Krieg oder auch politische Statements...darüber hatte sie schon nachgedacht. Aber sie wollte etwas Neues schaffen, nicht das Übliche, dass man schon tausendmal in den Medien gesehen hat, sondern etwas...dass die Menschen in ihren Grundsätzen erschüttern sollte. Währen sie noch immer grübelt, verschwand die Stadt hinter einer Wand aus dichtem Regen und sie merkte nicht, dass ihre Schaffenskrise eventuell nur ein Problem ihrer zu hoch gestochenen Ziele war...





Die Kunst war schon immer das gewesen, was sie glücklich machte. Diese unglaubliche Freiheit, sich selbst auszudrücken...ihre Gefühle und Erlebnisse zu verarbeiten, die Menschen daran Teil haben zu lassen. Wenn sie malte, vergaß sie alles um sich herum...ja sogar sich selbst! Sie aß nichts, trank wenig und sie schlief nicht. Sie hatte auch gar kein Bedürfnis danach, wenn sie malte, gab es nur sie und die Leinwand. Jeder Pinselstrich war wichtig, trieb sie weiter voran in Richtung Ziel. Aber es war immer mit Freude verbunden, mit Liebe...die Kunst war ihre Oase, ihre Erfüllung.





Ihre Gemälde waren nicht perfekt! Sie waren weder anatomisch genau noch realistisch. Aber darauf legte sie auch keinen besonderen wert. Ihre Kunst war immer individuell hochwertig, eine Bereicherung für ihre Mitmenschen, ein Blickfang ihrer Seele. Man sah sie selbst, wenn man ihre Bilder betrachtete, aber sie…sah das nie so.





Am Anfang ging es ihr nur um die Liebe zur Kunst, je mehr sie darüber las und sosehr sie mit Farben experimentierte, desto mehr kam in ihr der Wunsch auf, ihre Ausführungen zu Perfektionieren. Doch sie selbst wusste gar nicht, was Perfektion ist, was sie bedeutet. In ihren Augen war Da Vinci ein Meister seines Handwerks, seine Bilder drückten eine unglaubliche Tiefe aus, sie standen in Kontakt mit demjenigen, der sie betrachtete. Aber auch Michelangelo Buonarotti hatte es ihr angetan, seine Davidstatue war einfach unglaublich…anatomisch perfekt, anmutig, ein Spiel  zwischen Harmonie und Spannung, zwischen Ruhe und Bewegung. Doch sie sah auch, dass die Künstler vergangener Epochen, eigentlich alles gezeigt hatten…sie berührten, sie spielten mit der Kunst, ja…, sie versuchten sogar Töne auf die Leinwand zu bringen.





Was ist die Perfektion? Was sollte sie noch besser machen…so vielfältig wie die Kunst war, so individuell, so facettenreich…kann man da sagen, dieses ist perfekt und jenes ist nur Schund? Man kann vielleicht sagen, das Bild berührt mich, löst etwas in mir aus…aber mit Perfektion muss das nichts zu tun haben. Man kann auch ein verhungerndes Kind in Afrika so malen, dass es bei vielen Menschen nichts auslöst, sie einfach kalt lässt, weil es stupide gemalt ist, oder die Dynamik und Dramatik des Augenblicks einfach nicht einfängt...!





Aber dieser aufblühende Perfektionismus kam erst nach und nach...mit den Jahren...ich selbst kannte sie noch ganz anders.   





 


 

 




Nächstes mal mehr aus dem leben der einsamen künstlerin

Kommentar schreiben

Du musst dich Einloggen oder kostenlos anmelden um Kommentare zu schreiben