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Der Tod des jungen Adam York


Der Tod des jungen Adam York
 
Draußen dämmerte der Morgen heran.
Der junge Adam York wurde aus seinem Schlaf gerissen. Er spürte seinen eigenen Herzschlag wild pochend bis zum Hals. Die ganze Nacht hatte er mehr oder weniger ruhig geschlafen, aber anscheinend war es jetzt wieder soweit. Ein schrecklicher Anfall kündigte sich an. Er konnte nichts dagegen tun.
Die Welt um ihn herum, die ihm so vertraut und fest erschien, zerfiel nach und nach in ein heilloses Chaos. Niemand konnte die Zerstörung aufhalten.
Auch Adam bekam jetzt die entsetzliche Wucht der Veränderung zu spüren, die vorübergehend seine Sinne lähmte und seine geröteten Augen aus den Augenhöhlen treten ließ.
Der junge Mann zitterte am ganzen Körper. Er betete mit leiser, kaum hörbarer Stimme vor sich hin und flehte, es möge bald alles vorbei sein. Aber nichts dergleichen stellte sich ein. Seine innere Welt wurde erbarmungslos in Stücke gerissen.
So schlimm wie jetzt, dachte er, so schlimm war es noch nie gewesen.
Er hatte das schreckliche Gefühl, als würde nur noch ein finsteres Durcheinander um ihn herum existieren, eine Wirrnis, die sich wie eine fürchterliche Seuche unaufhaltsam nach allen Seiten gleichmäßig ausbreitete.
Adam York schrie wie von Sinnen, aber er hörte sein eigenes Schreien nicht, weil seine Ohren anscheinend taub geworden waren. Der junge Mann geriet in Panik. Er strampelte mit den Füßen und schlug mit seinen Händen wild um sich, als wolle er sich von etwas befreien.
Der gewaltige Ansturm einer tiefen Sinnlosigkeit raubte ihm beinahe den Atem und brachte ihn fast um. Er konnte einfach nichts dagegen tun. Er war dieser zersetzenden Macht in seinem Gehirn hilflos ausgeliefert, ähnlich eines gekenterten Ruderbootes, das von der wilden Strömung eines Flusses einfach mitgerissen wird.
Für ein paar Sekunden schaute sich Adam verzweifelt nach allen Seiten um. Dann hielt er plötzlich inne und starrte gebannt nach vorne, obwohl er eigentlich nichts Genaues sehen konnte. Hatte sich da weit vor ihm nicht etwas bewegt? Er empfand eine unterschwellige Bedrohung, die ihm eine schreckliche Furcht einflößte.
Trübe, wie durch einen verschwommenen Nebelschleier, war ihm die kaum wahrnehmbare Bewegung eines verborgenen Ungeheuers aufgefallen, das sich anscheinend auf ihn zu bewegte.
Da! Schon wieder eine schattenhafte Bewegung.
Etwas zerrte plötzlich mit brutaler Gewalt an seinem hilflosen Körper. Adam York spürte das Wogen und Reißen einer unsichtbaren Kraft, als wolle sie ihn von dem Ort des höllischen Geschehens mit aller Macht wegzerren. War alles nur ein schrecklicher Fiebertraum? Er konnte es nicht sagen, denn Traum und Wirklichkeit waren für Adam im Augenblick ein und dasselbe.
Doch die Gegenwart des Monsters wurde jetzt klar erkennbar. Es drehte sich auf einmal brüllend zu Adam herum und näherte sich ihm mit erschreckender Leichtigkeit, obwohl es riesenhaft zu sein schien.
Der Junge bekam einen fürchterlichen Schrecken und zog sich sogleich instinktiv zurück. Zumindest glaubte er zu tun, was er tat. Er wähnte sich jetzt in der Situation eines wehrlosen Kaninchens, das sich der tödlichen Gegenwart einer Riesenschlange ausgesetzt sah.
Adam versuchte verzweifelt, sowohl dem Chaos, als auch dem Ungeheuer zu entkommen. Doch, wie er sich auch immer bemühte, die Wirren um ihn herum behielten ihn fest im Griff.
Wieder wollte er sich von der unheimlichen Kraft los reißen und vor ihr fliehen. Aber es half nichts. Er trat auf der Stelle. Das Entsetzten in ihm blähte sich zu einem riesigen Ballon auf, der jeden Moment platzen konnte.
Das Ungeheuer kam näher und näher. Es fauchte und stampfte wie eine alte Lokomotive, die direkt auf ihn zu donnerte.
Er war dieser schrecklichen Kreatur wehrlos ausgeliefert. Ihm wurde übel. Der junge Mann erbrach sich.
Doch dann.
Adam hatte das seltsame Gefühl, als durchbräche er auf einmal eine brodelnde Wasseroberfläche. Er spürte im gleichen Augenblick, wie das Chaos nach ließ, und die Welt um ihn herum sich Stück für Stück wieder ordnete. Alles begab sich an seinen angestammten Platz zurück, als würden unsichtbare Geister dabei helfen.
Der total verschwitzte junge Mann riss die Bettdecke mit einem Ruck von seinem zitternden Körper weg und setzte sich aufrecht hin. Sein Herz pochte immer noch wie wild. Sein Atem ging in schweren Stößen. Ängstlich schaute er im Schlafzimmer herum. Alles erschien ihm irgendwie auf seltsame Art und Weise verändert. Blut ran aus seiner Nase und sammelte sich auf den bebenden Lippen.
Das Fenster auf der gegenüber liegenden Zimmerseite stand weit offen. Die Stille und die kühle Morgenluft ließen ihn bald ruhiger werden. Mit einem Seufzer legte sich Adam York kurz darauf wieder hin und schaute nach draußen.
Am dämmernden Himmel zogen Wolkenfetzen dahin. In der Nacht hatte es geregnet. Es waren die Nachwehen eines Unwetters gewesen, welches am Vortage gewütet hatte. Daran konnte er sich noch vage erinnern. Mittlerweile hatten sich Sturm und Regen aber wieder gelegt, doch der Geruch nach Regenwasser lag immer noch in der Luft. Weit hinten am Horizont schien blass der Mond durch die dahinziehenden Morgenwolken.
Eine ziemlich lange Zeit verstrich. In der Stille, die in dem Raum herrschte, hörte Adam York seinen ruhigen Puls in den Ohren klopfen. Erst jetzt fiel ihm das seltsame Pfeifen am geöffneten Fenster auf, das er vorher nicht bemerkt hatte.
Er verließ das warme Bett und schlürfte langsam mit trägen Schritten zum offenen Schlafzimmerfenster hinüber. Ein seltsames Schwindelgefühl übermannte ihn.
Er beugte sich vorsichtig aus dem Fenster, um frische Luft zu schnappen. Im gleichen Augenblick standen ihm vor Schreck die Haare zu Berge. Adam begriff überhaupt nichts mehr und schon gar nicht, wieso das Zimmer zwischen Himmel und Erde dahinschwebte.
Unter ihm befand sich ein seltsam ruhiges Meer, das silbrig im Widerschein einer sich auftürmenden Wolkenbank blinkte. Und irgendwie hatte er den Eindruck, dass diese Wolken den fernen Horizont wie zwei mächtige Riesenarme umschlossen, so dass Land und Meer unter einer gewaltigen umgedrehten Wolkenschüssel zu liegen schienen.
„Was für ein wunderschönes Land“, dachte laut der junge Mann vor sich hin.
Nur der Wind heulte leise am offenen Fenster vorbei. Ansonsten war ringsherum Totenstille, die ungebrochen anhielt. Adam York schluckte benommen. Eine Träne lief ihm über seine blassen Wangen. Träumte er das alles nur, obwohl er wach war?
Er wusste einfach nicht, was er von alledem halten sollte. Seine Sinne spielten offenbar verrückt.
„Ich werde wahnsinnig“, waren seine letzten Worte, als er sich mit einem lauten Aufschrei des Entsetzens aus dem offenen Fenster ins Bodenlose fallen ließ.
Adam spürte den heftigen Wind in seinen wehenden Haaren. Er fühlte sich plötzlich frei wie ein Adler im brausenden Sturm, der sich trotz allem majestätisch und ohne Angst hoch in die wirbelnden Lüfte schwang.
Irgendwann schlug sein Körper hart und dumpf auf. Er spürte noch, wie seine Energie dahinschwand und dass er seinen zerschundenen Körper nicht mehr bewegen konnte. Überall war Blut. Schließlich verlor er das Bewusstsein. Es wurde schwarz um ihn herum.

