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Schlesak, Ein Dichter in der Gaskammer


 

http://atelier.liternet.ro/articol/12506/Norman-Manea-Daniel-Cristea-Enache/Intrebarea-neformulata.html

 

 

Aus:

 

Dieter Schlesak

„Capesius, der Auschwitzapotheker“, Erste Fassung

Im Buch bei Dietz, Bonn 2006  nicht erschienen.

 

Nepublicat în cartea originală dar si in versiunea româneasca: „Capesius, farmacistul dela Auschwitz”. Trad. Cosmin Dragoste (Polirom, 2008) capitolul nu a apărut..

 

 

                                              XXIII

 

                     EIN DICHTER  IN DER GAS­KAM­MER     

Adam: „Seine Frau war Christin, er hätte also nach französischem Recht frei werden können. Auch hatten Stéphane Lupasco, Jean Paulhan und Emile Cioran bei den französischen Behörden Fondanes Freilassung erwirkt. Doch der hatte es vorgezogen, die Schwester nicht zu verlassen und mit in den Tod zu gehen. Fondane hatte noch einen erschütternden Abschiedsbrief an seine Frau geschrieben und wurde am 30. Mai 1944  mit dem vorletzten Transport in einem der Viehwaggons nach Auschwitz deportiert, er war krank und elend,  das war im Mai, und er wurde in einem sehr harten Kommando eingesetzt, das Terrassierungsarbeiten machen musste. Am 29. September begann die SS eine forcierte Räumung des Lagers, die jüdischen Häftlinge wurden in Block 9 und 10 eingesperrt. Jeder wusste, was das bedeutet. Und dann  am 3. Oktober 44  kamen alle in die Gaskammer.“

An diesem Tag, nur zwei Stunden später, wurden sie mit Lastwagen abgeholt. Es waren nur noch die Juden da; die Arier waren ins Lager zur Arbeit zurückgeschickt worden. Es regnete. Beim Aufruf ihres Namens kam einer nach dem anderen aus dem Block und stieg auf einen der Lastwagen. Es waren siebenhundert. Ich sehe Benjamin noch aus dem Block kommen, aufrecht an den SS-Leuten vorbeigehen, seinen Jackenkragen schließen, um sich gegen Kälte und Regen zu schützen und auf den Lastwagen steigen. Einer nach dem anderen der schwer beladenen Lastwagen fuhr nach Birkenau ab. Zwei Stunden später waren unsere Kameraden vergast.

Deutsch  sage ich. Und ich bin schon davon überzeugt, dass es die einzige Sprache ist, die ins Zentrum zielen kann…  Nicht etwa weil es meine Mutter-Sprache ist, nein, die verlorene Gabe über Gott zu sprechen, wiederherzustellen, denn Gott ist ja seit Auschwitz ausgezogen aus dem Bereich menschlicher Erfahrung. Und eine Wiederkehr müsste aus dem Todesidiom selbst kommen…Doch angesichts der Gaskammer gilt kein Glaubens- oder Trostspruch mehr, geschweige denn Literatur. Etwas war durch die Toten DORT offenbar geworden, was nicht seinesgleichen hatte, was es bisher noch niemals auf dieser Erde gegeben hatte. Fondane hat das, worüber wir nur nachdenken können, in der Gaskammer erfahren, und dann ganz konsequent mit dem Leben bezahlt.

 Es gibt dazu Unvorstellbares, das der Zeitbruch als Hölle ausweist, das das Menschsein unmöglich macht:  stell es dir ruhig vor, aber du wirst es nie schaffen: In jenen Tagen wurden 7000 nackte Frauen für mehrere Tage ohne Essen und Trinken in zwei Blocks gepfercht, wo nur 2000 Menschen Platz hatten; sie lagen körperwarm und verschmutzt, voller Kot und Urin stöhnend, jammernd, schreiend da, die meisten krank und schon halbtot, viele Leichen unter ihnen, übereinander, in einem infernalischen Gestank von Verwesung, Krankheit und Kot. Wenigstens Monatsblut hatte keines der halbverhungerten Skelette mehr. Das Sterben im Gas -  wie eine Erlösung. Ruhende Asche. Und hör dazu die heuchlerische Stimme dieses sensiblen Verbrechers:

„Wenn man die Frauen mit den Kindern in die Gaskammern gehen sah, so dachte man unwillkürlich an die eigene Familie. Ich war in Auschwitz seit Beginn des Massenmordens nicht mehr glücklich.“

