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Impressionen aus Japan


Impressionen aus

Japan

 
Wenn ich die japanische Gesellschaft mit nur einem Wort beschreiben sollte, fiele mir als erstes „Aushalten“ ein und zwar im Sinne von ertragen, erdulden. Japaner mussten und müssen in Ihrem Leben ziemlich viel aushalten. In früheren Zeiten gab es natürlich auch hier teilweise extreme Armut, aber das meine ich gar nicht. Es sind vielmehr die unzähligen gesellschaftlichen Regeln, Formalismen und ungeschriebenen Gesetze, die es zu beachten gilt. Für einen Ausländer ist es beinahe unmöglich, alle zu erfassen, geschweige denn, zu befolgen. Das ist den Japanern natürlich klar, deswegen genießt hier jeder Gai Jin (Ausländer) auch weit größere Freiheiten, als die Einheimischen. Ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen wird allerdings erwartet. Das sind die Regeln, die in fast allen Reiseführern und Aufklärungsforen über Japan zu finden sind, wie Schuhe ausziehen, im öffentlichen Bad (Onzen), bevor man ins heiße Wasser steigt, gründlich waschen, usw. Es gibt jedoch einen erkennbaren Trend in der jüngeren Bevölkerung, sich über diese Regeln und Formalismen immer mehr hinwegzusetzen. Sei es aus Bequemlichkeit, oder weil sie sie von ihren Eltern sowie dem näheren sozialen Umfeld nicht, oder nur mehr unzureichend beigebracht und vorgelebt bekommen. Die jeweilige soziale Schicht spielt hierbei allerdings eine nicht unerhebliche Rolle. In der Generation und sozialem Umfeld, in dem z.B. meine Frau aufwuchs, gab es noch sehr viel auszuhalten. Sie hat eine sehr konservative, strenge Erziehung genossen und dementsprechend verhält sie sich auch heute noch, unabhängig davon ob es ihr die anderen gleichtun oder nicht. Es ist beinahe wie ein Automatismus, obwohl sie während unseres Zusammenlebens schon deutlich lockerer geworden ist.  

Ich will mal an einem Beispiel verdeutlichen, was ich mit Aushalten meine. Hier in Japan gibt es, schon seit Urzeiten, das Senpai-Kouhai-System. Der Senpai ist so was, wie der Vorgesetzte oder Ausbilder und der Kouhai der Lehrling. Das geht schon in der Schule los, in den verschiedenen Sportgruppen und –vereinen und setzt sich auch im Arbeitsleben fort. Grundsätzlich eine sehr positive Einrichtung, wie ich meine. Doch es kommt halt immer darauf an, an wen man da gerät, wie verantwortungsbewusst die Rollen wahrgenommen werden und sich entsprechend daraus ein konstruktives Miteinander, ein Verhältnis der Ausnutzung bis zur Ausbeutung, oder gar ein destruktives Gegeneinander ergibt. Es kann also eine ganz tolle Erfahrung sein, oder auch ziemlich schlimm, natürlich sind auch verschiedene Zwischenstufen möglich. Im zweiten Fall heißt es dann halt Aushalten. Beschweren oder gar ein Partnerwechsel ist schlicht nicht vorgesehen. Unzählige gequälte Kouhai-Generationen können ein Liedchen davon trällern. Die allgemeine, diesbezügliche Haltung ist: das härtet ab. Nun muss man allerdings dazu sagen, dass ein unfairer oder unfähiger Senpai natürlich auch keinen besonders guten Ruf geniest. So etwas spricht sich schnell rum und schadet dem Ansehen, was meistens dazu führt, dass sich doch beide versuchen irgendwie zusammenzuraufen.  

Ein weiteres kleines Beispiel: in Japan gilt das Senioritätsprinzip in Bezug auf ältere Menschen, sofern sonst keine Hierarchie (wie in der Arbeit) existiert. Der oder die Ältere ist zu respektieren und ggf. geäußerte An- oder Unterweisungen sind entsprechend kommentar- und beschwerdefrei hinzunehmen. Das kann schon auch manchmal eine recht frustrierende Angelegenheit sein. Dem Besucher, der nur für ein paar Wochen Urlaub ins Land kommt, wird dies alles meist nicht auffallen. In der Regel werden die Japaner dann als äußerst zuvorkommend, höflich und freundlich beschrieben, was natürlich auch absolut zutreffend ist. Ich selber habe diesbezüglich viele sehr positive Erfahrungen gemacht. Aber es ist eben nur eine Seite dieser komplexen Gesellschaft. Das weiter oben Beschriebene bleibt für Menschen, ohne näheren Bezug und ohne entsprechende Sprachkenntnisse, im Verborgenen.  

