Die Tiere drehen durch
Am nächsten Morgen war Suki schon um sieben wach gewesen und saß nun bereits unten bei ihrer Mutter. „Es tut mir so leid, dass ich gestern nicht für dich da war. Ich hab nur die Arbeit für Aya-chan übernommen. Dafür muss ich am Montag nur den halben Tag arbeiten.“ Ihre Mutter griff zum Block:
Mach dir keine Sorgen. Mir gings gut.
Immerhin ist Hatori gekommen und hat mir etwas leckeres gebracht.
Dieser Junge ist wirklich in Ordnung.
Willst du ihn nicht näher kennen lernen?
Er wäre sicherlich auch ein guter Mann und Vater.
„Ja Mama, das glaube ich auch, dass er das wäre, doch er ist nur ein guter Freund. Ich empfinde nichts für ihn und das werde ich auch nicht, wenn ich ihn näher kennen lerne, denn ich kenne ihn doch sowieso schon so gut.“, erklärte Suki ihrer Mutter.
Wie du meinst. Du wirst schon wissen, was du willst.
Ich bin mir sicher, dass du richtig entscheiden wirst.
„Danke Mama.“, meinte Suki und lächelte. „Hast du jetzt Hunger, oder willst du dich erst waschen, da du dich gestern nicht gewaschen hast?!“, fragte Suki, worauf ihre Mutter ihr schrieb, dass sie sich heute Abend waschen werde und jetzt Hunger hätte. Sie wolle einen Kamillentee und ein Honigbrot. Sogleich machte sich Suki auf um ihrer Mutter ihre Wünsch zu erfüllen. Den Kamillentee hatte Suki von Hatori, der ihn extra für sie aus der Stadt gebracht hatte. Suki wusste, dass eine Schachtel Kamillentee mind. 140 Yen kosten musste und war Hatori mehr als dankbar dafür. Er meinte nur immer, dass das doch nicht der Rede wert wäre, doch für Suki war es etwas ganz besonderes. Eigentlich konnte sie froh sein, dass sie überhaupt einen Tee hatte.
Bald schon hatte Suki alles für ihre Mutter fertig und brachte ihr alles in ihr Zimmer. „Ach Mama. Was soll ich bloß mit dir machen? Du musst doch mal reden. Du kannst es doch, das weiß ich. Seit Papa von uns gegangen ist hast du kein Wort mehr gesagt. Mir tat es doch auch weh, doch wieso hast du aufgehört mit mir zu reden? Ich würde so gerne deine liebevolle Stimme hören.“, sagte Suki und sah ihre Mutter hoffnungsvoll an, die nur den Kopf schüttelte.
Es ist, als hätte ich deinem Vater meine Stimme geschenkt,
damit er auch im Himmel sprechen kann.
Ich will nicht reden, denn dann würde ich ihm seine Stimme wieder entreißen.
Ich will, dass es ihm gut geht.
„Es geht ihm doch gut. Er hat doch seine eigene Stimme, Mama.“, meinte Suki verwirrt. Was sollten diese Sätze? War ihre Mutter verrückt? Nein, das war sie sicher nicht. Sie hatte oft rätselhafte Sachen gesagt, doch immer war ein Sinn dahinter, auch wenn es auf den ersten Blick sehr verwirrend schien.
„Mama, hast du was dagegen, wenn ich heute noch mal zu Aya zum Zoo hoch gehe. Ich muss ihr noch was erklären.“, fragte Suki, worauf ihre Mutter den Kopf schüttelte und lächelte. Suki räumte noch schnell alles auf und machte sich so schnell sie konnte auf den Weg zum Zoo, damit sie schnell wieder zu Hause sein konnte.
