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Jagd auf "Zwergerl"


Sie sind bundesweit organisiert, haben ihre Reviere dort, wo Kinder spielen. Und denen stellen sie nach - mit perfiden Maschen und Methoden. stern-Mitarbeiter Manfred Karremann tauchte ein Jahr lang in die geheime Welt der Pädophilen ein. Im zweiten Teil seiner Serie beschreibt er, wie das Netzwerk der Täter funktioniert


Berlin. Ich habe mich mit Thomas* verabredet, den ich auf dem bundesweiten Treffen der "AG Pädo" in der Jugendherberge am Mainzer Volkspark kennen gelernt habe. In der Hauptstadt betreut Thomas den kleinen Sohn einer Studentin. Die Mutter hatte in der Homo-Rubrik "Gleich & Gleich" eines Stadtmagazins inseriert. Dass sie einen schwulen Mann sucht, der sich ab und zu um ihren Jungen kümmert. Thomas weiß, warum: "Weil sie selber keinen sucht, den sie heiraten will, sondern nur einen für die Betreuung." Thomas schmunzelt: "Einfacher geht"s, glaube ich, nicht. Ich dachte, ich seh nicht richtig: Ist das ein Scherz? Eine neue Fangmethode?" Die Kleinanzeige hätte ja auch eine Falle sein können. Dass sie sich ausgerechnet einen Pädophilen für den kleinen Dani ins Haus geholt hat, ahnt die Mutter nicht. "Natürlich weiß sie nichts davon", sagt Thomas, "aber wir sind inzwischen eng befreundet." Getreu dem Pädo-Grundsatz: "Nicht mit der Mutter - aber auch nicht ohne die Mutter."


Thomas betreut den Kleinen, wenn die Mama mittags an der Fachhochschule paukt. Wir sind am Hackeschen Markt verabredet, wo er den Jungen gerade vom Bahnhof abholt. Dani hat kurze dunkle Haare und plaudert gleich mit mir. Thomas soll Dani nach Hause bringen, ich begleite die beiden. Thomas trägt den bunten Schulranzen, fragt das Kind, was es heute erlebt habe. Er kann gut mit Kindern umgehen, denke ich. So wie die meisten "Boylover". Sie maßregeln Kinder höchst selten, lassen sie gewähren, bauen Vertrauen auf.


Für viele Pädophile ist es nicht nur lästige Pflicht, sich die manchmal großen Sorgen eines kleinen Mannes anzuhören und darauf einzugehen. Eben deshalb werden sie oft zu einem wirklichen Freund des Kindes. Wäre da nicht die andere Seite der Medaille. Weil der gute Freund so nett ist, nimmt das Kind sexuelle Übergriffe in Kauf - auch um die Zuwendung des Erwachsenen nicht zu verlieren. Thomas hält das für absurd: "Bei uns ist alles einvernehmlich. Der Junge will dabei nicht angesprochen werden, er genießt das", behauptet er.


Manchmal massiere er den Jungen auch nur, sagt Thomas, zum Sex komme es nicht immer. Der benutzt nicht mal ein Kondom, schießt es mir durch den Kopf. Thomas hatte nämlich erzählt, er sei HIV-positiv. Ob er denn keine Angst habe, den Kleinen mit Aids anzustecken, frage ich. "Nö", sagt Thomas, "das überträgt sich nicht so leicht. Ich steh sowieso nicht auf Geschlechtsverkehr, und er muss auch nicht meinen Schwanz in den Mund nehmen, nur ich bei ihm." Das glaubt die Mutter, die wir gewarnt haben, bis heute nicht. Ein Phänomen, das es häufig gibt.


Thomas sehe ich einige Tage später wieder: beim zweiwöchentlichen Pädo-Mittwochstreff in Berlin-Mitte. Als ich in die Eckkneipe komme, die am Telefon als Treff vereinbart worden ist, sitzen zwei Männer am Tisch. Sie stellen Fragen, dazwischen wird geplaudert. Einer sagt: "Irgendwann wirst du schon alle kennen lernen, bleib an der Mittwochsgruppe dran. Die ist abgeschirmt, da wirst du nur über einen Bekannten eingeführt, damit man sich da keinen Kripobeamten reinsetzt. In die Gruppe kommen nur Geprüfte."


