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Handout für das Seminar: Einführung in die Familientherapie


1. Rollentypen nach Horst E. Richter


Die Bestimmung der kindlichen Rolle durch elterliche „Übertragung" und „Narzisstische Projektion":


Motiviert durch einen eigenen Konflikt weisen Eltern dem Kinde entweder




- die Rolle eines anderen Partners oder


- die Rolle eines Substituts (für einen Aspekt) des eigenen Selbst zu.


---> In der jeweiligen besonderen Repräsentanz (innerhalb der unbewussten elterlichen Phantasien) soll das Kind dann die Funktion der Konfliktentlastung für die Eltern erfüllen.


Durch psychodynamische Vorgänge der Eltern kommt das Kind zu der Bedeutung als Substitut für einen anderen Partner (z. B. Großeltern, Partner oder Geschwisterkind) oder für einen Aspekt des eigenen Selbst:


a) Übertragung


b) narzisstische Projektion


---> Übertragung = das Kind als Objekt


Freud: „Übertragung, nennt man die auffällige Eigentümlichkeit der Neurotiker, Gefühlsbeziehungen zärtlicher wie feindseliger Natur zu ihrem Arzt zu entwickeln, die nicht in der realen Situation begründet sind, sondern aus der Elternbeziehung der Patienten(Ödipuskomplex) stammen."


Freud wies darauf hin, dass in der Übertragung nicht nur das Bedürfnis desjenigen zum Vorschein kommt, der versucht, alte Enttäuschungen zu reparieren, sondern dass in der Übertragung auch immer ein unbewusster Wiederholungszwang mitwirke. Alte Enttäuschungen werden aufs Neue provoziert, (das Substitut wird unverschuldet in einen Konflikt gebracht), wenn das Substitut,




- die Rolle desjenigen, mit dem das konflikthafte Verhältnis besteht bzw. bestand einnimmt, oder


- Als Anteil des eigenen Selbst der Eltern dienen muss.


Daraus entwickeln sich nun die zwei Hauptkategorien, in die sich die kindlichen Rollen einteilen lassen:










Das Kind als Substitut für einen anderen Partner


Das Kind als Substitut für einen Aspekt des eigenen Selbst


a) das Kind als Substitut für eine Elternfigur


b) das Kind als Gatten-Substitut


c) das Kind als Substitut für eine Geschwisterfigur


a) das Kind als Abbild schlechthin


b) das Kind als Substitut des idealen Selbst


c) das Kind als Substitut der negativen Identität


Tabelle nach Richter, 2003, Seit 81


In diesem Referat, soll es nun, um das Thema, „Das Kind als Substitut für einen anderen Partner" gehen.


a.)Das Kind als Substitut für eine Elternfigur




- Im Unbewußten erlebt sich der Elternteil als Kind seines   Kindes


- Eltern werden im Umgang mit ihrem Kind an ihre eigene Elternbeziehung erinnert.


---> Den ersten Begriff von Mutterschaft entwickelt die Frau aus dem, was sie als Kind vom Verhalten ihrer eigenen Mutter wahrgenommen hat.


---> Die Mutter bemüht sich so zu ihrem Kind zu sein, wie ihre Mutter sich ihr gegenüber verhalten hat. (Identifikation)


Hierbei kann man sowohl positive als auch negative Züge beobachten, positiv kann sein, dass dem Kind Wärme und Liebe vermittelt, sowie Geborgenheit gegeben wird, die man selber erfahren hat, und die mit der eigenen Kindheit in Verbindung gebracht werden. Andererseits können auch negative Züge der Eltern ausgelebt werden.


 „Wir treiben die Kinder ... mit unserem Verhalten in Konflikte, die wir selber hatten, um dann ihnen gegenüber unsere Eltern zu spielen, häufig sogar deren Strenge"


Umgekehrte Identifikation: Die Mutter überträgt auf das Kind die affektive Einstellung, die sie zu ihrer Mutter oder zu ihrem Vater entwickelt hat.


