• kostenlos mitmachen

Me


Nun, der Grund, warum ich dieses Tagebuch schreibe, ist eigentlich ganz einfach: ich will sprechen. Über die ganzen wirren Gedanken und Gefühle, die durch meinen Kopf flattern, Tag und Nacht.
Ich vermute, dass mich einige, welche meine Einträge lesen werden, kaum verstehen werden. Aber ich habe Verständnis dafür, weil es selten positiv ist, was ich über mich zu berichten habe.
Nun, die meisten Probleme begannen eigentlich mit der fünften Klasse. Ich hatte schon in der Grundschule nicht übermäßig viele Freunde, aber hier wurde ich regelrecht gemobbt. Wenn ich zurückdenke, begann ich hier 1. nicht mehr glücklich zu sein und
       2. fett zu werden.
Ich blieb sitzen und musste die 5. wiederholen. Nun, das war wohl das beste, das mir passieren konnte. Ich fand hier meine besten Freunde. Fett war und blieb ich trotzdem. Und unglücklich. Es war die siebte Klasse als mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass mit mir etwas nicht richtig war. Immer dieses Gefühl des Unbehagens und der Trauer mit sich schleppend, fühlte ich mich trotz bester Freunde allein. Dann kam der Tag, an dem ich mit meiner besten Freundin über meine Gefühle sprach...und sie über ihre. Ihr ging es kaum anders. Wir waren beide sehr depressiv. Das zog sich bis in die zehnte Klasse. In der Zwischenzeit hatte meine Freundin -in der 5. auch noch etwas pumelig- stark abgenommen. Ich nicht. Für einige Zeit verloren wir uns dann irgendwie. Das soll heißen, wir hatten kaum noch miteinander über unsere Gefühle gesprochen. Beide dachten wir vom anderen, dass es ihm besser ging. Dem war aber nicht so. Letztes Schuljahr, in der 11., bekamm ich eine ordentliche Magenschleimhautentzündung. Nach einiger Zeit, in der es mir etwas besser ging, verfiel ich wieder in diesen schrecklichen Depressionen. Ich war nicht gut genug in der Schule (zwar nicht schlecht, aber nicht perfekt), ich war fett, hässlich, ich hasste mich und meinen Körper über alle Maßen und dann...es war nach einer versauten Matheklausur, ritzte ich mich im Frühjahr 2011 zum ersten Mal. Februar oder März war's. Gott, ich schämte/schäme mich so dafür, aber als ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal zum Messer griff, dachte ich: "Entweder du bringst dich jetzt um, oder..." Ich hab in dem Moment nicht wirklich nachgedacht. Wie in einer Art Trance hab ich die Klinge an mein Bein gelegt und fest gedrückt. Anfänglich hab ich die Schnitte (zunächst mit Küchenmesser, dann mit Rasierklinge) noch protokolliert, jetzt schon lange nicht mehr. Es sind ungefähr 30 Schnitte, die meinen Körper "zieren". Ich kann es nicht genau sagen, weil sie sich teilweise überlappen. Außerdem drücke ich mir häufig meine Nägel solange in die Arme, bis Abdrücke entstehen, die mehrere Wochen halten.
Nun, kurz vor den Sommerferien waren wir dann auf Studienfahrt nach Toskana. Ich währe beinahe im Meer abgesoffen. Das war am Montag und ich hatte noch eine verdammte Woche vor mir. Und am liebsten wäre ich tatsächlich abgesoffen. Meine zwei besten Freundinen haben mich gerettet, die haben mich festgehalten und nicht losgelassen (wir waren zu weit vom Strand abgetrieben und der Wellengang war extrem geworden). Uns ist nichts passiert. Es war nur...man müsste doch nach solch einem Nahtoderlebnis eignentlich so einen Sinneswandel durchleben von wegen "ich nehme alles so anders und genauer war, ich kann jetzt wieder richtig leben" etc. Aber das war nicht so. Ich hab den Rest der Fahrt so gelitten unter schrecklichen Magenkrämpfen und Übelkeit, weil ich einfach die Situation nicht ertragen konnte. In der letzten Nacht dann geschah etwas, womit ich nie gerechnet hätte: 
Meine zwei Freundinen, beide, erzählten mir von IHREN Problemen. Beide verlezen sich selbst. Die eine hat sich geritzt und aufgekratzt, die andere hat sich am Kopf immer wieder so lange gekratzt, bis sie blutete. Und da hab ich ihnen von mir erzählt.
Gemeinsam versuchen wir, aufzuhören, aber es ist so verdammt schwer. Für sie ist es vielleicht noch leichter, weil deren Eltern davon wissen und versuchen ihnen zu helfen. Meine Eltern haben keine Ahnung von dem, was ich mal häufiger, mal seltener in meinem Zimmer mache.
Und dann ist da immer noch die Tatsache, dass ich einfach fett bin. Im Juli wog ich noch 73 Kilo bei einer Größe von 1,65 m. Heute wiege ich 61,4 Kilo. Ich hab angefangen Sport zu treiben. Und ich habe aufgehört zu essen, oder zumindest versuche ich's. Ich hasse mich so sehr. Und ich verbiete meinem Körper zu essen. Ich esse 1 mal am Tag. Und ich muss es aber weiter reduzieren, am besten auf 0 weil ich einfach so fett bin. Ich kann über nichts anderes nachdenken:

Ich hasse mich! Ich muss abnehmen!
Ich darf mich nicht ritzen! Ich will mich ritzen! Ich ertrage diese Gefühle nicht!
Ich darf nichts essen! Ich bin so fett!
Blut! Blut! Fett!

Es ist so hart und beinahe unerträglich, die ganze Zeit nur an abnehmen und mich selbst zu verletzen zu denken, aber es ist wie ein Teufelskreis. Ich muss dünn werden, damit ich die Abnehmgedanken vergessen kann, und ich muss mich ritzen, damit ich mit diesen verdammte Gefühlen fertig werde. Und das führt wiederum dazu, dass ich nur an diese beiden Dinge denken kann.
Ich hab schon häufig daran gedacht, meinen Eltern von meinen Problemen zu erzählen, aber ich habe einfach Angst und schäme mich so sehr dafür.

Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll.

Ich weiß, das war ziemlich lange, aber nötig, um meine momentane Situation im Groben zu erfassen. Ich weiß, das ich zu einem Psychiater gehen sollte und ich weiß, dass ich verdammt Magersucht gefährdet bin. Aber ich weiß nicht, wie ich aus dieser Situation wieder herauskommen soll und ob ich das wirklich will.

So viel zum Ersten,
Ariella.

Kommentar schreiben

Du musst dich Einloggen oder kostenlos anmelden um Kommentare zu schreiben