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September 2012


 

 

                                               NOTA BENE[1]

                            Rück  Führer

                                      Ein Aber-Buch


 

7./8.September 12:

Heute wieder ein Gedicht:

 

Wegen der Poesie in mir/ um sie/ zum Klingen zu bringen

Ein Singen: die Wörter wie sie sich öffnen.

Jetzt. Hier. Unter dem Olivenbaum.

Spielt auf dem Travertin/ der Schatten/ der Blätter

Als könnte man auf ihnen schreiben

Notfalls mit Regen: Tränen.

 

Nullzeit nahe?/ Erinnerungen lallen wieder/ ich sah eben

in der Repubblica die auf dem Tisch liegt / das Wort „presente“.

 

Im Bărăgan die Militärzeit/ die militărie:/ da hatte man sich mit

„presente“ beim Aufruf zu melden.

 

 

Was ist da nachts/ diese Sterbensangst/ ein Falter

Flog eben vorbei/ ein leichter Wind vom Meer

Ist angenehm/ blättert die Zeitung/ungelesen

Um. Und um und um.

 

Und jetzt die Freunde Piero und Christa im Nachbarhaus

Sie gehen/ ohne zu grüßen/ auch wieder nach Haus.

 

Alles nimmt ab/wird weniger und

Weniger/ als werfe das Ende seine Schatten voraus.

 

Aber: das Gras wie´s wächst/ auch mit dem toten Jandl.

Im Auto aber/ les ich wieder/ die Mayröcker.

 

Vor meinen Augen das Gras/ die Augen freuen sich grün

Als gäbs/ einen Augenblicks-Anfang.

Und kein grüner Ärger/ aus der Altershölle.

Wieder und wieder/ Nichts.

8.09.12

 

 

 

9.9.12. Ausflug zu den Pizzornie, wo wir vor vielen Jahren auch mit Vater und Mutter waren. Zuerst über Bagni und Collodi. Zurück dann direkt nach Lucca.

Lese Rühmkorfs Augewählte, damals  von Delf uns zugeschickt. Wo ist die Freundschaft mit Delf inzwischen geblieben.

Las Max Hermann Neisse „Dichter  des Exils schlechthin“. Starb  schon 1941 mit 54 Jahren. Stammte aus Schlesien: „Liebesgemeinschaft in der Fremde“:“Wollen näher aneinanderrücken/ und lass mir auch im Schlafe deine Hand./ Nur so ertrag ich der Verbannung Tücke/ und bin geborgen in dem fremden Land…./ Wie töricht wir uns immer wieder stritten/ und spielten sinnlos eins des andern Feind! Was wir bisher genossen und erlitten,/ hat stets noch fester uns vereint.

Hässlich-schön schaut er von Georg Gross gemalt, aus. (1917-1933 seine Gedichtbände).

Seine Frau Leni, Malerin, groß, blond ,schön, er ein Gnom und bucklig.

 

Ich las "Ihr" meine Gedichte vor,
Denn ich war ein armer einfältiger Tor. -
"Sie" - hat nur den Nachbar angesehn,
Dann stotterte sie verlegen: "Sehr ... schön ..."
 

 

Die Nacht vom 9. Auf den10. September 2012 gab mir einen Traum ein. Es war der Beginn des neuen Frageromans. Um 4h 45 begann die Frage nach dem grandiosen Rückführmodell, das mir aufgegeben wurde; (aber was heisst „grandios“?): Jeder Augenblick, auch dieser eben, sagte eine Stimme, ein Du (was ist das?): alles Tun, alle wahrgenommenen Dinge sollten befragt, nichts sollte fraglos und ungefragt bleiben, alles musste immerzu rückgeführt werden, Aber, was heißt überhaupt „Rückführen“, gar „Modell“, und „Augenblick“?

Anstatt MODELL kann man ja auch: Entwurf, Exposé, Konstruktion, Konzept, Muster, Plan, Rohfassung, Skizze, Skizzierung, Studie, Übersicht; (schweizerisch) Sudel; (bildungssprachlich) Konzeption, Konzeptualisierung, Projektierung; (landschaftlich) Kladde, sagen.