---> Das Kind wird affektiv mit den Großeltern gleichgesetzt, wodurch die Mutter das Kind des Kindes wird. Hierbei kann es sein, dass:




- es bei positiver Gefühlseinstellung zur Auswahl eines Lieblingskindes kommt oder zu dem Wunsch, dass das Kind den Beruf, die Weltanschauung oder Gewohnheiten des Großelternteils ergreift.


- Eltern aus einem inneren unbewältigten Konfliktdruck heraus, Ansprüche an ihr Kind, mit denen sie eigentlich ihre eigenen Eltern meinen stellen. Unbewusst werden sie dazu getrieben, an dem Kind Züge des eigentlichen Konfliktpartners (Großeltern) zu entdecken, auch wenn diese sich für objektive Beobachter nicht ausmachen lassen.


--- > Diagnostische Kriterien wären: infantiles Verhalten, Parentifizierung sowie eine Überbewertung der charakterologischen Ähnlichkeiten des Kindes mit dem Großelternteil.




- Von dem Kind wird eine Nachlieferung an Zuwendung gewünscht, deren Entbehrung die Mutter/ Vater nicht überwinden konnte. Unbewusst werden die alten Konflikte konstelliert.


--- > Der Hass auf die versagende Mutter/Vater ist von Anfang an in der Einstellung zum Kind gegenwärtig. Die unbewusste Erwartung von dem Kinde, ebenso zurückgewiesen zu werden wie einst von der Mutter, initiiert aktuelle Beziehungsschwierigkeiten und führt nicht selten zur Erfüllung der unbewussten Befürchtungen, da eine normale Entwicklung der Beziehung nicht möglich ist.


(Beispiel der Dagmar M.)


Traumatische Bedeutung der Rollen: (Frage an den Kurs)


Überbeanspruchung/Überforderung: das Kind muss immer mehr geben als sein Entwicklungsstand es zulässt, Liebeswünsche erfüllen, entschädigen für (vergangene) narzisstische Kränkungen, Vorwürfen wie ein Erwachsener standhalten, alles besser leisten als die Großeltern und deren frustrierendes Verhalten kompensieren.


Überwertigkeits- und Omnipotenzphantasien können entstehen, wenn sich das Kind in seiner Rolle überbewertet, da es ja wie ein Erwachsener behandelt wird.


Depressive Schuldgefühle entstehen aus der Erfahrung, die Erwartungen nicht erfüllen zu können, Entmutigung und spätere Depressionen können die Folge sein.


b) Das Kind als Gatten-Substitut




- Im Unbewussten erlebt sich der Elternteil als Liebespartner des Kindes (KEIN INZEST)


- Häufig gehen Witwer, Witwen oder unglücklich Verheiratete eine außergewöhnlich enge Bindung zu ihrem Kinde ein, ihre Zuwendung lässt einiges von der Gattenliebe einfließen,


---> Erfüllung von einem adäquaten Partner bleibt untersagt. Eine affektive Bereitschaft ist Voraussetzung!


Oft handelt es sich um ein Ausweichen, um die im Gegensatz zur Eltern-(Klein-) Kindbeziehung schwierigere soziale Gestaltung einer harmonischen Gattenbeziehung zu umgehen. Motiviert wird diese Situation durch Ängste, die auch für die weibliche(Kleinmädchenängste vor männlicher Aggressivität) und männliche (Kastrationsphantasien) Sexualhemmung stehen.


Eine ausgereifte sexuelle Erlebnisfähigkeit steht diesen Eltern oft nicht zur Verfügung, da hier eben der Inzest ausgeschlossen wird, und der Wunsch nach körperlich-intimer Nähe nicht Wirklichkeit werden kann.


