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Bitch, please.


Die Berührung an meiner Schulter war sanft, kaum mehr als eine federleichte Liebkosung frisch gefallenen Schnees. Ganz eingerollt liege ich in meiner kleinen Kuhle und halte die Augen geschlossen. Von irgendwoher streift kühle Morgenluft über meine Wange. Die Kälte ist mir unangenehm, deswegen krieche ich noch weiter in meinen viel zu großen Mantel hinein und lasse auch die Hände in meinen Ärmeln verschwinden.
Da ist es wieder. Federleichter Schneeflockenkuss. 
Dann energischer. Jetzt, wo mein Kopf ein wenig wacher ist, merke ich, dass jemand meinen Namen sagt. Immer wieder. Ich lächele müde und lege meinen Kopf an die Hand, die immer wieder vorsichtig meine Schulter drückt. Jemand umfasst mein Handgelenk, als wäre es aus Glas. Vielleicht ist es das ja, zumindest scheint gerade kein Leben darin zu stecken. 


Suu...

Es wird immer schwieriger, die Stimme zu ignorieren. Widerwillig mache ich die Augen auf und schaue in einen kristallblauen Himmel. Die dünne Eiskruste, die sich über meiner kleinen Kuhle gebildet hatte und meinen Kokon so perfekt gemacht hatte, war verschwunden. Stattdessen blickt mich ein ebenmäßiges Gesicht an, langes blondes Haar fällt bis hinunter auf meine Wangen, auf mein Haar, das genau die gleiche Farbe hat. "Du hast immernoch das Gesicht einer Siebzehnjährigen", murmele ich. Noch immer hat sie eine Hand an meine Schulter gelegt und hält mich energisch davon ab, wieder in den Schlaf zurückzusinken. Und du hast offenbar immernoch den Verstand einer Fünfzehnjährigen, so wie du dich benimmst. Sie war verärgert. 
"Lass mich schlafen..." Natürlich lässt sie mich nicht. "Warum bist du so grausam? Beinahe hätte ich deinen Weckruf mit Zärtlichkeit verwechselt!"

Wenn du hier liegen bleibst, bist du verloren.

Dass sie immer so ernst sein muss. Ihre grauen Augen sind so voller Sorge. Als ich mich aufsetze, weicht sie ein Stück zurück. Meeresrauschen. Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich war aus freien Stücken hierher gekommen. Nicht, dass ich es schon nicht viel früher versucht hätte, aber aus irgendeinem Grund war mir der Weg zum Strand versperrt gewesen. Vielleicht wollte ich deswegen nicht mehr gehen. Da war nur Meer und Meer und Salz und Rauschen und von den Gezeiten glatt geschliffene Kiesel zu meinen Füßen. Als ich mich auf dem Boden eingerollt hatte, kam mir gar nichts mehr in den Sinn. "Es ist so schön hier..." Ich schaue Mina an. "Ich glaube nicht, dass mich irgendein Schatten hier einholen könnte."
Mina sagte nichts. Sie beugte sich nur vor zu mir und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.

Schatten folgen dir nicht, noch holen sie dich ein. Du bringst sie jedes Mal selbst mit. Du musst hier verschwunden sein, wenn die Flut kommt. 

Ich hasse es, wenn sie so dermaßen Recht hat. Doch sie hat meinen dünnen Eiskokon zerschlagen, also muss sie mich auch mitnehmen. Als sie in Richtung Herbswald geht, folge ich ihr mit bloßen Füßen. Ich lasse eine leere Kuhle und ein Tropfen verkrusteten Blutes zurück.

 

 

 

~Aalto

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