„AYA!!“, rief sie über den Zaun des Streichelzoos, worauf Aya auch gleich aus der Hütte heraus guckte. „Suki, was ist denn los?“, fragte diese verblüfft. „Ich wollte dir das wegen gestern noch mal erklären.“, meinte Suki und ging zum Haus indem Aya stand. Drinnen sah sich Suki die Kätzchen noch mal an und erklärte Aya alles ausführlich, was gestern geschehen war, als sie nicht da war. „Aha, da hat also jemand einen Stein geschmissen und ist dann spurlos verschwunden.“, wiederholte Aya Sukis Sätze, die daraufhin eifrig nickte. „Hast du mit dem Jungen, der gerade da vorbei gegangen war gesprochen?“, fragte Aya nach. „Nein, das wäre unhöflich gewesen, ihn einfach so anzusprechen und ihn mit Sachen zu konfrontieren, die ihn gar nichts angehen und ihn nicht interessieren.“, antwortete Suki. „Und was ist, wenn er es war, der den Stein geschmissen hat und sich dann nur gut verstellt hat um nicht aufzufallen, he?“, meinte Aya ein wenig wütend.
„Tut mir leid Aya.“, entschuldigte sich Suki und sah zu Boden.
Aya seufzte leicht.
„Schon gut. Ich muss sowieso noch was erledigen. Da kann ich gleich beim Handwerker vorbei schauen und eine neue Scheibe bestellen. Könntest du derweil bitte nachsehen, was die drei Neulinge für Geschlechter haben?“, fragte Aya die noch sich schämende Suki, die natürlich gleich mit „Ja“ antwortete. Sogleich verschwand Aya nach draussen und Suki machte sich an die Arbeit um fertig zu sein, wenn Aya wieder zurück wäre.
Suki öffnete das Tor des Holzkäfigs, als sie auch schon den Motor von Ayas Auto hörte, die schnell in Richtung Stadt fuhr.
Hinter sich schloss Suki das Tor wieder und ging wie gestern in die Hocke um nach den Kätzchen zu sehen. Die neugierigen Kätzchen kamen gleich aus ihrem Versteck und schnuffelten an Sukis Hand.
Als Suki eines der drei Kätzchen sah, welches sie untersuchen sollte, packte sie gleich die Gelegenheit beim Schopf und griff sich das Erste. Es war ein rot getigertes mit weißen Pfoten. Das kleine Tierchen schrie, da es Suki noch nicht kannte.
„Mein Gott bist du putzig. So ein kleines Kätzchen wie dich hätte ich auch gerne.“, sagte Suki zu dem kleinen Kätzchen.
Als Suki das Kleine auf den Rücken drehen wollte um es zu untersuchen, wehrte es sich und sah Suki mit großen, schwarzen Knopfaugen an.
„Och, magst du das nicht?“, fragte Suki das Kleine und lächelte und da geschah etwas, das Sukis Leben für immer verändern sollte.
Das Gesicht des kleinen Kätzchens verzog sich zu einem fiesen Grinsen und seine Zähne wuchsen in Windeseile auf die Länge eines Kugelschreibers. Es riss seine Augen auf und die Adern darin schienen bald zu platzen, da sie bereits dick und rot hervor quollen. Das Fell des kleinen Monsterkätzchens wurde verwildert und die Schnurrbarthaare fielen herab. Es fuhr seine Krallen aus, die nun auf die Größe eines ausgewachsenen Löwen gewachsen waren. Blut schoss aus dem Maul dieses Monsters hervor. Es versuchte zu brüllen, doch heraus kam nur ein Geräusch, das sich anhörte wie Würgen, Blubbern und Kratzen zusammen mit einem Hauch spitzen Schrei. Langsam bewegte sich das Monster auf Suki zu, die geschockt da saß und das Ding vor ihr anstarrte. Jedoch begriff Suki schnell und wollte die anderen kleinen Kätzchen nach hinten drängen, damit ihnen nichts geschah. Sie berührte zwei Kätzchen, kümmerte sich jedoch nicht weiter darum, warum denn auch?!
Als das Monster Suki anzugreifen schien, richtete es sich auf und schlängelte sich wild herum, worauf es anfing, sich die Krallen selbst in den Körper zu rammen. Blut spritze aus den Wunden, doch das Monster hörte nicht auf sich selbst zu zerfetzen. Haut und Fellteile flogen umher und bald waren bereits Knochen zu sehen. Das Monster schrie vor Schmerzen, hörte jedoch nicht auf, sich selbst zu zerreißen.
Suki konnte nicht mehr länger hin sehen und wandte ihren Blick auf den Boden.
