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Kapitel 49


Als Jessy am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich ziemlich orientierungslos.
Sie bemerkte, dass Duncan neben ihr lag und sie im Arm hielt. Dann fiel ihr auf, dass sie beide noch die Kleider vom letzten Tag trugen. Es dauerte jedoch ein paar Sekunden, bis sie sich erinnerte, wo sie war. Und weshalb sie hier war.
Doch dann huschte kurz ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie an den gestrigen Tag dachte, nur um dann wieder einem besorgten Ausdruck zu weichen, als ihr das Ende des Tages in Erinnerung kam.
Sie sah neben sich auf dem Nachtisch die Tabletten liegen, die Doktor Anderson ihr gegeben hatte. Vorsichtig befreite sie sich aus Duncans Armen, nahm sich eine und ging ins Bad.
Als sie nach ein paar Minuten wieder ins Schlafzimmer trat, sah sie in Duncans zärtliche Augen.
„Als ich aufwachte und sah, dass du nicht mehr da bist, war mein erster Gedanke, dass du dich an mir rächen willst. Ich war richtig erleichtert, als ich Geräusche im Badezimmer hörte.“ Es dauerte einen Augenblick, bis sie verstand, was er damit meinte, doch dann musste sie lachen.
„Hast du vergessen, was ich dir gestern am Strand versprochen habe, dass du mir das wirklich zugetraut hättest?“, fragte sie in gespielt vorwurfsvollen Ton. Sie setzte sich neben ihn aufs Bett und legte ihre Hand in seine.
„Nein, ich habe es nicht vergessen.“, sagte Duncan zärtlich. „Und ich denke auch nicht, dass du sowas machen würdest.“ Er zog sie zu sich hinunter um sie zu küssen, doch bevor er ihre Lippen fand, flüsterte Jessy leise:
„Unterschätz mich nicht!“ Dann ließ sie es zu, dass er jeden weiteren Satz durch seinen Kuss verhinderte. Sofort flammte in ihr wieder das Verlangen nach ihm auf. Doch als Duncan merkte, was sie vorhatte, löste er sich von ihr und fragte vorsichtig:
„Meinst du, dass das so eine gute Idee ist?“ Irritiert sah sie ihn an:
„Was meinst du?“
„Keine Aufregung hat der Doc gesagt. Und eigentlich sollte du dich ausruhen!“
„Du willst mich nicht?“
„Oh Gott, Jessy.“, erwiderte Duncan aufgebracht und verzweifelt. „Es gab nie eine Frau, die ich mehr wollte als dich. Aber ich mache mir Sorgen um das Baby. Und um dich!“, fügte er noch leise hinzu. Frustriert stand Jessy auf.
„Wo willst du hin?“
„Ich habe Hunger!“ Sie war schon auf dem Weg zur Tür, als Duncan sie einholte.
„Bettruhe, erinnerst du dich?“
„Du willst mich nicht wirklich den ganzen Weg ins Bett stecken?“, fragte Jessy ungläubig. Duncan seufzte und antwortete: „Ich bestell uns was aufs Zimmer!“ Er ging zum Telefon, wählte die Nummer der Rezeption und bestellte zweimal Frühstück.
Jessy hatte sich wieder ins Schlafzimmer verzogen und lag schmollend auf dem Bett.
„Ich bleib bei dir, dann wird es nicht so langweilig. Aber bitte versprich mir, dass du nichts machst, was dir oder dem Baby schaden könnte!“ Jessy schaute ihn nicht an, in ihr tobte grade ein kleiner Krieg. Sie wusste, dass er Recht hatte, aber die Vorstellung, den ganzen Tag nur rumzuliegen, gefiel ihr gar nicht.
Duncan setzte sich neben sie und sagte leiste:
„Jessy, bitte. Ich meine es doch nicht böse. Ich will dich doch nur schützen.“ Sie sah ihn immer noch nicht an, antwortete aber leiste:
„Ich weiß!“ Eine Weile sagten beide nichts, dann endlich drehte Jessy ihren Kopf in Duncans Richtung und fragte:
„Und dein Kongress?“ Duncan lächelte:

