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Therapie


Im Rahmen meiner Therapie soll ich etwas schreiben. Einfach etwas darüber schreiben was mir auf der Seele liegt, was mich beschäftigt, was mir missfällt, oder gefällt. Ich erwarte keine Antworten und hoffe das sich niemand auf den Schlips getreten fühlt. 

Meine Freunde sind natürlich über meine derzeitige Situation im Bilde, alle anderen müssen wissen,  ich lebe seit 2 Jahren von meiner Frau und den Kindern getrennt. Das es einmal mich treffen könnte, das will mir heute noch nicht ganz in den Sinn. Ich fühle mich schwach, müde, antriebslos und vor allem gekränkt.  Susanne und ich waren ein Traumpaar, jetzt sind Susanne und ich Geschichte.  Was mich ferner sehr quält ist die Beziehung zu meinen Kindern. Ich liebe meine Kinder, aber sie entfernen sich von Woche zu Woche von mir. Kann man verlernen sein eigen Fleisch und Blut zu lieben? Ist diese Gefühlslage ein normaler Zustand bei Trennungskindern? Habe ich meine Kinder jemals geliebt, oder habe ich nur das Gesamtpaket „Familie“ geliebt? Ich denke täglich an Susanne, aber mittlerweile selten an meine Kinder. Ich schäme mich dafür, aber leider ist es so. Ich wollte kein Vater sein, der Kinder wegen, ich wollte Vater sein, weil ich die Frau geliebt habe, die aus mir einen Vater gemacht hat. Jetzt bin ich der „kaufst du uns dies, Papi, kaufst du uns das, Papi“? Der 14 Tages- Konsum- Papi.

 

Ich bin 44 Jahre alt, habe ein Hochschulstudium hinter mir, darf in meinem Traumberuf arbeiten und habe das typische „kleine Glück“ erlebt und gelebt. Eigenheim mit kleinem Garten, 2 Fahrzeuge aus der Mittelklasse, 1 x im Jahr geregelter Urlaub im Süden, alle 2 Jahre eine Woche zusätzlich mit Freunden aus längst vergangenen Tagen. Aus Tagen an die nur noch eine blasse Erinnerung besteht. Als ich noch daran glaubte, das mir so etwas niemals passieren würde. Allen anderen, aber nicht mir. Wo sind diese Tage geblieben und was hat die Zeit mit mir gemacht? Früher wusste ich genau, so soll das Leben sein. Irgendwann ist daraus ein, so ist das Leben nun mal geworden. Und die Zeit dazwischen hat mich zu dem Wrack gemacht, der jetzt über sein Leben schreiben soll, damit er nicht ganz den Halt verliert.  Auch dafür schäme ich mich. Noch einer der mit dem Leben nicht klar kommt, und  in sein Kissen weint, nur das er das Kissen jetzt gegen eine Tastatur getauscht hat. Wann fing ich an ein Schwächling zu werden?

Da ich kein Schriftsteller bin, verfasse ich die wahllose Fetzen meiner Gedanken einfach und ohne jede Ordnung. Falls das hier jemals jemand lesen sollte, so bitte ich dieses Durcheinander meiner Worte zu entschuldigen. Für das Durcheinander meiner Seele, für das Durcheinander in meinem Kopf.

Ich habe mich immer für einen mehr oder weniger rational denkenden Menschen gehalten, einen Menschen der wichtige Entscheidungen erst einmal gründlich überdenkt, sich dann mit Vertrauten bespricht und evtl. gemeinsam eine Entscheidung fällt. Aber ich musste lernen, dass das nicht für die Liebe gilt. Oder lässt es sich anders erklären, das ich den Menschen noch immer liebe, der mein Leben in einen Abgrund geführt hat? Darf man solch einen Menschen weiterhin lieben? Darf man weiter von ihm träumen? Mein Verstand hämmert mir ein klares NEIN in mein Hirn, mein Herz jedoch wird immer noch warm, wenn ich an Susanne denke. Ich muss verrückt sein, eine andere Erklärung kann es dafür nicht geben.

Ich habe begonnen meine Situation mit der anderer Menschen zu vergleichen. Ich schaue neidisch auf jede Familie die gemeinsam durch die Straßen spaziert, vergleiche mich mit anderen Vätern, die mit ihrem Nachwuchs an der Hand durch Kaufhäuser laufen. Und mein vordringlichstes Gefühl dabei ist Haß und Ärger. Ich hasse den unbekannten Mann mit seinen Kindern an der Hand nur alleine dafür, dass ich annehme dass er in geordnete Verhältnisse zurückkehren wird, nachdem er mit seinen Kindern ein Cafe besucht, oder den Nachwuchs von der Schule abgeholt hat. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, das diesen Menschen keine Schuld trifft und ich hoffe dass mich hier niemand falsch versteht. Ich neige nicht zu brutalen Übergriffen oder Amoktaten. Es ist meine verbitterte Seele, die mich zu solchen Gedanken drängt.