Neun Männer sind heute da, alle zwischen 20 und 60 Jahren. Die meisten hier stehen auf Jungs, nur ein "Girllover" ist darunter. Reihum erzählt jeder, wie es ihm geht. Gerald, ein schrulliger Mann um die 40, gesteht, dass er einsam sei, an Depressionen leide. Fast nahtlos geht das Thema über auf "Stricher"-Preise, Orte, Modalitäten. Doch das tröstet Gerald nicht - er will keinen Sex ohne Liebe.


Deshalb beneidet er Konrad, der "eine richtige Beziehung" hat. Konrad, ein kleiner Mann mit gekrümmter Nase, Mitte 50, ist stolz auf "seinen" Kleinen, wie er ihn nennt. Er erzählt vom letzten Wochenende mit dem inzwischen zehneinhalbjährigen Julius. Seit beinahe drei Jahren seien sie zusammen.


Nach dem offiziellen Teil geht es in einer anderen Kneipe weiter. Nicht alle sind dabei. Ich setze mich neben Konrad. Der schwärmt von "seinem" Julius, mit dem er seit über zwei Jahren meistens die Wochenenden bei ihm in der kleinen Wohnung verbringt. "Das ist so eine Art Mini-Ehe, was wir da haben", erklärt Konrad. Wie er den Jungen kennen gelernt habe, will ich wissen. Konrad erzählt. Wie er Julius auf einem Spielplatz getroffen hat, der eigentlich das "Revier" eines anderen Pädos war. Wie Julius dann weggeblieben ist und er Tag für Tag die ganze Gegend abgeklappert hat auf der Suche nach dem Jungen. Wie er ihm dann irgendwann doch noch in die Arme gelaufen ist, wie sie zusammen baden gegangen sind und auf der Go-Kart-Bahn waren und er ihn abends immer brav am Spielplatz abgeliefert hat.


Und dann hatte ihm Julius gesagt, dass er mit seiner Mutter gesprochen habe. "Die hat mich gleich für den nächsten Tag zu sich bestellt." Konrad, der einen gewaltigen Bammel vor dieser Begegnung hatte, tischte der Frau die Legende vom eigenen Sohn auf, den er tatsächlich gar nicht hat. "Ich hab ihr erzählt, ich hätte eine gescheiterte Beziehung hinter mir und mein Kind schon lange nicht mehr gesehen, und der Julius erinnere mich so an meinen Sohn. Die hat das sofort verstanden."


Konrad erzählt, ohne Pause. "Die muss sich schon gefragt haben: Was soll denn einer in dem Alter von so einem Kleinen wollen? Aber die hat ja auch ihren eigenen Lebenswandel, immer irgendwelche Liebhaber aus irgendwelchen Kneipen. Einmal, als ich mit dem Julius unterwegs war, hat sie bei mir angerufen und gesagt, ihr Freund schlage in der Wohnung alles zusammen, ob ich die Möglichkeit hätte, den Julius in dieser Nacht bei mir zu behalten." Konrad grinst über das ganze Gesicht: "Ich hatte ein Riesenglück, die hat mir den Jungen regelrecht ins Bett gepackt." Fortan durfte Julius bei Konrad auch immer übers Wochenende bleiben.


Konrad wird nachdenklich: "Eigentlich kann man sich nur aus so einem Milieu einen Jungen so einfach holen, wo nicht nachgefragt wird. Was hat der Kleine da zu Hause, was soll er da schon?"


Julius kommt aus einer zerrütteten Familie in der Betonsiedlung Berlin-Marzahn. Die Mutter trinkt wohl zu viel, sagt Konrad. Dann ist Julius froh, wenn er dem Geschrei zu Hause entfliehen kann. Zum Glück gibt es Konrad, der immer auf ihn wartet. Der meckert nicht. Holt ihn freitags von der Schule ab und hört sich seine Sorgen an - für die sich sonst offenbar niemand interessiert. Konrad unternimmt immer so tolle Sachen mit ihm, behandelt ihn wie einen Erwachsenen.


Ausnahmsweise darf ich Konrad einen Tag lang mit "seinem" Kleinen begleiten, denn Konrad ist ausgesprochen eifersüchtig. Mittags warten wir an der Grundschule Berlin-Marzahn. Konrad ist schon aufgeregt, er freut sich, den Jungen zu sehen. Als Julius in den gemieteten Mercedes steigt, umarmt ihn Konrad erst mal. Ich sitze hinten. Julius muss noch zu Hause vorbei, seine Schultasche abliefern und ein paar Klamotten holen.