So schrieb der KZ-Kommandant Höß kurz bevor er 1946 in Auschwitz gehängt wurde: „Wohl allen, bis auf wenige Ausnahmen, der zu dieser ungeheuerlichen ´Arbeit´, zu diesem ´Dienst´ Kommandierten und wie auch mir selbst haben diese Vorgänge genug zu denken gegeben… die meisten der Beteiligten traten oft bei meinen Kontrollgängen durch die Vernichtungsstellen an mich heran, um ihre Bedrückung, ihre Eindrücke an mich loszuwerden, um durch mich beruhigt zu werden. Aus ihren vertraulichen Gesprächen hörte ich immer wieder die Frage heraus: Ist das notwendig, was wir da machen müssen? Ist das notwendig, dass Hunderttausende Frauen und Kinder vernichtet werden? Und ich, der ich mir unzählige Male im tiefsten Innern selbst diese Frage gestellt, musste sie mit dem Führer-Befehl abspeisen, damit vertrösten. Musste ihnen sagen, dass diese Vernichtung des Judentums notwendig sei, um Deutschland, um unsere Nachkommen für alle Zeit von den zähesten Widersachern zu befreien.“

 

 

Eine frühere Version:

O versiune anterioră din „Farmacistul dela Auschwitz“

(Care vine din oraşul meu natal şi a fost prietenul părinţilor mei.)

 

                                         FONDANE       

 

Und dann erzählte Salmen noch etwas, was über jede Sprache  hinausgeht, und nur Gesten, nur Haltungen, nur Stummheit zählt: nämlich wie bei einer der letzten Vergasungen, ein Bekannter von ihm, eben ein Poet, ein rumänischer Poet, der  Benjamin Wexler hieß, als B. Fondane in Paris gelebt hatte, von der Concierge angezeigt, am 7. März 1944  von der französischen Polizei verhaftet und gemeinsam mit der Schwester Lina in Camp Drancy interniert wurde, sich verhalten hatte, nämlich so, als würde er durch seinen Tod etwas einlösen, dem er sich sein Leben lang zugeschrieben hatte! Seine Frau war Christin, er hätte also nach französischem Recht frei werden können. Auch hatten Stéphane Lupasco, Jean Paulhan und Emile Cioran bei den französischen Behörden Fondanes Freilassung erwirkt. Doch der hatte es vorgezogen, die Schwester nicht zu verlassen und mit in den Tod zu gehen. Fondane hatte noch einen erschütternden Abschiedsbrief an seine Frau geschrieben und wurde am 30. Mai 1944  mit dem vorletzten Transport in einem der Viehwaggons nach Auschwitz deportiert, er war krank und elend,  das war im Mai, und er wurde in einem sehr harten Kommando eingesetzt, das Terrassierungsarbeiten machen musste. Am 29. September begann die SS eine forcierte Räumung des Lagers, die jüdischen Häftlinge wurden in Block 9 und 10 eingesperrt. Jeder wusste, was das bedeutet. Und dann  am 3. Oktober 44  kamen alle in die Gaskammer, er, Salmen, habe damals wieder im Krankenbau gearbeitet,  Wexler sei ja lange im Krankenbau gewesen, und da habe er alles mitbekommen, und mit dem Poeten habe er Rumänisch gesprochen, mit der Frau Dr. Böhm allerdings immer deutsch, das Rumänische aber sei wie eine Erlösung gewesen. Und Gedichte habe er mit dem Poeten getauscht: „Ich erinnere mich sehr deutlich daran, wie er zwischen den Bett-Reihen hin und her ging und seine gleich ihm eingewiesenen französischen Freunde besuchte (mit einer Decke auf den Schultern über einem schlechten Hemd, eine Hose hatte er sich nicht beschaffen können). Er bewahrte trotzdem seine ganze Würde, erzählte, zitierte Gedichte, literarische Erinnerungen, diskutierte über die internationale Lage, gerade so, als habe er sich in einem Pariser Salon inmitten seiner Freunde befunden. Manchmal setzte er sich auf sein Bett, und wir sprachen lange. Du musst ihn dir vorstellen mit seinem uralten, tausendfach zerfurchten Gesicht, und seiner gescheiten und unaufhaltsamen, von niemandem zu bremsenden Rede. Benjamin hatte den Todessinn nicht verloren, er sah gelassen, ja, wie einer innern Gesetzmäßigkeit seinem Gastod entgegen. Und sprach einmal sogar von „reinlichem Schicksal“. Voller Verachtung und Todesverachtung kam der Dichter im Lager an, in seinem ganzen Wesen war er der Welt entzogen, die er noch mehr verachtete, seit er hier war, an jenem infernalen Grenzort, wo alles, was  die Geschichte hervorgebracht hatte, ad absurdum geführt wurde; das sagte er auch, und das gab mir damals seltsamen Mut, aber auch eine große  Achtung vor diesem Mann.  Und heute verehren ihn die Israelis.  Du weist ja, ich hab mit Israel eine tiefe Beziehung, sie schicken mir auch Geld, sie schicken mir israelischen Carmel-Wein und Cognac, die Sachen liegen in der Synagoge*, morgen zeig ich’s dir, sie sind zum Verkauf gedacht, zur Erhaltung des Tempels, ich versorge ihn ja hier allein.  Also es gibt jetzt sogar ein Centre d`´Etudes Benjamin Fondane an der Universität von Tel Aviv und eine Zeitschrift „Cahiers“ Auch die Sprache, die Sprache nach Auschwitz und gerade sie wird bei ihm geehrt! Das Undenkbare, ja, auch als Sprache. Mit seinem Tod erlebte Fondane ja ihren Tod, so stellte ich es mir dann vor. Er ermahnte uns, dem Tod keine niedrige Gewalt über uns einzuräumen, sondern diesen „historischen Tod“ anzunehmen, die Henker seien nur Handlanger und dumme „Schicksalsdiener“ eines Zustandes, der hier an der Endstation einer verbrecherischen Zivilisation angekommenen sei, „Hure Historie.“ Denn ab jetzt sei nichts mehr möglich, was bisher noch möglich gewesen war.