Ein junger Mann lag mit zerschmettertem Körper mitten auf der Straße vor einem großen Wohnhochhaus irgendwo am Rande einer Millionenstadt. Es regnete leicht. Einige Schaulustige standen herum und tuschelten miteinander.
Der herbeigerufene Notarzt schüttelte den Kopf und winkte, nachdem er den  leblosen Körper vorher eingehend untersucht hatte, den Fahrer eines Leichenwagens herbei. Zusammen mit einem weiteren Helfer wurde der entsetzlich zugerichtete Tote in eine Bergungswanne gelegt und anschließend durch das geöffnete Heck der schweren Bestattungslimousine geschoben. Nach und nach wurden leise alle Fahrzeugtüren geschlossen. Dann ging die Fahrt zum Friedhof los, wo die Leiche aufbewahrt werden sollte.
Die da stehenden Gaffer schauten den schwarzen Leichenwagen hinterher, der langsam an ihnen vorbei fuhr. Einer von ihnen räusperte sich und sagte schließlich: „Das war doch der junge Adam aus dem Wohnhochhaus direkt vor uns. Ich glaube, der war drogensüchtig oder so was. Vielleicht ist er im Drogenrausch aus dem Fenster gesprungen. Ein Sprung aus dem 14. Stockwerk kann niemand überleben. Na, wenigsten hat er von seinem Tod nichts mehr mitgekriegt.“
Einige der Umstehenden murmelten unverständliche Worte vor sich hin. Andere nickten zustimmend. Kurz darauf löste sich die kleine Menschenmenge vor dem Wohnhochhaus wieder auf.
Der morgendliche Regen hatte nachgelassen und die ersten frühen Sonnenstrahlen huschten hier und da durch die aufreißende Wolkendecke.

Am gegenüberliegenden Straßenrand stand Adam York und beobachtete stumm und regungslos das hektische Treiben vor dem Hochhaus, in dem er mal gewohnt hatte. Ein Engel mit großen weißen Flügeln stand an seiner Seite und hielt ihn sanft an der Hand. Nachdem der Leichenwagen nicht mehr zu sehen war, löste sich der Engel mit Adam zusammen auf und beide verschwanden im Nichts eines neuen Tages.

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