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Frei erfunden...


Donnerstag, 23. Juli, abends:
Ich bin mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal so eine Angst verspürte. Diese pure Angst, die dir das Blut in den Adern gefrieren lässt, dich regelrecht lähmt. Du beginnst zu zittern, deine Hände werden kalt und der Angstschweiß lässt dir Perlen über die Stirn laufen. Das Herz pocht dir gegen die Brust und du spürst jeden Schlag. Dann presst du die Zähne aufeinander und versuchst diese Symptome zu unterdrücken, hoffst, dass dieser Moment ganz schnell beendet wird.
Ich versuchte mich zu beruhigen, indem ich mit meinen Fingerspitzen auf meinen Oberschenkel klopfte. Das machte mich aber nur noch nervöser und so ließ ich meinen Kopf auf den Tisch vor mit fallen und weinte. Ich weinte lange, dachte an alles was passiert war. Warum darf ich Mike nicht mehr sehen? Wieso verbietet mir meine Familie den Kontakt? Und wieder klopfte es an der Tür, ich hatte es vollkommen überhört.
„Luna, mach sofort die Tür auf!“ Das war die Stimme meines Vaters. Er war seit Jahren alkoholabhängig und somit auch arbeitslos. „Ich rufe die Polizei!“
„Schatz beruhige dich.“, hörte ich die zögernde Stimme meiner Mutter.
Sie nahm uns Kinder so gut wie immer in Schutz, aber bei Manfred, unserem Vater, traute sie sich nicht den Mund aufzumachen.
Abends, wenn Dad mit seinen Saufkumpanen in ihre Stammkneipe ging, kam meine Mum immer zu uns Kindern und versuchte uns zu erklären, warum unser Vater oftmals so wütend und aggressiv ist.
Sie schob sein Verhalten auf den Alkohol und den schlechten Umgang. Aber warum er überhaupt alkoholsüchtig ist, möchte sie uns nicht verraten. 
„Luna! Das ist die letzte Verwarnung! Mach auf, ich ruf die Polizei!“
„Manfred…“ Meine Mutter versuchte wieder ihn zu beruhigen. Sie meinte, dass es doch besser wäre, wenn sie mich in Ruhe lassen würden und, dass es ein Fehler wäre, wegen so etwas die Polizei zu rufen. Manchmal bin ich meiner Mutter für jeden Versuch Manfred ruhiger zu stimmen dankbar. Ich weiß was für eine Angst sie vor ihm hat. Er hatte ihr vor zwei Jahren gedroht uns alle umzubringen, wenn sie sich von ihm scheiden ließ.
Heute hatte meine Mutter Erfolg und Manfred gab nach, mit der Erklärung, dass er etwas Besseres vorhätte, als sich mit einem 14 jährigen Teenie zu streiten. Dann griff er in den Schlüsselkasten, zog sich die Schuhe an und verschwand nach draußen. Er ging, wie jeden Abend, in die Kneipe.
Ich blickte erleichtert aus dem Fenster und schaute meinem Vater hinterher, wie er an der Straße entlangging, bis er um die Ecke bog und ich ihn nicht mehr sehen konnte. Einige Minuten war es still bei uns, aber dann startete meine Mutter einen erneuten Versuch mich aus meinem Zimmer zu locken.
„Lass uns in Ruhe darüber reden“, versuchte sie es, „ ich kann es dir erklären.“
Nichts sollte sie mir erklären. Meine Eltern hatten mein Leben zerstört. Da gab es nichts zu erklären. Sie setzte immer wieder neu an, aber konnte keine kompletten Sätze bilden, brach nach drei Worten wieder ab und gab es irgendwann ganz auf. Jetzt war ich ihr wieder dankbar.
Mein Handy klingelte, was ich aber erst nach dem achten Klingeln registrierte. Auf dem Display stand: Jana.
Sie war seit dem Kindergarten meine beste Freundin und uns konnten nichts und niemand auseinander bringen. Wie gewohnt nahm ich ab und lauschte der Stimme meiner Freundin.
Sie erzählte irgendwas von Trennung und Schlägerei, bis ich es schließlich schaffte alles zusammenzuzählen. Ihre Eltern wollten sich scheiden lassen. Kein Wunder, bei dem Vater. Ihr Vater und meiner waren auch sozusagen beste Freunde, wenn man es so bezeichnen kann. Jedenfalls trafen sie sich oft und tranken zusammen.
„Also trennen sie sich?“, unterbrach ich ihre Rede.
Schluchzend antwortete sie mit ja. Ich verstand nicht, was ihr an dem Vater lag, auch wenn er um Meilen besser war als mein eigener. Ich versuchte sie zu trösten, was mir aber auch nicht leicht fiel. Ich erzählte ihr davon, dass sie ihn doch jederzeit besuchen könnte und das er ja nicht aus der Welt war. Aber sie unterbrach mich und erzählte, dass er ins Gefängnis gehen muss. Wegen irgendeiner Schlägerei. Wir beide wussten, dass er schon mehrfach wegen Körperverletzung, Diebstahl und Trunkenheit am Steuer vorbestraft war und wussten, dass er den Führerschein schon lange verloren hatte, aber mit dem Knast, das war mir neu.
 