Und anstatt „Augenblick“ auch Moment, ad hoc, jetzt. Im Duden wird’s rein instrumentell definiert. Der Augenblick ist doch ein Schnitt durch das momentane  Weltganze.

Alles (aber was heißt „Alles“?) sollte (was heißt „sollte“?). Im Duden wieder zu wenig. Bei  Wiki aber steht über „Alles“: Eine vorhandene, aber nicht definierbare Anzahl von Dingen. Er findet sich in der Alltagssprache als Gegenbegriff zu nichts. Er hat den denkbar größten Umfang und zugleich die geringste inhaltliche Bestimmung im Vergleich zu anderen Begriffen.“ „Er?“ Wer ist „Er“, der Begriff „alles“ noch lang nicht verstanden!

Und was heisst „heißt“?) es sollte (und „sollte“?) auf das Reinste zurück geführt werden (und „werden“, woher kommt das?). Ich geh vielleicht wieder in die Fuß Note, komm schneller voran. Heißen, ich heiße… Ist eine Benennung, Namennennen. So beginnt fast alles beim Vorstellen.

 

Ein Frageroman des Erstaunten also (und „Erstaunen“?), weshalb bin ich da, weshalb frage ich danach. Ich weiss, Staunen oder Verwunderung ist ein emotionaler Zustand als Reaktion auf das Erleben von etwas Unerwartetem. Staunen (thaumázein) der Beginn des Philosophierens, starker Akzent auf die Verwunderung. Selbstverständlichkeiten als „bloße Meinung“ (dóxa). Bei genauem Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten zeigen sich erstaunliche, bisher unberücksichtigte und neue Wahrheiten (alétheia).Für Platon war das „Staunen“ (griechisch „thaumazein“) der Anfang aller Philosophie.

 

 Warum geschah es (dieser „Befehl“ zum neuen Roman) am  Tag von Sonntag auf Montag, erster Tag der Woche? (Was heisst überhaupt „Woche“?) Kann ich das leisten (ich meine nicht den Schuster, obwohls von da kommen soll!) Hab ich Zeit dazu? „Zeit“, was ist das nun?

 

Ich (aber was ist DAS?) schick dies nur vorweg („vorweg“, „vorweg nehmen“? Sei allem Anfang voran, Rilke?). Und gehe einfach weiter. Kann auf diese Weise aber ein Buch entstehen? („Buch“, was ist nun das? Ich bin ja von Beruf Autor, also weiß ich es.)

Und geh weiter, schreib einfach die Nachtnotiz von heute (Notabene) ab:

 

„Ich bin also ein Riesenkind,  ein Mondskalb. Es ist grotesk die einfachsten Sachen nicht einfach hin zu nehmen, sondern sich mit Fragen über Fragen zu löchern. Und mein Du wirft ein: Also etwa diesen Stift hier und die Finger, die ihn halten, sonst gäb es ja diese Zeile gar nicht, wie also den Angang beschreiben! Stifthaltung: das sind die Finger (Daumen und Zeigefinger mit ihren Gelenken. Fingernagel etc. Und was ist der blaue „Pix“ auf dem „Bauernfeind“ steht?)and, die Finger, die ihn haltenFinFFF

 

 

Aber auch die Gedichte der letzten Tage gehören dazu, also jetzt dieses:

 

UND WENN WIR noch zwanzig Jahre leben müssen? Sagt L.

Na hoffentlich/ sag ich/ und denk schon/ Zuviel.

Alles summt sich zu Tode./ Wie soll ich mich

Am Tag erfreuen?/ Der geht schon wieder. Auch Jetzt.

Als wär er/ Nie gewesen.

Was ist das? Trau ich ihm noch./ Und weiß nicht

Was dieses Jetzt denn ist! Querschnitt durch den kosmischen

Raum/ der mitnimmt, was war/ was ist/was sein wird auf.

 

Ich sitze da/ am Schreibtisch/ Nein/ es ist ein uralter/ Tisch

Das Holz erinnert fünfhundert Jahr.

 

Mach eine Pause/ dann erst kommen die Gedanken

Im Reim/ auch wenn er/ kein Paar hat./ Passen/ nicht

Passen./ Die Blätter des Baumes vor dem Fenster

Wie heißt der Baum doch gleich/ mein Alters/Namenvergessen nervt.