Ca. 5 Minuten später war alles vorbei. Es lagen überall im Käfig Fetzen des damaligen kleinen Kätzchens umher und das Blut lief die Wände herunter.
Total geschockt stand Suki auf und taumelte zum Ausgang des Käfigs, als zwei der anderen Kätzchen sich an ihren Füßen fest krallten und es waren keine normalen Krallen, so stellte Suki schnell fest, denn sie empfand Schmerzen.
Als sie zu ihren Beinen hinab sah, erschrak sie noch mehr. Zwei weitere Monster hingen an ihrem Fuß und sabberten ihre Hose voll.
Suki versuchte schreiend die beiden abzuschütteln, doch die beiden rutschten nur an ihren Beinen hinab und schlitzten ihr die Beine auf. Sie sah nur noch eine Möglichkeit und nahm einen Holzbalken, der am Holztor lehnte. Diesen schlug sie auf die beiden Monster, die jedoch lange Zeit nicht los ließen, doch irgendwann hatte sie es geschafft und lief nach draussen, sofern man das noch laufen nennen konnte.
Draußen angekommen fiel sie in die Wiese und zitterte vor Schmerzen, doch das sollte noch nicht genug sein. Die beiden Monster waren aus dem Käfig ausgebrochen und liefen nun an Suki vorbei, worauf sie sich neben ihr gegenseitig zerfetzten.
Da Suki keine Kraft hatte um weg zu gehen, drehte sie ihren Kopf nur auf die andere Seite und betete, dass alles schnell vorbei sein solle.
Nach einiger Zeit war wieder Ruhe eingekehrt und Suki spürte nur noch den stechenden Schmerz an ihren Beinen, als sie von weit weg ein Motorgeräusch vernahm.
„SUKI!“, schrie Aya, die aus der Stadt zurück war.
„Was ist denn mit dir passiert?“
Aya packte Suki und legte sie in ihr Auto, worauf sie sie ins Krankenhaus ca. 2 km vom Zoo entfernt brachte.
Dort wurde ihr eine Betäubung gegeben und ihre Verletzung genäht, worauf sie in ein Krankenzimmer gebracht wurde, indem Aya bereits wartete.
Nach einiger Zeit wachte Suki auf und sah Aya neben ihrem Bett sitzen.
„Was ist mit Mama? Geht es ihr gut?“, murmelte Suki noch völlig benommen von der Betäubung.
„Deiner Mutter geht es gut. Ich habe mit Hatori telefoniert. Er kümmert sich um sie, aber was um alles in der Welt hast du mit den armen Kätzchen gemacht und warum bist du so verletzt?“, meinte Aya verärgert.
„Von wegen arme Kätzchen. Das sind Monster, die sich gegenseitig zerfetzten und mich angriffen. Zwei konnte ich mit einem Holzpfahl los werden, doch draußen im Garten zerrissen sie sich gegenseitig.“, erklärte Suki mit aller Kraft.
„Sag mal bist du jetzt völlig durchgeknallt. Das hätte ich nicht von dir erwartet, dass du Tiere auf so brutale Art und Weise tötest und dann auch noch so einen Schwachsinn erzählst. Ich glaube langsam, dass du nicht mehr ganz richtig im Kopf bist. Das mit deiner Mutter ist dir wohl zu Kopf gestiegen. Im Zoo kann und will ich dich nicht mehr arbeiten lassen und auch nicht mehr sehen, ist das klar? Du bist gefeuert!“, sagte Aya wütend und verließ das Zimmer.
Allein gelassen mit ihrem Elend lag Suki da und starrte die Decke ihres Krankenzimmers an.
Hatte sie richtig gehört? War sie wirklich gerade gefeuert worden? Wurde sie nun für etwas bestraft, das IHR angetan wurde?
Abends kamen die Ärzte und teilten Suki mit, dass sie ca. eine Woche im Krankenhaus bleiben müsse, bis alles verheilt wäre, doch sie davon ausgehen müsse, das Narben zurück bleiben würden, doch das war Suki bereits klar gewesen.