Freitag,24 Juli, morgens:
 
Das war die schlimmste Nacht meines Lebens. Aber von vorne.
Jana und ich haben noch ein bisschen geredet. Sie hat erzählt, dass sie eigentlich ganz froh ist, dass ihr Vater weggeht. Sie meinte, dann könnte er ihre Mutter nicht mehr schlagen und auch sie hätte ihre Ruhe vor ihm. Aber Jana ist ihr Vater wichtiger als man denkt. Sie ist ein richtiges Papakind und hat ein gutes Verhältnis zu ihm. Da ist sie eine der einzigen. In der Nachbarschaft hat er keinen guten Ruf, jeder geht ihm aus dem Weg, mindestens zehn Meter Abstand und auch im Supermarkt kümmern sich immer mindestens zwei Angestellten um ihn. Arme Jana, mir wäre das peinlich. Ok, mein Vater war da kein bisschen besser, eher noch schlimmer.
Wir haben also noch ein bisschen geredet, eher habe ich geredet, denn Jana ist irgendwann eingeschlafen. Ich hab dann auch gleich aufgelegt, mich mit Klamotten ins Bett gelegt und habe versucht einzuschlafen. Was am Anfang auch ganz gut funktionierte. Ich schlief seelenruhig, bis ich einen lauten Knall hörte und ich mich ruckartig aufsetzte. Plötzlich war ich hellwach und da ich Schreie aus dem Wohnzimmer war nahm, stand ich auf und beschloss den Rufen zu folgen. Ich dachte an Silvester vor zwei Jahren. Die Erwachsenen hatten zu viel getrunken und unsere  Wohnzimmercouch vom Balkon geworfen. Am nächsten Morgen dann der Schock. Meine Mum hatte erst am Morgen nach der Party registriert was sie da gemacht haben. Sie hatte noch einen Kater und war viel zu müde um sich aufzuregen, deshalb hat die Rolle mein Vater übernommen und erstmal mich und meine große Schwester Roxanne dafür verantwortlich gemacht. Er meinte wir hätten sie davon abhalten können. Er hat nicht beachtet, dass meine Schwester und ich schon in unseren Zimmern waren und geschlafen haben. Ich hatte Angst, dass gleich mein Vater in mein Zimmer gestürmt kam und mich für irgendetwas aus dem Fenster geworfenes anschwärzen will. Ich wartete ein paar Sekunden. Keine Stimmen waren mehr zu hören, keine Schreie. Nur noch ein Hund der laut bellte und eine ins Schloss fallende Tür. Ich habe meine Angst überwunden und steckte vorsichtig den Kopf aus der Tür. Keiner da. Barfuß tapste ich also im Nachthemd und Strubbelfrisur Richtung Wohnstube. Auch keiner da. Nur die Balkontür stand offen und die Gardinen wurden vom klaren Nachtwind durchweht. Unheimliche Atmosphäre: Dunkler Himmel, Vollmond, kalter Wind, Einsamkeit. Und wieder bekam ich diese Gänsehaut und zog mein Nachthemd ein Bisschen mehr über meine Arme. Ich ging in Richtung Balkon als plötzlich die Tür des Wohnzimmers vom Wind zugeschlagen wurde. Mein Herz blieb stehen und ich erschreckte mich zu Tode. Einatmen, Ausatmen. Ich beruhigte mich mit dieser Übung, muss ich mir für die Zukunft merken. Aber ich musste einfach wissen was passiert war. Ich musste meine Ängste vergessen. Also ging ich mutig Zentimeterweise auf den Balkon zu und schaute über das Geländer hinweg. Unten stand schweigend das alte Ehepaar Fuchs. Im Dunkeln konnte ich nicht allzu viel erkennen, aber ich konnte Herrn Fuchs Silhouette erkennen und wie er gerade mit dem Telefon wegging. Frau Fuchs stand wie angewurzelt da und starrte auf etwas. Ich musste einfach wissen, was es war. Ich bin zu neugierig, aber mir macht es immer noch Angst. Wo ist meine ganze Familie? Das machte mich echt sehr nervös. Was hatte das denn alles zu bedeuten? Im Schlafzimmer war auch niemand, ich habe nochmal nachgeschaut, zur Sicherheit. Mit einem Bademantel gegen die Kälte stieg ich die Treppen hinunter. Mein Magen drehte sich. Die Türklinke war eiskalt, ich zitterte so stark, dass ich es kaum schaffte sie herunterzudrücken. Schon stürmte mir Frau Fuchs entgegen. Sie redete auf mich ein, versuchte mir etwas zu erklären, aber ich stieß sie mit der Schulter bei Seite. Ich hatte eine leise Vorahnung. Die Tränen schossen mir in die Augen und ich hörte die Stimme von Herr Fuchs. „Notarzt. Ja! Schnell. Sie verblutet!“ Eine Hand legte sich auf meine Schulter, versuchte mich zurückzuziehen.
„Lassen sie mich! Verdammt!“ Ich bekam mich frei, rannte auf Herr Fuchs zu, der mich mit seinem Blick in die richtige Richtung wies. Ich drehte mich um. Da lag jemand, nicht irgendjemand, meine Mutter…
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Kommentare

Linda.Love [Tb: Liebeschaos ohne Ausweg aber Einblick...] - 24.07.2009 19:06
die geschichte wird noch fortgesetzt

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