Und draußen reden L. und Beppe unendlich lang

Über die Veränderung des Gartens/ als gäbe es den

Ewig. Geschwätzig dringt die Stimme durchs Fenster.

Das Glas splittert nicht/ das Fenster steht offen.

 

Jetzt aber will Romeo/ der Kater/ hinaus in die Küche

Wo Geräusche/ vom Zubereiten/ locken/ er will fressen.

Auf dem Fenster/ vor mir/ kleben zwei/ durchsichtige Insektenflügel

Und ein/ winziger Falter daneben./ Dahinter wuchernd die große Pinie.

 

Morgen gehts zum Abetone/1388m hoch/ kühle reine Luft

Dem Himmel nah. Dort soll eine riesige Tanne/italienich: Abete/

Beim Bau der Straße/ gefällt/ worden sein/ Schmerzlicher

Gedanke/ Auch Bäume sterben.

 

Wo war ich geblieben? „Bauernfeind“, der Pix ist von einer Freundin, die Firma des Mannes. Würzburg wohl. Sonst erinnere ich kaum etwas. Alles vergessen. Und jetzt habe ich dieses Wahnsinnsprojekt vor. Zu spät. Doch besser ein Bruchstück als Garnichts. Oder ordinäres Scheinleben. Im Internet?

 

Internet? Was ist das nun, frägt mein Du.

Ich: Frag nicht so blöd.

Ich steh jetzt auf . Es ist 5h10.

 

5h,10… Aber, sagt mein Du… Aber. Es ist ein Einwurf. Ist es ein Irren-Buch? Irren ist menschlich, sag ich und nehm die Mayröcker.

 Seh mir auch den Arno Schmidt an. Geniale Sprachakrobatie, doch so unverbindlich! Wenigstens das ist mein Buch nicht.

 

Mein Buch: Bevor ich gehe, noch etwas wirklich Gutes tun, wie Vater sagte. Etwas Anständiges endlich. Anständig. Anstehn zu Hause in S. Und als Physi, mein Physikprofessor, der mit Auflösen des Selbstverständlichen Witze machte: der sich z.B. nicht in die Reihe stellen wollte, und als die andern konterten, sagte: Aber dort steht ja schon einer.

 

Wir sind also Geworfene hier. So komme ich endlich zu Heidegger und Celan.

Inmitten all des "Zeugs" und des "Zuhandenen", mit dem er täglich umgeht. Oft spricht Heidegger noch zugespitzter vom "In-die-Welt-geworfen-Sein", um die Existenz des Menschen auf den Punkt zu bringen.

 

 

Flachliegen im Sand. Alles, Vieles, wie Sand am Meer, das Ggenteil des Einen. Die Fällig- und Möglichkeiten, wenn ich sie aufnehme, beruhige ich mich.

Immer wieder die Flugzeuge am Himmel über mir. Flug Zeug. Da ist ja der ganze Heidegger. Flug ist:  wenn sich ein Körper gegen die Erdenschwere in der Luft hlält und bewegt.

 

11.9.12

Notabene wie ein höheres „Also“. Kontinuität, Zeitverlauf anmerken.

6h. Plötzlich ein Todesschlag, ich bin gelähmt, nicht tot. Und denke, wenn ich tot bin, könnte es ja scheintot sein, grässlich so bewusst begraben oder verbrannt zu werden. Und verlange im Testament, dass vorher ein Herzstich sein muss.

 

Der Traum weiter: Eine ganze Hippie-Welt.

Dann alles orientalisch mit viel Kitsch, aber auch Werten.

Hatte mein Gepäck irgendwo zurückgelassen. Suchte es. Auf dem Weg erlebte ich all dies.

Hab doch früher nie so ausführlich geträumt.

 

Heute wieder am Meer. Lang geschwommen. Wieder das wunderbare Wassergefühl.

 



[1] Du versuchst es zu erklären:  Es heisst: wohlgemerkt, übrigens. Lat. nota bene, Imperativ von notare. Schwacher Aufschluss aus den Wörterbüchern. Herkunft: lateinisch: nōtā bĕne = „merke wohl“

S

 

 

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