Der Gesellschaftliche Aspekt ist aber nur die eine Seite, die andere Seite betrifft die Naturgewalten, von denen in Japan fast alle vorkommen. Sei es Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Taifune, Erdrutsche oder Überflutungen. Über die Jahrhunderte wurden schon oft weite Landstriche Japans ganz oder teilweise zerstört, unzählige Menschen kamen dabei um. Die Überlebenden haben ruhig und schicksalergeben alles wieder aufgebaut. Wer ständig damit rechnen muss, von einer Katastrophe heimgesucht zu werden, die er weder verhindern, noch darauf irgendwie Einfluss nehmen kann, entwickelt wohl ein anders Verhältnis zu seiner Umwelt.  Auch das Leben selbst bekommt  dann eine andere Bedeutung. Das hat starken Einfluss auf die Mentalität der Menschen, die unter solchen Bedingungen leben. Ertragen, Erdulden, eben Aushalten, wird zum festen Bestandteil einer Lebensphilosophie, die lehrt, auch mit gravierenden Schicksalsschlägen verhältnismäßig gelassen umzugehen. Das bedeutet nicht etwa, dass sie nicht trauern, oder ihre Gefühle zeigen. Es bedeutet vielmehr, dass sie sich nicht von Angst oder gar Panik ergreifen lassen, die ein besonnenes Denken und Handeln praktisch unmöglich machen würden. Denn genau das ist in solchen Situationen gefragt. Das Wort „ganbatte“ ist ein sehr wichtiger Bestandteil des japanischen Wortschatzes und bringt diesen Teil der Mentalität, mit dem nach vorne gerichteten Blick, besonders gut zum Ausdruck. Es bedeutet so viel wie: halte aus, halte durch, Kopf hoch, mach weiter, du schaffst es!  

Die aktuelle Situation in Japan führt uns das besondere Verhalten der Menschen ganz deutlich vor Augen. Die meisten Ausländer haben Japan, in Angst und Schrecken, unverzüglich verlassen. Tokyo ist praktisch ausländerfreie Zone. Die einen sind sofort zurück in ihre Heimat, die anderen haben zunächst einmal sicheren Abstand in den Metropolen Südostasiens gesucht. Die Hotels dort machen zurzeit phantastische Umsätze. In den verschiedenen Medien im Ausland werden oft die Fragen gestellt: „Warum verhalten sich die Japaner so ruhig? Warum geht alles so gesittet und geordnet zu? Warum verfällt niemand in Panik? Warum gibt es keine Plünderungen? Warum fliehen die Menschen in Tokyo nicht vor der Radioaktivität? Die meisten verstehen es nicht. Aber nicht nur westliche Menschen, das geht auch den Chinesen und Koreanern so. Ich persönlich sehe das Verhalten der Japaner in ihrer einzigartigen Mentalität begründet. Das muss man nicht unbedingt verstehen und schon gar nicht nachmachen. Die Japaner haben alle großes Verständnis für die Ausländer, die aus ihrem Land geflohen sind. Jeder, der noch da ist, wird mit großem Staunen bewundert. Ein großer Fehlschluss ist es meines Erachtens, wenn in den Medien unterstellt wird, die Menschen würden den Ernst der Lage einfach nicht verstehen, oder würden von der Regierung falsch informiert und verhielten sich deshalb so ruhig. Jeder Einzelne hier weiß ganz genau, wie ernst die Situation ist, die Regierung informiert auch jeweils zeitnah und korrekt. Ich will hier niemanden glorifizieren, aber der Einsatz der Rettungskräfte in den Tsunamigebieten, sowie der Einsatz der Fachkräfte (Mitarbeiter, Feuerwehr und Soldaten) im Atomkraftwerk, sind wirklich vorbildlich und verdienen den allerhöchsten Respekt! Die gegenseitige Unterstützung der Menschen hier untereinander, Mitgefühl, Sympathie, Bescheidenheit, Aufopferungsbereitschaft und Rücksichtnahme sind einfach unbeschreiblich. Es wäre sehr schön, wenn in den ausländischen Medien etwas mehr darüber berichtet würde. Ich denke, das würde vielen Menschen in der Welt Mut machen.

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