Wenn Ehepartner dazu neigen, sich ihre infantilen Anlehnungsbedürfnisse vom Partner erfüllen zu lassen (z.B. ein Ehemann nennt seine Frau „Mutti" und spielt primär die Rolle des Sohnes), so kann es zu Verschiebungen auf das Kind kommen, dass die Rolle eines Liebhabers erfüllen muss. Im Verhalten gegenüber dem Kinde zeigt sich dann Koketterie, Wünsche werden nicht abgeschlagen und ohne die Anwesenheit des „charmanten" Kindes stellt sich Frust beim Elternteil ein, da die Bestätigung „Mann" oder „Frau" zu sein, nicht vom Lebensgefährten, sondern vom Kind ausgeht.


Folgen:


Tritt ein ebenbürtiger Liebespartner für das betroffene Elternteil ins Leben, so benimmt sich das Kind nicht selten wie ein betrogener Ehepartner mit daraus resultierender


---> Rachsucht (siehe auch Baudelaire)


Traumatische Bedeutung der Rolle (Frage an den Kurs)


Eine übermäßige Bestätigung der narzisstischen Bedürfnisse des Kindes, kann zu altklugen und überheblichen Verhalten führen.


Der Versuch, die häusliche Rolle auf die Kindergemeinschaft zu übertragen, scheitert, narzisstische Kränkungen folgen, auf die das Kind mit Resignation oder Aufbegehren antwortet.


Um sich dem Druck autoritärer Forderungen (Schule) zu entziehen wird kokettiert und Charme eingesetzt.


Strebt die Elternfigur eher eine dominante, als eine unterwürfige Position gegenüber dem Kind an, so wird dieses erheblich in seinen Impulsen eingeschränkt, und verunsichert.


---> Diese Kinder haben Probleme, sich zu behaupten und ihre aggressive Triebenergie für sich zu nutzen, eine Passivität zeigt sich in allen Lebensbereichen.


Erhebliche Schwierigkeiten beim (natürlichen) Ablösungsprozess stellen sich ein. Eine adäquate Beziehung kann nicht aufgenommen werden, denn es herrscht der unbewusste Glaubenssatz:


"Ich bin mit mein(er)em Mutter/ Vater verheiratet, und muss ihm/ ihr treu bleiben" 


Daraus folgt:


---> jede begonnene Liebesbeziehung wird scheitern, sollte der Konflikt nicht überwunden werden.


Einige Kinder verbleiben nicht passiv in ihrer zugewiesenen Rolle, es kommt zu starken Kämpfen und Schuldgefühlen. Gefügige Abhängigkeit wechselt mit provozierendem Ungehorsam sowie Wutanfällen.


---> Die unbewusste inzestuöse Bindung an das Elternteil, führt nicht selten zu schweren Sexualstörungen. (hier ist inzestuös nicht mit geschlechtlicher Beziehung gleichgesetzt)


c) Das Kind als Substitut für eine Geschwisterfigur


Hierbei handelt es sich um ein Geschwisterkind des Vaters oder der Mutter, es gibt:




- sehr große Variationsbreite dieser Rolle


- Schon vor der Geburt wird oftmals die affektive Einstellung auf das Kind übertragen, die sich ursprünglich auf die Geschwisterfigur bezieht.


- Die unbewusste Überzeugung, von dem Kinde ebenso enttäuscht zu werden, wie einst von der Geschwisterfigur schüren starke Ängste


- Eifersuchtsübertragungen können sich bis hin zu panischen Erregungszuständen steigern,


---> einige Suizide in der Schwangerschaft lassen sich hierauf zurückführen.




- Wird dem Kind unbewusst die Rolle eines Geschwisters zugedacht, so ist das Leitmotiv unter unerledigte Rivalitätsprobleme (Wiederholungszwang) zu finden, so will eine Elternfigur mit ihrem gleichgeschlechtlichem Kind nicht die Liebe des Ehegatten teilen.


---> Schon bevor das Kind auch nur ein Anzeichen für die elterlichen Konkurrenzbefürchtungen liefert, wird im Kind alles erstickt, was die frühere Kränkung durch den Geschwisterrivalen hervor rief.


Eine nachträgliche Racheerfüllung als auch eine schützende Prophylaxe sind so gegeben.


(Beispiel: Mutter mit den Zwillingen)

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