     Für ihn war der innere Zeitsinn  nicht an den äußeren gekoppelt, sondern  nur möglich in einem „Anwesen“, das durch eine Entscheidung abgekoppelt werden konnte von der äußeren Zeit, die eher Raum war, und hier jetzt als „gesteigerte Endrealität bisheriger Geschichte“ eben „Auschwitz“ hieß. Im „Anwesen“ dagegen waren Gedanken und alles Kreative möglich, also Zukunft, die mit dem Tod nicht ende!!! In Auschwitz aber herrschte die pure Außenwelt, ein Dauerzustand der Qual, so dass dieses pausenlose zum „Wachsein“ geprügelt und aufgerufen-Sein, erstrecht in diesem Müde- und Kaputtsein einen Zustand des schmerzhaften, schier körperlichen Alptraumes erzeugte, am schlimmsten im totalen Unberührtsein des Muselmannes, dem Zombie-Zustand, wo das Bewusstlose des Körpers albträumte.

Auschwitz ist der totale Bruch mit der innern Zeit, sagte Adam, mit der Fähigkeit des Abkoppelns vom Außen, der Entscheidungsmög­lichkeit, also eines ICH überhaupt, beginne auch der Widerstand hier. Und ich wusste wovon er sprach und brachte es durchaus auch mit der „Kampfgruppe“ zusammen, die freilich gescheitert war, was wir damals noch nicht wussten! Und da Zeit seit Kant immer subjektiv ist, ein subjektives Kollektivum, ist seither die Zeit, auch die bisherige Geschichtszeit tot; bisherige Geschichte, bisheriges Menschsein wurde hier aufgewogen, aufgehoben, erledigt, von jetzt an unmöglich gemacht! Es geht alles zwar automatisch weiter, doch die Möglichkeit zur kollektiven innern Anteilnahme, also eines festen Bodens für Lebenssinn gesellschaftlich vermittelt, ist tot. Daher dieser Zustand der Welt heute, der ein überholter ist, und ganz andere Entscheidungen erfordern würde, als jene, die die Politik heute auf erbärmlich kleine Art trifft! Täglich werden die Toten von Auschwitz heute und nachträglich verraten. Für Benjamin Fondane hieß hier in der Gaskammer  sterben: ganz konsequent das Schicksal der Welt zu tragen, einzulösen. Benjamin machte uns darauf aufmerksam, ich glaube es war der vorletzte Nachmittag seines Lebens bevor die Lastwagen kamen, ihn und alle Juden des Häftlingskrankenbaus in die Gaskammer abholten, am 3. Oktober im Nieselregen, dass dies niemals das Ende sei, sondern ein Anfang! Ich musste an Sokrates Tod denken, als er kurz vor seiner Hinrichtung wieder stundenlang sprach, so als wäre er in Paris unter Freunden in seinem Salon und nicht m Krankenbau von Auschwitz-Birkenau angesichts der rauchenden Kamine, wohin er auch bald gebracht werden sollte,  und daher alle in den Bann schlug, als er wie ein Wesen von einem fremden Stern sagte: dass dieser „innere Sinn“, der die Welt bisher zusammengehalten habe, ja eng mit etwas „Apriorischem“ in uns, in allen Menschen,  zusammenhänge,  das Bindemittel für jeden Gedanken, jede Tat, nämlich die Glaubwürdigkeit von Moral,  hier tot sei, nicht einfach tot, nein, sondern ad absurdum geführt werde!