Das Schlimmste für mich ist jedoch, dass ich nichts von meinem bevorstehenden Desaster bemerkt habe. Während ich Pläne für die nächsten 25 Jahre gemacht habe, hat Susanne Pläne für die nächsten Monate gemacht. Und in ihren Plänen spielte ich nur noch eine untergeordnete Rolle. Da gab es bereits diesen Thorsten in ihrem Leben, mit dem sie vermutlich gemeinsam plante. Wieder eine Sache die mich unendlich verbittert. Thorsten ist Taxifahrer in Düsseldorf, hört sich selber gerne dummes Zeug reden, hat bereits eine Ex-Frau und 2 Kinder und hält sich für einen Weltverbesserer. Ich stelle mir immer und immer wieder die gleichen Fragen: „Was findet Susanne nur an solch einem Heini, dass sie alles was uns bisher verbunden hat für ihn aufgibt“? Er ist nicht besonders intelligent, ist nur von durchschnittlicher Größe und Statur, kommt nicht besonders gut mit unseren Kindern aus und kann Susanne nicht einmal einen Urlaub bieten, geschweige denn Schmuck oder einen gesicherten Blick in die Zukunft. Warum wirft man sein ganzes Leben und das seiner beiden Kinder einfach so weg? Sie geht jetzt wieder arbeiten. Weil sie in ihrem Beruf nichts gefunden hat, sortiert sie beim Edeka die Regale und sitzt dort an der Kasse. Meine Frau Susanne sortiert Regale in einem Supermarkt! Das kann ich immer noch nicht glauben. Sie lebt jetzt in einer kleinen Mietwohnung, immerhin alleine mit den Kindern, ohne Thorsten. Das Thorsten nicht mit ihr und den Kindern zusammen lebt, liegt allerdings nur daran, das Toto, wie er sich gerne vorstellt, seine Freiheit nicht aufgeben möchte. Er zerstört meine Familie und behält sich das Recht vor, seine Freiheit weiter genießen zu dürfen. Und meine Susanne geht darauf ein und lässt sich diese Behandlung gefallen. Was soll nur aus ihr werden? Was soll nur aus den Kindern werden? Und ich habe von alldem nichts bemerkt. War ich so mit mir selber beschäftigt, dass ich zu blind war das Offensichtliche zu sehen? Was habe ich falsch gemacht, das ich sehenden Auges in diese Katastrophe gerannt bin? Kann ein Mensch so furchtbare Fehler begehen, dass er von jetzt auf gleich durch einen anderen Menschen ersetzt wird?

Wie zu Beginn meines Tagebuches bereits erwähnt, bin ich ein rationaler Mensch aus sogenanntem „gutem Hause“. Ich habe eine vernünftige Erziehung genossen, durfte höhere Schulen besuchen und bin eher ein Mensch der Wissenschaft. Klare Strukturen, Definitionen und sachliches Handeln prägten bisher mein Leben.  Susanne war ähnlich gestrickt,  wobei sie trotz, oder gerade wegen ihrer   Bildung niemals unweiblich war. Neuerdings orientiert sie sich allerdings weniger am Wissen, sondern eher am Glauben. Sie hat Gott und das Glück welches nur Gott ihr geben kann für sich und die Kinder entdeckt.  Der Glaube, bzw. ein Glaube hat in unserem bisherigen Leben niemals eine größere Rolle gespielt. Wir waren uns einig darüber, das Wissen höher zu bewerten sei als profaner Glaube. Unter diesem Aspekt wollten wir unsere Kinder erziehen. Glauben ist gut, aber Wissen ist besser. Ich habe nichts gegen eine Kirche, nur bin ich auch der Meinung, das Religion auch sehr oft für Verderben und Unmenschlichkeit steht. Eine Religion sollte in erster Linie bedürftigen Menschen helfen. Kinderbetreuung, Altenpflege und seelische Hilfe bei Todesfällen oder ähnlich großem Leid bieten.  Religion sollte nicht dafür herhalten dürfen, einen anderen Menschen zu isolieren, ihn zu demütigen oder auszugrenzen, weil er den angeblich falschen Glauben hat, oder noch schlimmer, einen Krieg im Namen Gottes ausrufen. Eben all der Mist, für den Gott seinen Namen auf Erden seit Jahrhunderten hergeben muss. Nun ist Susanne eine gläubige Katholikin geworden. Eine Frau die über 20 Jahre nichts von Kirche, Papst und Gebeten gehalten hat, die Recherchen über den Vatikan und seine Verbindungen zur Mafia sowie zu internationalen Waffengeschäften geführt hat, diese Frau möchte jetzt plötzlich das unsere Kinder nachträglich getauft werden um den Weg zu Gott zu finden. Ich bin fassungslos und kann das nicht verstehen. Ich habe versucht mit ihr darüber zu reden, aber alles ohne Erfolg. Auch ein Gespräch mit dem hiesigen Jugendamt war erfolglos, da Susanne ebenfalls über einen Teil des Sorgerechtes verfügt.  Ich sehe meine Kinder in Gefahr, das Jugendamt sieht das allerdings anders.