Mit dem Aufzug fahren wir hoch in den 13. Stock des Plattenbaus, in dem Julius die Woche über lebt. Die Wohnung ist bieder eingerichtet, ein deutscher Schlager dudelt aus einer Stereoanlage. Julius" Mutter ist geschieden, arbeitslos und hat drei hungrige Mäuler zu stopfen - Julius, seinen älteren Bruder und die ältere Schwester.


Die Mutter freut sich, Konrad zu sehen. Ein guter Freund der Familie. Umarmung, "Hallo, Konrad", "Hallo, Monika", Küsschen auf die Wange. Nach einer kurzen Plauderei verabschieden wir uns. Konrad sagt: "Tschüs, bis Sonntag dann." Julius drückt seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.


Wir essen bei McDonald"s, fahren zur Go-Kart-Bahn und dann zu einem ehemaligen Flugplatzgelände, wo der Junge ans Steuer darf. Mit 100 rast Julius im Leih-Mercedes über den Platz, auf dem Schoß von Konrad, der das sichtlich genießt. Ich sitze wieder hinten. Konrad dreht sich um und grinst mich an. Abends fahren die beiden heim, zu Konrad in die Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Dort bin ich ein paar Tage später. Auf einem selbst gebastelten Längenmaß im Flur liest Konrad Julius" Wachstum ab, seit der Junge acht Jahre alt ist. "Mein Großer, der wird älter, damit muss ich mich abfinden." In der Wohnung gibt es nur ein Schlafzimmer - eine kleine Kammer, in der Matratzen liegen.


"Ich habe schon bald im Auftrag der Mama ein Zäpfchen stecken müssen", erzählt mir Konrad. "Ich habe feuchte Hosen gehabt, ohne dass ich da viel tun musste. Nun brauchte ich da aber irgendwann diese Triebabfuhr. Da lag er abends im Bettchen und hat geschlafen. Dann habe ich getestet, so mit Streicheln. Und irgendwann habe ich dann meinen Blödsinn gemacht und habe den armen Jungen befleckt, ohne dass er was gemerkt hat. Das war schlimm, aber geil."


Irgendwann hat ihm das nicht mehr gereicht. "Ich hab dann doch mal in der Dusche zugeschnappt, so: happ!" Konrad macht mit dem Mund eine Bewegung wie ein Fisch, der nach Luft schnappt. Beim gelegentlichen "Happ!" blieb es - bis jetzt. "Ich wollt mir ja gern mal von Anfang bis Ende einen rubbeln lassen, das hat er ja noch nie gemacht." Konrad sagt: "Und irgendwann wird er genagelt, aber da gebe ich noch ein Jährchen zu."


Auf seinem Wohnzimmertisch, mitten im Zimmer, steht der PC. Wenn Julius nicht da ist, geht Konrad online. In speziellen Chat-Rooms ist er Tag und Nacht mit Gleichgesinnten verbunden. Im "Jungs-Forum" zum Beispiel werden Probleme mit Kindern oder der Polizei diskutiert und, wo es geht, sexuelle Erlebnisse beschrieben.


"Wenn die Pädophilen sich im Netz austauschen, müssen sie damit rechnen, dass immer auch Beamte des BKA vor dem Monitor sitzen," sagt Richard Karl Mörbel, Leitender Kriminaldirektor im Bundeskriminalamt. "Wir kommen denen über kurz oder lang auf die Spur, wenn die im Internet ihren Gesinnungsgenossen von ihren Taten erzählen oder Kinderpornografie über das Web hin- und herschicken." Jeder Pädophile hat einen Nickname, den er auch im Internet benutzt, damit ihn die Lauscher der Polizei nicht identifizieren können.


Dass solche Nicknames, "Kater Drollig" oder "Grünbärchen", für die Polizei ein Problem sein sollen, bestreitet BKA-Fahnder Mörbel: "BKA-Beamte lesen mit, wenn in den Pädo-Foren gechattet wird. Die meisten Nicknames können wir zuordnen." Der Arbeitsbereich Internet beim BKA sei inzwischen personell stark aufgestockt worden.