An diesem Tag, nur zwei Stunden später, am 3. Oktober nachmittags wurden sie mit Lastwagen abgeholt. Es waren nur noch die Juden da; die Arier waren ins Lager zur Arbeit zurückgeschickt worden. Es regnete. Beim Aufruf ihres Namens kam einer nach dem anderen aus dem Block und stieg auf einen der Lastwagen. Es waren siebenhundert. Ich sehe Benjamin noch aus dem Block kommen, aufrecht an den SS-Leuten vorbeigehen, seinen Jackenkragen schließen, um sich gegen Kälte und Regen zu schützen und auf den Lastwagen steigen. Einer nach dem anderen der schwer beladenen Lastwagen fuhren nach Birkenau ab. Zwei Stunden später waren unsere Kameraden vergast.

Ich weiß es, ich habe es selbst gesehen, allerdings bevor die schwere Eichentür geschlossen und verriegelt worden war: sah die Nackten in der Gaskammer, weiß schimmerte das Fleisch, glänzte matt, die Härchen, der Flaum an der eigenen Hand, der Schreibhand, das hatte er immer angesehen, bei einer Denkpause, Schreibpause, zwischendurch, wenn er aufwachte aus dem Wegsein in Gedanken, schreibend. Und Pfeifen, und Befehle, Kommandos. Er war vom Turnen befreit gewesen, immer ein wenig schwächlich. Er hatte immer nur gelesen. Bücher beruhigten, hoben alles, hoben auf. Er wußte jetzt genau, wo er war. Ob er daran glauben sollte, dass er einmal berichten müßte, Zeile für Zeile, alles, was am Ende geschehen, wenn es einmal gewesen sein wird, in der nächsten Minute gewesen, nachher: er ein Zeuge, dass es nicht vergessen werden wird, was geschehen und gewesen war. Auch wenn er es gewollt haben würde, Sehend, Schreiben zu einer Beschäftigung gemacht zu haben, während es geschah, von dem alle wußten, dass es einmal kommen musste, nicht so für alle, schon öffnete sich die Tür, er ging, es erleben zu müssen, was hier, wenn der Satz weiter geht, unmöglich ist.

   Das kleine Mädchen durfte ein Märchenbuch und seine Puppe mitnehmen ins Bad, eine Geschichte von Brüderchen und Schwesterchen, seine Oma von Tränen erstickt, tapfer im Lesen, die Stimme überwunden, erstickt lesend.

 In jenem grauenhaften Augenblick, über den er nicht mehr Zeugnis ablegen konnte, war alles, was er gedacht und geschrieben hatte, bestätigt worden. Er war einer der heftigsten Kritiker der europäischen Zivilisation und ihrer Maschinen, die wichtigste, die Todesmaschine von Auschwitz hatte es ihm bestätigt, ja, er hat es mit dem Leben bezahlt. Ich musste auch an die arme kleine Ilonka aus Klausenburg denken, die es überlebt hat, also bezeugen könnte, was sie dort in der Kammer erlebt hatte, was kein Mensch bezeugen kann! Aber sie hat nachher geschwiegen, obwohl sei auch deutsch konnte….“

„Wieso… auch deutsch konnte… sollte sie es denn deutsch sagen?! Oder auf hebräisch, jiddisch? In jiddischen Liedern, auf Hebräisch in der Sprache des Gebets? …“