Hat sie insgeheim etwas vermisst? Wieso wendet sich eine erwachsene Frau plötzlich dem Glauben zu? Habe ich etwas übersehen? Konnte ich ihr nicht die Sicherheit bieten, die sie jetzt im Glauben sucht? Abgesehen davon, wie vereinbart sich katholischer Glaube mit Ehebruch und einem Leben in wilder Ehe? War ich denn so blind für ihre Bedürfnisse?

 

Ich habe einen Freund aus Kindertagen, mit dem ich in der gleichen Straße aufwuchs und wir verbrachten viel Zeit miteinander. So einen Freund hat jeder, werden sie sich jetzt evtl. denken, aber mein Freund ist etwas besonderes. Er heißt  Mehmet und ist Türke. Das stimmt eigentlich nicht so ganz, er ist ein Halbtürke. Das Besondere an ihm ist, er hat es so viel schwerer gehabt im Leben als ich und dennoch geht er mit einer Leichtfüßigkeit durchs Leben, die mich immer wieder aufs Neue verblüfft. Er kennt Susanne von dem Tag an, an dem sie in mein Leben trat. Unsere Freundschaft ist ungewöhnlich, da wir oftmals Phasen hatten, in denen wir uns über viele Monate nicht gesehen und gesprochen haben, dennoch besteht zu ihm eine innigere Verbindung, als zu allen meinen anderen Freunden und Bekannten. Susanne mochte ihn eigentlich immer sehr gut leiden , aber als Mehmet vor ein paar Wochen als Moderator zwischen uns fungieren wollte, hat sie ihn fast schon beschimpft und war mehr als kurz angebunden. Dabei ist er zu meinem Leidwesen sogar extrem Neutral gewesen. Ich hätte mir etwas mehr vom orientalischen Geist der Familie und des Zusammenhaltes von ihm gewünscht. Aber das anvisierte Gespräch zur einer Einigung in Sachen Kindererziehung dauerte keine 10 Minuten lang. Ein Flopp auf voller Linie.

Warum ich nun plötzlich einen Freund mit in diese Zeilen bringe? Weil mein Therapeut mir den Tipp gab. Ich solle über Vorbilder in meinem Leben nachdenken und etwas über diese Menschen aufschreiben. Und da ich aufgehört habe seine Tipps in Frage zu stellen, habe ich mir Gedanken über große Menschen und meine Idole gemacht. Politiker, Wissenschaftler und Sportler waren darunter, aber niemand den ich etwas besser kenne, oder kannte. Bis auf Mehmet. Er ist weder Politiker, noch Sportler und schon gar kein Wissenschaftler, aber ihn kenne ich gut und er hat mich mehr als einmal im Leben beeindruckt.