Ich will von Konrad wissen, was er von der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern hält. Er ist ehrlich: "Wer weiß schon, was in so einer kleinen Birne vorgeht? Inwieweit kann denn ein Kind damit einverstanden sein? Das reden wir uns hier schön, weil das Kind nicht unbedingt nein gesagt hat. Hat es denn wirklich unbedingt ja gesagt? Ich glaube, wir Pädos sehen das so, wie wir es gerne sehen wollen."


Im Juni dieses Jahres ist Konrad verhaftet worden, als er ein paar Freunde in der Leipziger Straße in Berlin besuchen wollte. Die hatten allerdings gerade wieder einmal kleine Jungs in der Wohnung und waren schon länger von Beamten des Landeskriminalamtes Berlin observiert worden. Konrad ist mitten in den Zugriff hineingelaufen. Vor dem Haus packten zwei Zivilbeamte den Frührentner unter den Armen und legten ihm Handschellen an.


Schon am nächsten Tag war Konrad wieder frei. Die LKA-Beamten haben Julius einvernommen und die Mutter befragt. Eine Art Missverständnis, hat Konrad ihr gesagt. Er habe dem Jungen nur den Bauch massiert und sei "halt mal dagegen gekommen". Deshalb konnte sich Konrad mit ihr arrangieren. Hat inzwischen mit ihr und dem Kleinen einen Ausflug nach Hamburg gemacht. "Für den Stress hat Muttern ein neues Kleid gekriegt, und jetzt ist alles wieder okay", freut sich Konrad. In ein paar Wochen soll der Prozess gegen ihn und die anderen Männer beginnen.


Einige der Männer, die im Juni in der Leipziger Straße festgenommen wurden, hatte ich schon im Frühjahr kennen gelernt. Der Kontaktmann, der für mich bürgte, war Konrad. Konrad hatte mir erzählt, dass die Männer zu einem von drei Berliner Pädophilen-Zirkeln gehören und Kindersexpartys veranstalten, "die machen da so Flaschendrehen und Strip-Poker". Richtige Mini-Orgien spielten sich da ab. Ihm selbst sei das allerdings zu heiß, "da sind dann mehrere Jungs, alles Plappermäuler, das kann ganz schnell kippen".


An einem Sonntagabend besuchen wir Zac in seiner Wohnung. Zac ist gut eins-achtzig groß und hat seine kurzen Haare blond gefärbt. Auch Sascha und Stefan sind da. Als ich mit Konrad eintreffe, sehen sie sich gerade Fotos auf dem PC an - Kinder auf dem Rummelplatz, Eindrücke vom Wochenende. "Zac ist clever", hatte mir Konrad gesagt, "sobald der einen Jungen kennen gelernt hat, hat der auch den Kontakt zu den Eltern gesucht. Die Eltern waren nach den Gesprächen mit Zac überzeugt, dass er die Kinder tatsächlich unterrichtet."


Zac, der "Boylover", der so schlau mit Eltern umgehen kann, verrät mir seine "Alien-Masche": "Ich habe den Jungs aufgetischt, dass ich ein Außerirdischer bin, und um die Menschheit zu retten, brauche ich halt einen Jungen und ein Mädchen. Bei dem Mädchen war es sowieso klar, bei dem Jungen musste ich gucken, ob es echt ist, könnte ja auch abfallen, wa?" Ich verstehe nicht, worauf er hinaus will.


Zac simuliert ein Kontaktgespräch: "Was, du bist ein Junge? Das glaube ich dir nicht! Sagt der Junge: Doch, ich bin ein Junge. Darauf ich: Das musst du aber beweisen! Darauf der Junge: Ja, guck doch mal, ich habe ganz kurze Haare! Nee, sag ich, die hast du gerade abgeschnitten!" Schließlich, erzählt Zac, muss das Geschlecht überprüft werden. Er demonstriert, wie der Junge die Hose auszieht. "Darauf sag ich: Der ist doch nicht echt, hey, das muss ich noch mal prüfen! Das funktioniert immer." Die Runde amüsiert sich köstlich.


