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Kapitel 1: Muyen


„Muyen, bitte!“

Streng klang seine Stimme, streng und auch erschöpft. Ich hatte meinen Vater noch nie erschöpft erlebt. Es waren lange und zöhe Wochen gewesen.

„Muyen!“ Die Wände, die kahlen Wände, warfen meinen Namen drohend zu mir herüber. Kalt und rau waren sie.

„Schatz, bitte. Wir kommen noch zu spät zur Beerdigung.“ Die Stimme meiner Mutter flatterte wie ein Schmetterling zu mir herüber. So zerbrechlich, so fragil. Ich wollte dem Schmetterling gerne helfen. Ihn umschließen und ihm Sicherheit geben.

Die dunklen Strähen in den engelblonden Haaren meiner Mutter umrahmten ihr Gesicht noch immer anmutig, auch wenn ihr Gesicht nun verhärmt war. Sie hatte versucht, ihre Augenringe wegzutuschen, doch ich wusste es besser.

„Lass' sie doch, wenn sie nicht will.“ Meine Schwester war eine Schönheit. Sie glich ihrer Mutter, wenn sie auch nicht so zerbrechlich wirkte, dann doch so anmutig wie eine Gazelle. Ich liebte Gazellen. Scheue Schönheit. Nana, meine große Schwester, zieht mich oft damit auf. Denn leider, leider war ich auch so scheu wie eine Gazelle. Nanas Liebling war natürlich der Löwe. Stark. Einschüchternd, nicht schüchtern. Und Nana war auch jedermanns Liebling. In vielen Vereinen mit vielen Freunden organisiert, von frühmorgens bis spät abends außer Haus. Der komplette Gegensatz zu mir. Denn Gnade mir Gott, wenn ich mal ein paar Minuten zu spät kam, stand meine Mutter schon auf der Matte.

Vom Dachfenster aus beobachtete ich, wie sich der silberne Mercedes meines Vaters in Bewegung setzte. Das beklemmende Gefühl fiel von mir ab. mein schwarzes, elegantes Kleid lag noch unberührt auf meinem Bett. Meine Mutter hatte mich damit aufzumuntern versucht, dass das Kleid alle Rundungen verstecke, doch da war mir nur klarer geworden, wie unterschiedlich wir beide waren. Meine Mutter war unglaublich wütend gewesen, als ich sich geweigert hatte, das Kleid anzuziehen. Ich hatte nicht begreifen können, wieso man zu Beerdigungen schön sein muss. Oma hätte das nicht gewollt. Lieber bunt und mit lustigen Hüten auf dem Kopf.

Mir war die Stirnfalte ihres Vater aufgefallen, als ich das gesagt hatte. Nein, es war zwecklos. Egal, was ich tat.

Seit meine Oma erkrankt war, hatte ich immer ein Foto von ihr unter meinem Kopfkissen liegen und meine Hoffnung aufgegeben, einmal zu ihr zu ziehen.

Ich hasste dieses Haus. Natürlich hatte ich verstanden, dass wir hierher ziehen mussten, um Oma zu helfen. Alles hier war leer, die Umzugskartons stapelten sich noch in Fluren und Zimmern hoch bis zur Decke und erdrückten sie beinahe. Viele knarzende Treppen musste ich runter gehen, um endlich nach unten zu gelangen.

Die Nachbarin sah in den Garten herüber. Sie war fast so nett wie Oma. Die Nachbarin, die ich liebevoll Tante Regina getauft hatte, wie mein Lieblingskuscheltier, weil auch sie ein bisschen dick und flauschig war, sah nach rechts und nach links. Sie beobachtete eingehend das Küchenfenster, bevor sie einen entschlossenen Blick aufsetzte und ihr eigenes Grundstück verließ, um den Garten zu betreten, auf den Mama und Papa so stolz waren und der der Grund zum Kauf gewesen war. Nana war jedoch die Einzige gewesen, die sich je in diesem Garten aufhielt. Selbst Mama und Papa waren nur einmal hier gewesen, und zwar zur Ewinweihungsfeier, um die Nachbarn kennenzulernen. Ich hatte ein rotes, kratziges Kleid mit einem weißen, drückenden Spitzenkragen tragen müssen. Tante Regina hatte mir ein wunderschönes rosafarbenes Kleid geschenkt. Weich wie Schafswolle hatte es sich an mch geschmiegt, aber nicht so weich wie Tante Regina selbst in ihrer Umarmung.

Ich lächelte un duckte mich tiefer ins Gras. Wasfür ein Spaß würde es werden, wenn Tante Regina mich finden würde! Ich kicherte in freudiger Erwartung und sog den Duft des trockenen Grases ein. Eine Schande, dass sie den Harz hasste, sonst wäre sie länger hiergewesen.

Tante Regina schlurfte durch das hohe Gras unseres Vorgartens. Sie beäugte misstrauisch den gerosteten Rasenmäher. Dafür konnte ich nichts, der war schon vorher hier gewesen. Dann kämpfte sie sich zur Terasse durch. „Tante!“ Ich sprang auf und auf Tante Regina zu. Sie zuckte zusammen. „Habe ich dich erschreckt?“, fragte ich schuldbewusst. Sie lachte nur und lud mich auf ein Stück Aüfelkuchen zu sich nach Hause ein. Der Kuchen war köstlich. Sehr lecker, doch als ich wieder gehen wollte, war von Tante Regina nichts mehr zusehen. Ich lief suchend durchs Haus. Was für eine tolle Idee, jetzt verstecken zu spielen! Tante Regina hatte einen wunderbaren Rumpelraum in dem die unmöglichsten Sachen lagen. Da hörte sie Tante Regina von unten rufen. Als sie jedoch aus dem Raum rennen wollte, sah sie aus den Augenwinkeln ein Foto. Das kleine Baby darauf sah aus wie Nana, von der es jedoch keine Kinderfotos gab. Sie kannte nur das mit dem Federumhang bei ihrer Kindergartenentlassungsfeier. Und der Umhang, den sie verloren hatte, lag neben dem Babyfoto.

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