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Augenblick


Leise tönte die Musik im Hintergrund und versuchte, den anwesenden Personen eine verträume Atmosphäre zu verschaffen. Mit den Lächeln auf ihren Lippen formten sie liebliche Worte, die wie Zucker aus ihren Mündern sprießten, überall schien Fröhlichkeit zu herrschen und die vielen Kerzen , die verführerisch auf den Tische flackerten, schienen eine außergewöhnliche Untermahlung der Romanze beizubringen. Ab und zu erhebten sich manch Frauen, da ein höflicher Herr sie um einen Tanz gebittet hatte und so 'schwebten' sie über die Fläche mit dem frisch polierten Marmorboden. Wie immer folgten meine Augen den vorbei kommenden Menschen und ab und zu kamen mir auch die Gedanken, die wohl für so eine schöne Zeit nicht angemessen waren. Bei einem Blick zum Kronleuchter, der riesig in der Mitte des Saales hing, stellte sich mir nämlich die Frage auf, ob nicht dieser versehentlich runter fallen könnte. Versichern konnte ich mir dies mit keiner einzigen Antwort und so wand sich meine Aufmerksamkeit einem tanzenden Pärchen zu, perfekt schienen sie sich in die Masse zu intergrieren und wie immer fühlte sich dabei meine kleine,unwichtige Anwesenheit lästig vor. Auch wenn Vater mit der Absicht für einen zulünftigen Mann mich hier her führte, war mir gleichzeitig die Unwahrscheinlichkeit bewusst. Schon immer besaß ich eine persönliche Abneigung gegen Liebe und diese Naivität, die jeden Menschen in dieser Zeit besuchte. Leicht abwesend versuchte ich hinter das Gesicht einer Frau zu schauen, deren Augen eine sichtliche Sorge verkündigten. Ungeduldig ergriff sie immer wieder ihre rechte Hand und kratzte diese, manchmal zog sie auch ihr Kleid zu Recht, obwohl dieses sehr ordentlich aussah und keinen Grund für ihr Verhalten auf wies. 
Beobachten war schon immer eine Beschäfttigung mit großer Leidenschaft meinerseits, wobei diese für manch Bekannte eine starke Unruhe in ihnen verursachte – Natürlich konnte ich dies nicht nachvollziehen, doch in ihren Augen gleichte ich viel mehr einem obsessiven Perversling als einer neugierigen, aber auch zurückhaltenden Dame. Noch dazu war ich weiblich und sah deswegen noch weniger Grund für so eine absurde Annahme, bei einem Mann wäre dies wenigstens ein kleines Bisschen verständlicher gewesen. 
Irgendetwas berührte in diesem Zeitpunkt meinen rechten Arm, weswegen ich in Gedanken versunken hochschreckte und gepeinigt zu einem jungen Mann hoch schaute, dessen Lächeln breit sein Gesicht verzierte. Am liebsten hätte ich seine Augen weiter betrachtet, doch die Maske ließ dies nicht all zu gut zu. "Tut mir Leid, falls ich in Ihnen Unruhe erweckt habe. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mich vielleicht dazu gesselen würde?", die sanfte Stimme erweckte eher Misstrauen in mir, trotz allem nickte ich ihm mit einem Lächeln zu und setzte mich im 90 Grad Winkel auf, immer wieder bekam ich in dieser Sitzhaltung Anspannungen im ganzen Körper. 
"Nun denn, was führt sie her?", erklang zum ersten Mal meine Stimme am Abend, unpassend zu meinem Äußeren war diese hart und bestimmt. Passend für einen Diktator, gab einmal Vater den Kommentar, den ich jedenfalls nicht als lustig empfand, doch Humor kannte doch allseits bekannt bei Menschen nie Grenzen. Etwas interrisiert hoben sich meine Augenbrauen und vorsichtig lauschte ich seinen Worten, schließlich sollte er nicht schon beim ersten Mal meine vollkommene Aufmerksamkeit verdienen. 
"Es schadet nie, sich die Zeit mit ein paar netten Damen zu vertreiben, finden Sie nicht?", bei diesen Worten erschien ein beinah übertriebenes Lächeln, weswegen auch meine Mundwinkel anfingen sich zu heben. 
"Da kann ich dies leider nur minimal nachvollziehen." - "Ach, ist das so? Und warum sitzen sie dann hier anstatt sich irgendwo bei seinem Wunschort zu begeben?" 
Kurz flackerte ein Bild in meinem Unterbewusstsein auf, dass mich an etwas Vergangenes erinnerte und mir damals Tagen die Ruhe beraubt hatte. "Das Unwissen siegt wie immer. Haha, nein, mein Vater kann die Hoffnung auf einen zukünftigen Mann nie aufgeben. Selbst einen auswählen kann er nicht, da ich dazu stehe, sie zu vergraulen." Nun setzte sich auch der Mann mir gegenüber auf und für einen kleinen Moment schien ich erwiderte Interesse zu bemerken, sicher war ich mir dabei jedoch nicht. 
Urplötzlich ergriff der Fremde meine Hand und zog mich mitten zu der Tanzfläche, dabei folgten uns manch überraschte Gesichter. "Was haben Sie vor?", flüsterte ich mit einem misstrauischen Blick, der sich durch mein Stirnrunzeln weis machte, zu. "Na, Tanzen was denn sonst?", ein leichtes Kichern entfuhr ihm und gemeinsam drehten wir uns zwischen den anderen Pärchen. Auch wenn er mir unbekannt war, war dieses Gefühl etwas Schönes, genau umzugehen damit war jedoch nicht möglich. 
"Manchmal wird man sich selber bewusst, dass man psychisch um so viel weiter als die restlichen ist und beginnt dann mit diesem Schritt sich von den Anderen abzuschneiden. Ist dies bei ihnen nicht der Fall?", seine Worte besaßen etwas Wahres und das Auftreffen mit meinen Schuhen und dem Boden erzeugte ein Geräusch, dass mir eine Gänsehaut auf der Haut erscheinen ließ. Sanft lächelte ich weiter und schritt in die eher einsame Hälfte des Saales. 
Plötzlich blieb mein Tanzpartner stehen und beugte sich zu mir vor, beinah nahm ich an, dass er mich küssen wollte, doch seine Lippen glitten nicht zu meinem Mund sondern zu meinen Ohren. Leise flüsterte er die Worte, die eine innerliche, psychische Panik in mir verursachten. "Sie werden irgendwann auch so sein. Nie werden sie es schaffen, sich von den anderen wahrhaftig abzuheben. Wenn sie dies tun werden, ist ihr Leben vorbei. Passen sie auf sich auf, versuchen sie lieber aktiv zu werden und so tun, als wären sie ebenfalls eine dieser Marionetten. Ansonsten wird es sehr gefährlich für sie..." Sanft strich er meine Wange und blickte mir direkt in die Augen, wobei die Maske weiterhin auf meinem Gesicht aufgesetzt war. Zögerlich nickte ich und täuschte ein Lächeln vor mit dem ich anschließend weitertanze. Den Rest des Abends sprachen wir kein einziges Wort mehr miteinander, was mich etwas enttäuschte. Fest entschlossen nahm ich mir vor, ihn in den nächsten Tagen aufzusuchen. Denn dieser Augenblick glitt beängstigend nicht mehr aus meinem Bewusstsein.

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