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Marmor


Unter den vielen Marmorsplittern wird mir mehr und mehr klar, dass ich mich ein wenig verlaufen hatte. Wenn man die ganze Zeit in eine andere Richtung schaut, als die Füße einen tragen, kommt irgendwann der Punkt, das Steinchen, an dem man sich stößt.

In diesem Fall eher eine Statue. Wunderschön auf ihre Weise, zeitlos und filigran gearbeitet. Ich bin immernoch ein wenig betrunken, von zu viel Tee, der meinen Puls langamer schlagen lässt. Von zu wenig Luft und zu viel Elfenbein. Von zahllosen Schritten, die ich davon gerannt bin, nur um nicht in den Spiegel schauen zu müssen. Und dennoch stehe ich jedes Mal vor dem Vollmond und schaue meinen eigenen Augen entgegen. Mein Puls wird noch ein wenig langsamer, diesmal ist er ganz im Takt zur Musik, die ganz sanft weich und langsam auf mich niederregnet. Beinahe höre ich das warme Flüstern dahinter.

Einen kurzen Moment dachte ich sogar, diese Tropfen würden von den Wangen der Statue kommen. Diese filigranen weißen Wangenknochen sind gerade so geschnitten, als wäre es ihr einziger Zweck, Weihwasser zu weinen. Die Augen sind zwar kalt, doch voller Gefühl und ganz gleich, von welchem Winkel ich sie betrachte, nie fangen sie meinen Blick. Sie sehen nicht, sie senden etwas aus. All den Schmerz dieser Welt, über den ich doch selbst allzu gern jammere. Vielleicht haben sie deswegen diese melancholische Schönheit, auf die ich so bereitwillig herein fallen möchte. 

Noch immer bist du betrunken.

Ja, noch immer höre ich mein Herz ganz langsam und ruhig schlagen. Wäre das Herz noch leichter müsste ich schweben. Ganz sicher ist es nur die steinernde Melancholie, die mich hier unten hält und ausfüllt. Ich trinke noch einen Schluck Tee und spüre, wie auch meine Hände leichter werden.

Ich bin lange genug in die falsche Richtung gelaufen. Und ich bin lange genug stehen geblieben und habe den Mond angestarrt oder die leeren Augen dieser künstlichen Schönheit.
Entschlossen presse ich meine Lippen auf den elegant geschwungenen Mund. Kühl und unnachgiebig. Eine Hand streicht durchs Haar. Ich verharre noch einen Augenblick, beinahe hört mein Herz zu schlagen auf. Wenn ich mich jetzt nicht endlich stelle, werde ich nie aufhören können. Meine Augen sind geschlossen, dennoch weiß ich, dass der Stein auf meiner Brust genau so leuchten muss wie der Mond. Ganz leise, nur für meine feinen Ohren hörbar, spannen sich dünne Fäden, ziehen den Verlauf des Schicksals auf wie eine Spieluhr. Dann macht etwas im Inneren des Steines klick.
Etwas zerspringt...

 

 

 

~Aalto

 

 

 

 

 

 

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