Die Tricks der Pädophilen, mit Kindern in Kontakt zu kommen, sind vielfältig und auf die Jahreszeit abgestimmt. Der Sommer ist ideal. Meist ziehen dann mehrere Männer gemeinsam los, in Schwimmbäder oder an die Ufer der Seen im Berliner Umland. "Erst mal muss man in so einem Bad die ganzen Leute da abchecken", sagt Konrad, "die Familien, da muss man wissen, wer zu wem gehört. Dann tut"s der alte Getränke-Trick: Kommen Jungs vorbei, mache ich die Kühlbox auf und hole kalte Colas raus. Ich frage, wer eine Flasche haben will, weil ich keinen Bock habe, das alles wieder mit nach Hause zu schleppen." Daneben hat jeder Pädophile seine Standardausrüstung dabei: eine Tasche Spielsachen, Tischtennis- und Federballschläger, Bocciakugeln oder Frisbee-Scheiben.


In Zacs Wohnung komme ich mit Sascha ins Gespräch. Er ist Informatiker, Anfang 40. Ein schüchterner Mann von schmaler Statur. Er war lange in der Pädophilen-Organisation "Krumme 13" aktiv, die mehr Rechte für Pädophile fordert. Sascha hat in einem Plattenbau an der Leipziger Straße eine Zweizimmerwohnung. Es ist die Wohnung, die im Juni dieses Jahres von der Polizei gestürmt worden ist. Bevor das LKA anrückte, war ich dort. Als ich die Klingel drücke, meldet sich über die Sprechanlage eine müde Kinderstimme: "Hallo." Ich sage, dass ich zu Sascha will.


Die müde Stimme gehört Felix, den ich oben treffe. Felix ist ein zerbrechlich wirkender blonder Junge von 13 Jahren. Er ist der "Kleine" von Floh, einem Informatiker, der aus Wien stammt. Als Felix jünger war, war er der BF, der "Boyfriend", von Erwin, einem Englischlehrer, dem ich ebenfalls schon begegnet bin. Der hat ihn an Floh abgegeben.


Die Wohnung ist spärlich eingerichtet. Ein Hamsterkäfig steht im schmalen Flur, unter den Garderobenhaken. Die kleine Küche ist einfach eingerichtet - Herd, Kühlschrank, Spüle, Tisch, zwei Stühle. Die zwei Zimmer der Wohnung sind mit Matratzen ausgelegt. Abgesehen von einem kleinen Couchtisch und zwei Sesseln die einzigen Möbel im Apartment. Und natürlich stehen mehrere PCs in jedem Zimmer, neben den Matratzen.


Felix sitzt auf dem Schoß von Floh, der offenbar Marihuana raucht. Auch die Kids dürfen ab und zu ein paar Züge nehmen. Fünf Jungs sind an diesem Wochenende zu Gast. Toni, neun Jahre alt, Leon und Kevin, beide elf, und Sandro und Felix, bereits 13. Toni ist ein hübscher Junge, so, wie ein "Boylover" sich das wünscht: schlank, lange Beine, samtige Haut und schöne Augen. "Toni ist das Nesthäkchen hier", sagt Informatiker Sascha. Die Kinder kommen schon seit über einem Jahr in die Wohnung der Pädophilen.


Hier dürfen sie alles. Bis zwei Uhr nachts aufbleiben und am Computer spielen, rauchen, ein bisschen Alkohol trinken, fluchen. Wenn sie nicht hier sind, sind sie mit den Männern im Kino oder im Schwimmbad. Dafür sollen sie mit ihnen "kuscheln". Leon zeigt mir im Flur kurz ein Kondom, ehe er es in die Toilette wirft. "Ist meins", sagt er.


Weitere Pädophile treffen in der Wohnung ein. Darunter auch Zac, der dicke Blonde mit der Alien-Masche. Er gibt mir seine Visitenkarte, wegen der Telefonnummer. Die Karte für Erwachsene. Für Kinder hat er andere: lustige gelbe Kärtchen, mit einem Teddybärchen und bunten Herzchen drauf. Darunter der Spruch: "Hängt zu Haus der Degen schief - ich mal schnell den Zac anrief - Telefon ?" Die Karten verteilt er an die Jungs, die er anspricht. Zac ist natürlich nicht sein richtiger Name, sondern sein Nickname.


Delikte an Kindern sind schwer zu beweisen, weil die meistens freiwillig in die Wohnungen der Pädophilen kommen. Wie die Jungs in der Leipziger Straße. Sie sind unten von den Männern am Fußballplatz angesprochen worden: "Wenn es euch langweilig ist, kommt doch einfach mal hoch in die Wohnung, da gibt"s PC-Spiele." Das war vor gut einem Jahr.


