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wunderschön und grausam


8.00 Aufstehen / 9.05 in den Zug einsteigen / Warten / 9. 35: Als ich im Bus sitze kommt ein komisches Gefühl in mir auf, der Moment kommt näher. Die Linie fährt an der Kirche vorbei und davor steht ein langer Wagen, silber-grau, große fenster, rote Gardinen. Mir wird wieder schlecht und die Tränen steigen wieder in meine Augen. 2 Stationen weiter steige ich aus. Die frische Luft macht meinen Kopf wieder etwas klarer...und trotzdem fühlt sich alles so unwirklich an.

Als wir die Kirche betreten ist sie schon halb gefüllt obwohl wir mehr als eine halbe Stunde zu früh sind.Ich bin erst zum zweiten mal in einer katholischen Kirche, es fühlt sich komisch an hier zu sein. Wir gehen weiter nach vorne und auf einmal sehe ich den Sarg. 
"Wollen wir hingehen?"
Ich kann nur mit dem Kopf schüttel, würde ich dort vorne stehen, unvorstellbar. Dann hätte vorher jemand einen Platz in der Psychatrie für mich reservieren müssen. Wir setzen und mittig in der Kirche rechts auf eine Bank und warten. 
Es wird immer voller. mittlerweile sind fast alle Bänke gefüllt, die Seitenschiffe ausgelastet. Wieder und wieder öfnnet sich die Haupttür und die Menschen stehen dicht gedrängt hinter den Kirchenbänken. So voll wird es wohl selten sein in dieser Kirche denke ich nur. Die Augen zu schließen hilft, ich merke wie er meine Hand drückt , es gibt mir ein wenig das Gefühl von Halt. Ein wenig. Wie viele Menschen sich von B. verabschieden wollen...der verweifelte Wunsch noch ein letztes Mal für ihn da zu sein. Das letzte geleit für einen geliebten Freund.
Dann geht die Seitentür auf, ein Mädchen kommt herin, rote Augen, gelockte Haare, ganz in schwarz und obwohl ich sie noch nie gesehen habe weiß ich sofort wer sie ist. Später sitzt sie in der ersten Reihe, direkt am Sarg. Ich würde das nicht aushalten glaube ich. Wie muss sie sich fühlen wenn ICH schon kaum weiß was ich machen soll um nicht zusammen zu brechen!?
Die Pastor beginnt zu sprechen. Es werden lieder gesungen und dann sagt er: "...mir wurde gesagt, dass B. sich mit diesem Lied viel beschäftigt hat, sowohl im Musikunterricht als auch in den AGs und so weiter.." und dann noch etwas von wegen, dass es auch für seine Freundin ein Zeichen sei.
Die Orgel beginnt zu spielen und ein Mann singt...

1, 2, 3, 4 - Plain white T's

 

Es ist so schön und grausam zu gleich. Es sagt alles und bringt mich um den Verstand. Was das Mädchen in der ersten Reihe empfunden haben muss? Der letzte Gruß ihres toten Freundes. 2,5 Jahre. Dann ist es bei mir vorbei. Mein Gesicht ist nass. Ich höre die Stimme, sehe den Sarg, denken kann ich in diesem Moment nicht mehr. Meinen Augen brennen höllisch.

Auf dem Friedhof müssen mehr als 300 Leute gewesen sein. Seine Jagdkollegen blasen symbolisch die Jagd ab, nach und nach geht jeder zum Grab. Ich sehe hunderte verzweifelte Gesichter, manche Leute erkenne ich wieder, mache sagen mir gar nichts. Auch wir treten vor. Werfen Blütenblätter ins Grab. Verabschieden uns still. Am Tag vorher habe ich einen Brief geschrieben den ich eigentlich dort hinein werfen wollte aber als ich da stand habe ich mich nicht getraut den schwarzen Umschlag hervor zu holen. Das Papier darin war von Tränen durchweicht. Es wäre mein letztes Gespräch mit ihm gewesen. Jetzt habe ich ihn immernoch in meiner Handtasche. 
Wir gehen vorbei an seinen Eltern, Brüdern, an dem Mädchen aus der ersten Reihe, stellen uns etwas abseits hin. Ein Arm legt sich um meine Schulter, zieht mich näher an den Körper. "Ist es okay für dich?" frage ich und nehme seine Hand in meine. "Genau richtig" höre ich ihn sagen und spüre wie er mich fester an sich drückt. Ich vergrabe meinen Kopf dort, damit niemand meine Tränen sieht. Ich habe solche Angst. Wovor? Ich weiß es bis jetzt nicht. Vielleicht davor, dass mir das selbe passieren, ich ihn verlieren könnte. Es ist das schlimmste was wir bis jetzt zusammen erlebt haben, zwischen all den perfekten Momenten. Dann gehen wir Hand in Hand nach Hause.

Wärend ich diese Zeilen schreibe zittern meine Hände so sehr, dass ich nahezu jedes zweite Worte neu tippen muss. Gestern habe ich zum ersten Mal wieder das Lied gehört und ich glaube das war keine Gute Idee. Andererseits hilft es. Gefühle verdrängen bringt nichts.

Lasst den Schmerz zu, testet ihn aus, ortet ihn. Kämpfen bringt nichts. Er kann euer Freund werden, beim trauern helfen. Ich kann ihn mit offenen Armen willkommen heißen. Es hilft zu verstehen, was so unbegreiflich ist. Zumindest im Ansatz.

Give me more loving than I’ve ever had
Make me feel better when I’m feeling sad
Tell me I’m special even when I know I’m not
Make me feel good when I hurt so bad
Barely getting mad
I’m so glad I found you
I love being around you
You make it easy
Its as easy as 1-2  ..  1-2-3-4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you

Ich glaube es wäre genau das Lied was meine Gefühle ausdrücken könnte, wäre es jetzt nicht mit diesem Schmerz verbunden. Ich bin so froh ihn gefunden zu haben und ich bin so froh B. gekannt zu haben. Es sind zwei unterschiedliche Arten von Liebe. Aber es ist Liebe.

 

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Kommentare

awtwahl [Tb: arnowa 2013] - 31.01.2012 14:48
danke fuer dein mitlesen, HIER schneit's, na soooowas !

Fame [Tb: Drowning Fairyland] - 15.01.2012 13:13
Guckt euch das Video an, es ist wunderschön!
Benny und seine Freundin hätte auch darin vorkommen sollen, das hätte perfekt gepasst...


awtwahl [Tb: arnowa 2013] - 15.01.2012 13:01
alles gute fuer dich, weiterhin ! liebe gruesse arnoooooo

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