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Zufall oder Schicksal? (7)


Zufall oder Schicksal? (7) 


 


»Wir können sie noch nicht zur Kur schicken Burt, die ersten Schritte werden sie wohl hier im Krankenhaus bei uns lernen müssen. Aber wir verfügen auch über gute Reha-Ärzte und sind überhaupt auch auf diesem Gebiet sehr gut ausgerüstet. Aber wir werden sie dann auf die Station 22 verlegen, dort werden sie sich sicher wohlfühlen.«


Es war Burt klar, dass er nicht auf der Intensivstation bleiben würde. Er hatte aber stark gehofft, dass er hier im Brigham Young bleiben konnte, denn allein die Tatsache dass er Nancy in seiner Nähe wusste, war wie Medizin für ihn. Eigentlich dachte er nur noch an Nancy Doch auch die Schatten des erlebten Dramas legten sich bisweilen in seine Gedanken und er trauerte still und intensiv um seine Eltern.


Am nächsten Tag kam Burt auf die neue Station. Er hatte ein Zimmer für sich allein – es gab in dieser Abteilung des Krankenhauses auch nur Einzelzimmer. Überall waren Klingelknöpfe an den Wänden, damit man jederzeit Hilfe rufen konnte, wenn es nötig wurde. Auch in der Dusche waren diese Knöpfe und schon am Nachmittag des ersten Tages lehnte Burt sich nach dem Duschen beim Abtrocknen an die Wand um den Halt nicht zu verlieren. Etwa eine Minute später wurde die Tür zur Dusche hektisch geöffnet und ein Pfleger sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinein.


»Alles ok Burt?«


»Ja, warum?« fragte Burt etwas verwundert. Der Pfleger zeigte anstatt zu antworten lächelnd mit dem Zeigefinger auf die Klingel, die etwa in Hüfthöhe an der Wand zu sehen war.


»Das passiert recht oft, besonders bei den Neuen Patienten. Aber so kann ich mich gleich vorstellen, ich bin Aaron Dicks, der Oberpfleger auf dieser Station. Wir sehen uns jetzt öfter – ich werde ihnen bei der Genesung behilflich sein. Wir werden noch viel Spaß haben.«


Burt glaubte ihm aufs Wort, denn dieser Aaron machte einen sehr entspannten und fröhlichen Eindruck. »Ich freue mich darauf, Aaron!« erwiderte Burt und nahm sich vor, diese Klingel künftig genau zu beachten. Er wollte natürlich keinen Fehlalarm mehr produzieren. Sein Weg war klar – schnell wieder so gut laufen zu können, dass er so oft wie möglich in Nancys Nähe gehen konnte – das war sein erstes Ziel zur Genesung.


Nach zwei Wochen intensiven Trainings der Bewegungsmuskulatur mit Aaron und weiteren medizinischen Maßnahmen zu seiner Gesundung wurde alles besser. Er war schon zweimal zu Fuß unterwegs zur Intensivstation, warf aber immer nur einen Blick durch die Scheibe der Tür. Er traute sich nicht zu Klingeln und nach Nancy zu fragen. Aber heute, da wollte er das tun. Burt fühlte sich wirklich gut und hatte keine großen Probleme mehr beim Laufen. Und das Glück kam ihm dann zur Hilfe – kurz vor dem Erreichen der Intensivstation, auf der er so lange im Koma lag und gleichzeitig auch der Ort, an dem er Nancy kennenlernte, begegnete sie ihm auf dem Flur. Offensichtlich hatte sie gerade ihren Dienst beendet oder sie wollte ihn gerade antreten. Das aber war Burt egal, er strahlte und fühlte sein Herz klopfen, so als wäre ihm gerade ein Engel persönlich über den Weg gelaufen.