„So Miyako. Hier ist dein Abendessen. Ein leckerer Gänsebraten von unserem Hof und ein wenig Weißwein. Ich hoffe du magst das.“, meinte Hatori zu Sukis Mutter, der sich in der Zeit, in der sich Suki im Krankenhaus befand um ihre Mutter kümmerte.
Danke Hatori-chan. Du bist ein guter Junge.
So etwas hatte ich schon lange nicht mehr, doch das will ich nicht von Suki verlangen.
Wie geht es ihr überhaupt?
„Ach Miyako. Körperlich ist sie bereits wieder im grünen Bereich, doch sie erzählt sehr, sehr komische Dinge. Die Leute glauben, dass sie verrückt geworden ist.“, erzählte Hatori Miyako, denn er wollte sie nicht belügen, es war schließlich ihre Tochter.
Meine Tochter ist nicht verrückt.
Vielleicht hat sie nur so einen starken Schock,
dass sie so etwas erzählt, aber verrückt ist sie nicht.
„Ja, das glaube ich auch. Suki und verrückt, das passt irgendwie nicht zusammen. Sie ist die netteste und liebenswürdigste Person, die ich kenne. Außerdem hat sie einen starken Willen und großes Selbstbewusstsein. Verrückt wird die nicht so leicht.“, lachte Hatori und entlockte Sukis Mutter ein leichtes Lächeln.
Die Woche verging und Suki durfte wieder nach Hause. Hatori hatte sie mit dem Auto abgeholt.
„Hey, wie geht’s dir denn jetzt?“, erkundigte er sich bei ihr.
„Naja, es geht, bis auf dieses schreckliche Erlebnis, das mir jedoch keiner abnimmt. Kein Wunder, ist ja auch verrückt. Ich würde es auch nicht glauben, wenn es mir jemand erzählen würde.“, meint Suki und stieg ins Auto.
Während der Fahrt sprach keiner der beiden. Hatori hatte langsam auch Angst, dass Suki verrückt geworden sei, doch er wollte es nicht glauben und Suki wollte alles versuchen zu vergessen.
Bei ihrem Haus angekommen eilte Suki so schnell es ihre Beine erlaubten zu ihrer Mutter.
„Mama! Mama! Wie geht es dir?“, fragte Suki aufgeregt und umarmte ihre Mutter.
Mir geht es gut, mach dir keine Sorgen.
Viel wichtiger ist, wie es dir geht?
Was ist denn passiert?
„Es ist zwar nicht wichtiger als du, aber mir geht es wieder gut. Was passiert ist, fragst du? Äh.... ich... ich bin an einem Stacheldrahtzaun hängen geblieben und hab mir die Beine aufgerissen.“, log Suki, denn sie wollte ihrer Mutter nicht auch noch das Gefühl geben, dass sie verrückt wäre.
„Ja, ich geh dann mal wieder. Du bist ja jetzt wieder da.“, meinte Hatori und ging zur Haustüre.
„Warte Hatori, warte!“, rief Suki und lief ihm nach. „Ich wollte mich dafür bedanken, dass du dich so lange um meine Mutter gekümmert hast. Ich weiß nicht, wie ich das wieder gut machen kann.“, meinte sie.
„Ach, hör auf. Das war doch selbstverständlich für mich. Wenn du was für mich tun willst, dann bleib von jetzt an gesund und geh mal mit mir ins Kino.“, meinte Hatori lächelnd und gab Suki einen leichten Kuss auf die Wange.
„Bis bald hoffe ich!“, sagte er und ging zu seinem Auto worauf er auch gleich zu sich nach Hause fuhr.
Noch lange stand Suki an der Türe und sah hinaus, während sie sich ihre Backe festhielt, wo Hatori sie geküsst hatte.
Er war wirklich süss, doch auch wenn sie wollte, sie empfand nichts für ihn, das heißt, nichts was mit Liebe zu tun hatte, denn als Freund empfand sie jede Menge für ihn.
Langsam schloss sie die Türe und ging zu ihrer Mutter.
„Ach Mama. Wie dumm kann man sein? Das bring doch wirklich nur ich zusammen, oder?“, lachte Suki über ihre angebliche Ungeschicklichkeit.
weiter in Kapiel 2 - Teil 2
Ako - am 26.11.2009 08:48