An einem Freitag im Juni stürmt die Polizei die Wohnung. Vier Männer und fünf Jungs sind da, als ein Spezialeinsatzkommando die Tür eintritt. Zac wird die Nase eingeschlagen. Zeitgleich durchsucht die Polizei mehrere andere Wohnungen - fast überall wird man fündig.


Nachdem die Männer aus der Leipziger Straße in den Polizeibus verfrachtet sind, führen Zivilbeamte auch die Kinder zu den Polizeiautos. Sie müssen mit aufs Revier, sollen gegen die Pädophilen aussagen. Die Eltern werden angerufen, warten aber erst einmal auf einer Bank im Landeskriminalamt - stundenlang. Denn die Kinder schweigen eisern. Zunächst. Bis die Mutter einem der Jungs verspricht, sie werde nicht verhaftet, wenn er rede. Erst packt er aus, dann die anderen. Vorher haben sie einen Polizisten gefragt: "Wie lange bleiben die drin?" Worauf der versichert: "Für sehr lange." Kevin ist beruhigt: "Bis dahin bin ich selber groß genug, um mich zu wehren, wenn sie mir was tun wollen." Am nächsten Tag sind zwei der Verdächtigen bereits wieder frei. Konrad, der vor dem Haus an der Leipziger Straße mitverhaftet wurde, und Zac, der jetzt ein Pflaster über der gebrochenen Nase trägt. Es bestehe weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr.


Nachts klingelt plötzlich mein Handy. Der Leiter der Berliner Pädophilen-Gruppe meldet sich. "Wir sitzen hier gerade in größerer Runde zusammen und reden über die Sache, die da passiert ist. Wir haben da einen Verdacht, und es wäre gut, wenn du kommst." Ich fahre zur angegebenen Adresse nach Berlin-Kreuzberg. Und habe Angst. Die suchen den Spitzel, der sie verpfiffen hat. Ich kann den Verdacht schließlich ausräumen.


Auch bei einem Treffen in einer Kneipe an der Kurfürstenstraße am nächsten Tag werde ich noch einmal in die Zange genommen. Weil ich neu war im Kreis um Sascha. Auch ein Pädophilen-Funktionär aus Hamburg ruft an - fragt, ob er etwas für mich tun könne. Längst läuft die "Spitzelsuche" bundesweit über das Internet.


Die Kinder haben Angst. Weil sie geredet haben und die Täter wieder frei sind. "Kevin schläft nur noch bei uns im Bett und wacht jeden Morgen schweißgebadet auf", sagt mir später seine Mutter. Sie ist verbittert. "Das hätte ich nie vermutet, dass da so was läuft", sagt sie mit verweinten Augen. "Neben der ganzen Wut, dem Hass und der Trauer mache ich mir Vorwürfe, weil ich das nicht gemerkt habe."


"Das uns so was passiert", sagt auch die Mutter von Leon, "konnte ich mir nicht vorstellen. Da waren doch immer mehrere Jungs in der Wohnung. Und den Leon habe ich auch immer wieder mal gefragt: Was macht ihr eigentlich da? Dass das Kinderschänder sind - die hätte ich mir ganz anders vorgestellt."


Hans-Jürgen aus München, ein knapp 60-jähriger Lateinlehrer, steht auf ältere Jungs, so ab elf, lieber noch zwölf. Mit ganz Kleinen hat er nichts am Hut. Er ist vor ein paar Monaten in erster Instanz verurteilt worden - zu zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung wegen schweren sexuellen Missbrauchs. Obwohl er nicht vorbestraft war. In seiner Wohnung hatte er einem Elfjährigen aus dem Haus hinten in die Hose gefasst - der ist weinend zur Mutter einen Stock tiefer gelaufen, die ihn angezeigt hat.


Nach dem Prozess haben ihm Nachbarn mit einer Eisenstange drohend ans Küchenfenster geschlagen. Jeder im Wohnblock wusste schon, dass hier ein "Kinderschänder" wohnt. Hans-Jürgen ist schließlich umgezogen. Er hat Berufung eingelegt, die Verhandlung wird irgendwann im nächsten Jahr sein. Bis dahin bleibt er auf freiem Fuß, weil er einen festen Wohnsitz hat und keine Verdunkelungsgefahr besteht.