»Nancy! Wie schön dich zu sehen!«


»Burt, darfst du denn das schon? Hierher allein? Geht es dir schon so gut?«


»Auf dem Weg hierher ging es mir mit jedem Schritt besser, aber nun – nun Nancy bin ich gesund. Jetzt sehe ich Dich und keine Krankheit der Welt hat bei mir mehr eine Chance!«


»Soso. Mindestens ist dein Schmeicheltalent wieder voll einsatzfähig. Ich habe Dienstschluss, wollen wir einen Kaffee trinken gehen?«


Die Antwort von Burt war klar. Beide gingen in die Cafeteria und begannen ein langes Gespräch über Gott und die Welt. Auf Nancys Frage, wie er den Tod seiner Eltern bewältigt hat, wurde Burt nachdenklich und fragte Nancy: »Ich würde gern zu dieser Absturzstelle gehen, Nancy. Dort ist der Ort, wo sich meine Wege von denen meiner Eltern trennten. Was auch immer ich dort zu finden erhoffe, ich würde gern, dass du mich dorthin begleitest. Würdest du das tun?«


Nancy dachte nur kurz nach, einen Wimpernschlag lang und nickte dann zustimmend. Sie beschlossen schon nächste Woche zu dieser Stelle zu fahren, Burt lag daran sehr viel und Nancy fühlte das.


Nancy lenkte ihren gelben Mini in die Strasse, in deren Verlauf sie an die Wiese gelangen würden, auf der die Cessna gestürzt war. Burt blickte versonnen aus dem Fenster des Wagens, war mit seinen Gedanken weit zurück in der Vergangenheit. Die letzten Momente im Cockpit tauchten auf. Aber nicht mehr mit den Gefühlen aus Panik und Angst und Ungewissheit verbunden. Eher friedlich und voller Ruhe. Das wunderte Burt zwar, aber er unternahm nichts dagegen, denn so würde er diesen Besuch der Absturzstelle sicher mental besser verkraften.


Dann sahen beide die Wiese, auf der es geschehen sein musste. Es waren noch immer große Flächen nicht mit neuem Rasen bewachsen. An einigen Stellen wuchs der Rasen zwar schon wieder nach, aber dort war es eben nur ein erster Rasenflaum. An einer Stelle, ziemlich in der Mitte, dort wo das Gras noch nicht zu sehen war, waren zwei Holzkreuze in den Sand gesteckt.


Nancy hielt den Wagen an und beide gingen direkt zur Absturzstelle. Erst jetzt sah man, wie groß doch die Fläche war, die dieser Absturz der Cessna in Mitleidenschaft gezogen hatte. Ein so kleines Flugzeug und ein Schadenbereich, der mindestens so groß wie ein halbes Footballfeld war. Die Trümmerteile der Maschine und die vielen Rettungs- und Entsorgungsfahrzeuge hatten einen großen Teil der Wiese zerstört. Nancy und Burt näherten sich den zwei Kreuzen, lasen die Inschrift, in das Holz geschnitzt: Hier ist der Platz, an dem unsere lieben Eltern diese Welt verlassen haben – Ivy und Burt.


Ivy musste das aufgestellt haben. Burt sah, wie Nancy sich mit der Hand über die Augen fuhr, und scheinbar ein paar Tränen verwischte. Er nahm sie in den Arm und es sah so aus, als würde er sie trösten, als sei ihre Trauer größer als seine.


Aber dann, einige Minuten hatten beide still an der Stelle verharrt und ihren Gedanken den Frieden des Augenblicks gegönnt, dann sahen beide fast gleichzeitig auf der anderen Seite ein großes Schild mit den Worten: FOR SALE


Beide sahen erst zum Schild, dann sahen sie sich beide in die Augen und richteten danach ihre Blicke zum Gelände und den Gebäuden hinter dem Schild. Ein Zauber ging von diesem Gelände aus, das spürten beide. Voller Neugier gingen die beiden ohne sich in irgendeiner Weise abzusprechen wie selbstverständlich über die Strasse, um sich alles genauer anzusehen. Fasziniert suchten beide Augenpaare alles ab was sichtbar war. Etwas entfernt tummelten sich auch ein paar Pferde und Burt brach als erster das Schweigen: »Magst du Pferde, Nancy?«


»Ich mag alle Tiere, aber Pferde ganz besonders. Und du?«


»Ich mag dieses ganze Anwesen hier. Ich bin ganz begeistert und würde mir das alles am liebsten ganz aus der Nähe ansehen. Doch frage ich mich gerade – wozu eigentlich?«