„Es gibt wichtigeres.“
„Du musst nicht wegen mir hierbleiben. Ich schlaf einfach noch ein bisschen oder gucke, was das Fernsehprogramm am anderen Ende der Welt zu bieten hat. Du kannst ruhig gehen. Ich verspreche auch, dass ich brav sein werde.“
„Und wenn ich lieber bei dir bleiben möchte?“ Jessy lächelte ihn dankbar an.
„Darf ich wenigstens duschen gehen oder sprengt das auch die Anweisung des Arztes?“
„Das sollte okay sein.“ Jessy gab ihm einen zärtlichen Kuss, flüsterte dann ein „Danke! Für alles!“ und verschwand im Bad, bevor Duncan es sich vielleicht wieder anders überlegte.

Alles sie wenig später wieder aus dem Bad kam, hörte sie, wie Duncan sich bei jemandem bedankte. Das Frühstück war da.
Sie machten es sich auf der Couch bequem und während sie aßen, fragte Duncan:
„Erzählst du mir, wie es war, als Damian noch ein Baby war?“ Jessy lächelte.
„Er war ein süßer kleiner Kerl. Und sehr pflegeleicht. Hat den ganzen Tag geschlafen, außer wenn er Hunger hatte, da hat er sich dann lautstark bemerkbar gemacht, wenn es ihm nicht schnell genug ging.
Morgens sind wir zusammen aufgestanden und er hat sein Frühstück bekommen. Dann hab ich ihn angezogen und bin mi ihm zum Bäcker gegangen. Wenn wir nach Hause kamen, hatte Daniel schon den Frühstückstisch fertig gedeckt. Nach dem Essen ist Daniel dann zur Arbeit. Und ich hab Damians Schlafphasen dazu genutzt, ein bisschen was im Haushalt zu erledigen. Beziehungsweise, als er älter wurde, habe ich dann mit ihm gespielt und die Hausarbeit bis zum Mittagsschlaf verschoben.
Und dann kam der Unfall. Und hat alles verändert.“ Ihr Blick verfinsterte sich. Auch heute noch sprach sie nur wenig über dieses Ereignis, auch wenn sie mittlerweile gelernt hatte, ihre Gefühle zuzulassen und zu beherrschen. Und sich nicht mehr die Schuld an allem gab. Duncan bemerkte ihren Stimmungswechsel und drückte liebevoll ihre Hand.
„Dadurch, dass ich mit Damian zu Hause war, hatte ich ja damals kein eigenes Einkommen. Und durch Daniels Tod fiel sein Einkommen weg. Also musste ich wieder arbeiten gehen.
Ich hab für Damian eine Tagesmutter gesucht. Und kaum, dass ich eine gefunden hatte, ging ich ins Büro und sagte meinem Chef, dass ich wieder arbeiten wollte.
Seit dem war unser Tagesablauf komplett anders. Anstatt dass ich mich von Damian wecken ließ, musste ich ihn jetzt morgens wecken, damit wir pünktlich los konnten. Ich brachte ihn zur Tagesmutter, fuhr dann ins Büro, holte am Abend Damian wieder ab. Es gab Abendessen und er ging ins Bett. Ich habe versucht, trotz allem so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen, aber ich kam mir immer wie eine Rabenmutter vor, die keine Zeit für ihr Kind hat. Es half auch nichts, mir zu sagen, dass es sein musste und dass es keine andere Möglichkeit für uns gab. Irgendwann war ich dann soweit, dass ich mir einen neuen Job suchte, nur um mehr Zeit für mein Kind zu haben.“
„Und das war der beste Tag in meinem Leben!“, lächelte Duncan.
„In meinem auch.“, bestätigte Jessy. „Mir hätte der Job schon völlig gereicht, aber dazu hab ich auch noch so einen wunderbaren Mann wie dich bekommen. Manchmal kann ich mein Glück gar nicht fassen!“ Duncan zog sie an sich und küsste sie. Langsam lehnte er sich zurück und zog Jessy mit sich.
Doch Jessy – die wieder die Lust in sich aufsteigen spürte - beendete den Kuss solange sie noch die Kraft dazu aufbrachte. Stattdessen kuschelte sie sich an ihn, legte den Kopf auf seine Brust und lauschte seinem Herzschlag.

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