Mit Hans-Jürgen war ich im Sommer im Münchner Westbad. "Da hab ich schon schöne Erlebnisse gehabt, vor allem in der Dusche", sagt er, "und wenn nichts läuft, gibt"s auf jeden Fall was fürs Auge." Das Westbad ist "in" bei den Pädophilen, ebenso wie das Nordbad, das Aqualand in Köln oder das SEZ in Berlin. Hans-Jürgen entdeckt an diesem Samstagnachmittag sechs andere "Kollegen" im Schwimmbad. "Klein-Mädchen-Waldi", wie er unter Insidern genannt wird, fällt sogar mir auf, weil er stundenlang mit kleinen Mädchen Ball spielt, im Nichtschwimmerbecken.


Später taucht Waldi auch in der Familiensauna auf, um nackte kleine Mädchen anzustarren. Weil Kinder, Jungs wie Mädchen, meist am Samstag in die Familiensauna gehen, sind dann auch die Pädophilen vor Ort. "Kinder dürfen die Sauna nur in Begleitung Erwachsener betreten", steht an der Tür. Umgekehrt wäre es besser. Auch Hans-Jürgen und sein Kumpel Alwin sitzen in der Sauna, schauen nach "Zwergerln", wie in Bayern kleine Jungs genannt werden. "Hast das Zwergerl in der Sauna g"sehn? Das hat mich die ganze Zeit angelacht, ich musst mir grad ein Handtuch umlegen", sagt Hans-Jürgen schmunzelnd.


Auch draußen im Freibad machen sie Jagd. Hans-Jürgen hat in seiner blauen Sporttasche Tischtennisschläger und Frisbee-Scheiben. Als wir an der Tischtennisplatte stehen, schaut ein Junge zu. "Der ist ohne die Eltern da", raunt mir Hans-Jürgen zu. "Willst mitspielen?", ruft er dem Jungen zu. Der nickt freudig.


Natürlich muss Hans-Jürgen dem Jungen zwischendurch mal zeigen, wie man beim Schmettern den Tischtennisschläger hält. Und fasst ihm von hinten um die Hüften. Später versucht Hans-Jürgen sich mit ihm zu verabreden. Ein Muster, wie ich es kenne aus der Szene: ein Kontakt, irgendwann eine scheinbar zufällige Berührung am Po. Um zu sehen, wie das "Zwergerl" reagiert.


Mit dem Internet ist die Szene der Pädos regelrecht explodiert. Von einem "Quantensprung, einer anderen Dimension" spricht Günther Ilsen, Fahnder bei der Ermittlungskommission Kindesmissbrauch (EK KIM) des Landeskriminalamtes Düsseldorf. "Viele, die eine pädophile Neigung bislang unterdrückt haben, haben durch das Internet festgestellt: Aha, da gibt es ja noch viele andere, die so denken wie ich, und sogar Gruppen, in denen man sich trifft."


Guntram aus Köln ist ein typisches Beispiel für einen solchen "Schläfer". "Ich war 25 Jahre verheiratet, hab sogar selber Jungs", erzählt er mir beim Treff der Kölner Pädo-Gruppe in der Pizzeria "Quo Vadis". Guntram steht auf ganz kleine Mädchen, so um die vier oder fünf Jahre alt. "Da war mal so ein bisschen was mit meiner Nichte, klar, aber insgesamt hab ich die Neigung doch verdrängt. Als ich im Internet gesehen habe, Mensch, da gibt das ja noch viele andere, die so sind wie du, und die treffen sich auch, habe ich mich von meiner Frau getrennt."


Bis vor kurzem, so Guntram, habe er eine sehr nette Beziehung zu Melanie gehabt, die sei fünfeinhalb. "Das ist Liebe, meine erste richtige, tiefe Liebe", sagt er. Sogar mit Puppen haben er und Melanie im Kinderzimmer gespielt, und sie durfte auch schon mal bei ihm in der Wohnung bleiben. "Der Vater ist ein Kumpel von mir." Guntram hatte sich gefreut, Melanies Einschulung mitzuerleben. Jetzt hat ihm aber ihre Mutter jeden Kontakt untersagt. "Die muss auf meine Beiträge im Pädo-Forum gestoßen sein", vermutet er.


Herbst 2003. Alle Mütter und Väter sind verständigt oder gewarnt worden, gegen viele Männer laufen Ermittlungsverfahren. Mein Handy, das ich nur für diese Recherchen benutzt habe, ist abgeschaltet. Aus. Endlich.

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