»Also ansehen würde ich es mir auch mal gern. Wozu? Das weiß ich auch nicht. Aber wir können ja mal so tun, als würden wir uns dafür interessieren, vielleicht führt uns ja jemand herum. Was meinst du?«


»Ich brauche gar nicht so zu tun, ich interessiere mich wirklich dafür. Wer weiß denn, warum ich ausgerechnet hier abgestürzt bin, vielleicht sollte ich diesen Ort ja finden.«


»Das ist vielleicht etwas zu mystisch gedacht, aber es ist ja auch egal. Gehen wir doch einfach mal hin und fragen nach.«


»Ja, machen wir das. Bist du eigentlich dort wo du wohnst glücklich? Ich meine – würdest du auch hier wohnen können?«


»Das würde ich wohl Burt, nur das könnte ich mir nicht leisten. Du etwa?«


»Nein, ich auch nicht. Oder doch? Meine Eltern hatten beide eine hohe Lebensversicherung, fällt mir gerade ein. Meine Schwester und ich haben sehr viel Geld geerbt. Sollte das vielleicht alles mehr als nur Zufall sein?


 


Es dauerte nur ganze vier Wochen, dann waren alle Verträge unterzeichnet, Burt hatte die Mindrace Farm gekauft, deren Inhaber aus Altersgründen ihren Besitz in gute Hände abgeben wollten. Am Tage der Vertragsunterzeichnung hatte Burt noch eine ganz wichtige Sache zu erledigen. Er nahm alle Papiere vom Notar und ordnete sie in eine schöne und elegante Ledermappe. Dann fuhr er ins Krankenhaus, wo er mit Nancy verabredet war, um sie zum Essen abzuholen. Er selbst war bereits aus dem Krankenhaus entlassen und wieder fast in der alten prächtigen Verfassung.


Sofort als Burt Nancy erblickte, fühlte er, dass sein Vorhaben genau jetzt und heute und in diesem Moment das war, was er tun musste. Er sah Nancy an und begann zu sprechen: »Nancy, du weißt ja, also, ich meine du und ich wir haben ja eine gewisse Zeit schon… es ist ja – also wo ist denn nur mein Text? Ich hatte das alles, das war doch… Also Nancy…«


»Ja?« Nancys Herz klopfte auch bis zum Hals. Aber auch sie war fern davon, die richtigen Worte zu finden oder zu erahnen, was nun Burt eigentlich sagen wollte. Es gab in ihr diesen Zwiespalt – will er mich verlassen oder will er mich heiraten…


»Nancy, ich möchte dir etwas zeigen. Hier, schau mal.« Er zeigte Nancy die Ledermappe und hielt sie ihr entgegen.


»Willst du mir etwas sagen oder mir etwas zeigen Burt? Mir wäre es lieber, du würdest mir etwas sagen, bevor du mir diese Mappe zeigst.«


»Du hast ja Recht, ich bin ein Feigling. Nancy, möchtest du mich heiraten? Ich möchte mein Leben mit Dir teilen, nur mit Dir.«


»Das möchte ich auch Burt – ja, ich möchte Deine Frau werden.«


Die Ledermappe fiel zu Boden, als die Liebe der beiden zu einer der innigsten Umarmungen führte, die man im Brigham Young Hospital je gesehen hatte. Burt und Nancy aber hatten keinen Blick für Ort und Zeit und Umwelt – ihre beiden Seelen verschmolzen zu einer einzigen.


Nancy war nach einigen Minuten dann doch sehr überrascht, als sie die Kaufverträge für die Mindrace Farm in der Mappe sah. Auf eine ganz besondere Art waren diese beiden Menschen an diesem Tag und zu dieser Stunde körperlich auf dieser Welt, doch hielt sie das Glück noch lange umschlungen und schenkte ihnen Momente, die sie nie wieder vergessen würden.


 


Die Mindrace Farm hatte ihre neuen Besitzer.


 


Fortsetzung folgt

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