Er ist ebenfalls Vater eines Sohnes und auch seine Frau hat sich von ihm getrennt, allerdings schon vor fast 10 Jahren. Sie hat ihn einfach sitzen lassen, nachdem er mit nur 35 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatte. Er hat sich zwar schnell wieder von seinem Infarkt erholt, aber auch er litt sehr unter der Trennung von Frau und Kind. Er ist temperamentvoller als ich und manchmal auch sehr irrational in seinen Entscheidungen, aber er ist eine relativ ehrliche Haut und macht aus seinem Herzen keine  Mördergrube. Auch er hat versucht seine Frau zurückzugewinnen, auch er ist kläglich gescheitert. Im Gegensatz zu mir, hat Mehmet nach ca. 6-8 Monaten einfach den Kontakt zu seiner Frau und zu seinem Sohn abgebrochen. Er bezahlt den Unterhalt und wenn es etwas zu klären gibt, so lässt er das einen Anwalt klären. Er spricht nicht ein Wort mit seiner Exfrau und ebenso kein einziges Wort mit seinem Sohn. Ich habe das zu Anfang nicht verstehen können, aber langsam begreife ich was in ihm vorgeht. Er kann nicht mit seiner Frau sprechen, weil er sie mehr geliebt hat als sein eigenes Leben, weil er sie wahrscheinlich immer noch liebt und es einfach nicht ertragen kann, das sie nicht mehr Teil seines Lebens ist. Als ich ihn auf seinen Sohn angesprochen habe, erklärte er mir sein Verhalten aus seiner ganz eigenen Sicht. Seine Frau hätte doch entschieden, dass er nicht die Rolle des Vaters übernehmen soll. Und er sei nicht bereit den Lückenbüßer zu spielen. Er wollte kein Wochenendvater sein und sein Sohn brauche aber in diesem Alter, der kleine Mann war gerade erst 2 Jahre alt, eher eine Mutter, als einen Vater. Also nimmt er sich aus Rücksicht auf das seelische Wohl seines Kindes komplett aus der Verantwortung. Ich habe seinen Standpunkt und sein Handeln damals nicht nachvollziehen können, heute kann ich es sehr wohl. Er hätte es einfach nicht ertragen können, seine große Liebe mit einem anderen Mann zu sehen, seinen Sohn von einem Fremden erzogen zu wissen und dabei genau zu wissen, alle 14 Tage darf ich ihn zwar sehen, aber ich werde von Woche zu Woche mehr zu einem Störfaktor in seinem Leben werden.

 Ich möchte auch kein Störfaktor im Leben meiner Kinder werden, aber ich kann nicht so radikal sein wie Mehmet. Ich schaffe es einfach nicht, obwohl ich zu ahnen beginne, das es vielleicht besser für sie ist und auch besser für mich seien könnte. Susanne, was tust du uns allen nur an?

Diese eine und sehr fragwürdige Entscheidung macht aus Mehmet sicherlich keinen Helden des Alltags, und sicherlich zweifeln sie gerade an meinem Urteilsvermögen, aber diesem Mann ist etwas gelungen, was ich einfach nicht schaffe. Ich bin zu schwach um den totalen Bruch zu vollziehen. Dabei ist es offensichtlich, ich werde daran zerbrechen.

Fortsetzung folgt.

 

    

Kommentare

Mondraben - 14.08.2012 07:42
Hallo...
ich weiss das zum Scheitern einer Ehe immer 2 gehören... nicht nur einer..- - Beide haben Schuld nicht nur derjenige der geht...- - - Meistens liegt es daran das die Partner nicht mehr miteinander kommunizieren können..- - - Damit fängt es an es wird nicht mehr mit einander geredet. Dann geht man nicht mehr auf die Bedürfnisse ein des anderen.- Hast du sie mal in den Arm genommen und gesagt das du sie lieben tust, hast du um sie gekämpft ?...- - - Ausserdem hat jeder Mensch auf der Welt seine Fehler nicht nur dieser Thorsten....----
lg Mondraben


Redseelig [Tb: Herzen sprechen eine andere Sprache... ] - 14.08.2012 03:47
Oh NEIN Carlos!!!Du mußt kein 14 tage Papi werden,solange du im Herzen der Kinder bist!!!Auch ich lebe getrennt und meine Kids lieben ihren Papi und dürfen jeder Zeit zu ihm oder mit ihm telefonieren...ausserdem sehen sie ihn ausser der Reihe!Such nicht nur den Fehler bei Susanne....irgendwas wird verloren gegangen sein und ich als Verkäuferin sage dir,so schlecht ist der Beruf nicht...lächel!!! :-) Lerne umzudenken!!!

Es grüßt und wünscht dir alles erdenklich gute,dat Redseelig.


nikblues [Tb: Das Ende ein neuer Anfang.] - 03.07.2012 01:55
Hallo ich kann so nachvollziehen was du schreibst mir geht es nicht viel anders.Nur steh ich am Anfang das Scherbenhaufens der gerade enstanden ist. Weis mir nicht zu helfen.Viel erfolg dir. Ich versuche zur Zeit meine Gedanken hier zu Bündeln und so es zu verarbeiten .Nur steh ich am Anfang .Vieleicht ssollte ich es auch mit einer Therapie versuchen. Aber erst mal alles abschließen .
Ich drück dir die Daumen und wünsch dir von Herzen alles gute.


LordSamedi [Tb: Die dämonische Lilie] - 04.06.2012 16:23
Das was du hier erzählst, hört sich echt furchtbar an...
ich hoffe, dass dir das Schreiben hilft und diene Frau hoffentlich merkt, was sie dir angetan hat und auch, dass dieser Thorsten wohl auch seine Fehler hat...

Ansonsten: Herzlich Willkommen im Tagebuchland und ganz liebe Grüße
Sayuri


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