 „Deutsch sage ich. Und ich bin schon davon überzeugt, dass es die einzige Sprache ist, die ins Zentrum zielen kann…  Nicht etwa weil es meine Mutter-Sprache ist, nein, die verlorene Gabe über Gott zu sprechen, wiederherzustellen, denn Gott ist ja seit Auschwitz ausgezogen aus dem Bereich menschlicher Erfahrung. Und diese Rehumanisierung müsste aus dem Todesidiom selbst kommen… Und dann gesteigert noch, denk an ihn und an Ilonka…  Angesichts der Gaskammer gilt kein Glaubens- oder Trostspruch mehr, geschweige denn Literatur. Es war dort von uns „erlebt“, Gottseidank vergisst man es mit den Jahren, wie einen Albtraum, und doch schrei ich auch jetzt noch nachts, schrecke hoch, etwas war durch die Toten DORT offenbar geworden, was nicht seinesgleichen hatte, was es bisher noch niemals auf dieser Erde gegeben hatte. Fondane hat das, worüber wir nur nachdenken können, in der Gaskammer erfahren, und dann ganz konsequent mit dem Leben bezahlt.

 

 Es wird ein Abend kommen, an dem ich gehen werde.

Und weiß nicht, wo ich ende, an welchem Ort der Erde.

Ob ich dann dort verwese, mich dort im Keim bewege,

nur einer Erde Schweigen wird sich dann auf mich legen.

Und du wirst wie gewöhnlich am Abend zu mir gehen,

kühl wie ein Nussbaumschatten an meinem Kopfe stehn.

Wirst an der Starre merken, dass ich gegangen bin.

Du bist der letzte Lichtschein, du bist ein Neubeginn.

Du wirst dann nicht mehr fragen, warum ich dir nicht fehle,

dir deinen Knien, dem Ohrring und deiner schönen Seele.

Schweig! Für diese neue Gegend, brauchst du ganz andere               

Worte, such sie in mir, die alten, dumpf die Gedächtnisorte.

Tumult ein Schrei. An diesen Orten liebt ich dich,

und lieben werd ich wieder, den Stein mit Judenschrift.

Die Flut der Blicke heute, die an der Erde lecken,-

ich kann mich gar nicht länger vor meinem Tod   verstecken.“

 

Adam: Es gibt dazu Unvorstellbares, dass der Zeitbruch als Hölle ausweist, dass das Menschsein unmöglich macht:  stell es dir ruhig vor, aber du wirst es nie schaffen: In jenen Tagen wurden 7000 nackte Frauen für mehrere Tage ohne Essen und Trinken in zwei Blocks gepfercht, wo nur 2000 Menschen Platz hatten; sie lagen körperwarm und verschmutzt, voller Kot und Urin stöhnend, jammernd, schreiend da, die meisten krank und schon halbtot, viele Leichen unter ihnen, übereinander, in einem infernalischen Gestank von Verwesung, Krankheit und Kot. Wenigstens Monatsblut hatte keines der halbverhungerten Skelette mehr. Das Sterben im Gas -  wie eine Erlösung. Ruhende Asche. Und hör dazu diese heuchlerische Stimme dieses sensiblen Verbrechers:

„Wenn man die Frauen mit den Kindern in die Gaskammern gehen sah, so dachte man unwillkürlich an die eigene Familie. Ich war in Auschwitz seit Beginn des Massenmordens nicht mehr glücklich.“ So schrieb der KZ-Kommandant Höss kurz bevor er 1946 in Auschwitz gehängt wurde: „Wohl allen, bis auf wenige Ausnahmen, der zu dieser ungeheurlichen ´Arbeit´, zu diesem ´Dienst´ Kommandierten und wie auch mir selbst haben diese Vorgänge genug zu denken gegeben… die meisten der Beteiligten traten oft bei meinen Kontrollgängen durch die Vernichtungsstellen an mich heran, um ihre Bedrückung, ihre Eindrücke an mich loszuwerden, um durch mich beruhigt zu werden. Aus ihren vertraulichen Gesprächen hörte ich immer wieder die Frage heraus: Ist das notwendig, was wir da machen müsssen? Ist das notwendig, dass Hunderttausende Frauen und Kinder vernichtet werden müssen? Und ich, der ich mir unzählige Male im tiefsten Innern selbst diese Frage gestellt, mussste sie mit dem Führer-Befehl abspeisen, damit vertrösten. Musste ihnen sagen, dass diese Vernichtung des Judentums notwendig sei, um Deutschland, um unsere Nachkommen für alle Zeit von den zähesten Widersachern zu befreien.“

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* Die Synagoge von Sighişoara-Schässburg

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