• kostenlos mitmachen

Meine Nickpage



Diesmal nicht


Ich liebe das Gefühl von Sand unter meinen Füßen. Hin und wieder rauscht eine kleine Welle über meine Schritte und spült die frischen Spuren wieder fort. Als ich stehen bleibe, weiß ich noch nicht so genau, warum ich das tue. Ratlos bohre ich meine Zehen in den Sand. Mein Blick wandert über den Boden und bleibt schließlich an einem Paar Schuhen hängen.

Du hast lange nicht mehr an mich gedacht.

Ich schaue auf, nur milde überrascht. Die Füße, die in den Schuhen stecken, sind vorsichtig darauf bedacht, nicht von der Brandung gestreift zu werden. Dass ausgerechnet er heute Alter Ego spielen möchte, wundert mich allerdings ein kleines bisschen. Ich sehe ihn nur an. 

Du hast dich verändert. Du siehst schöner aus. Und das, was ich von dir sehen kann, ist so...  Seine Stimme verliert sich in der Brandung. Ihm fehlen tatsächlich die Worte. Das kann auch nur an diesem Strand passieren.
"Du hast dich doch nicht so nahe ans Meer gewagt, um einem toten Mädchen wie mir verlorene Komplimente zu machen." sage ich schmunzelnd.

Nein, ich habe eigentlich nur zu tief in den Spiegel geschaut und bin dabei hier gelandet. Wieder hält er kurz inne. Du warst noch nicht tot, als ich dich das letzte Mal gesehen habe, oder? 

Ich gehe ein paar tänzelnde Schritte an ihm vorbei. Natürlich sieht man mir meinen Status nicht unbedingt an, es sei denn, man riskiert vielleicht einen zu tiefen Blick in meine Augen. Solange meine Knochen sich noch hübsch unter meiner Haut befinden ist sicherlich nichts weiter zu befürchten. Ob er auch in Wirklichkeit damals nichts bemerkt hat? Ob er wirklich nur das sehen konnte, von dem ich wollte, dass er es sah? Es mag so gewesen sein, doch jetzt und hier gelten andere Regeln. Hier ist es mit Verstecken nicht so leicht. Allzu deutlich erkenne ich es an den Narben in seinem Gesicht, die sonst nie jemand zu sehen bekäme.
"Du wusstest doch, dass meine Zeit knapp bemessen ist. Und trotzdem wundert es dich." ,stelle ich amüsiert fest. Nun schaue ich ihn mir doch genauer an. Er hat sich inzwischen noch ein Stück vom Wasser entfernt und die halblangen Haare flattern ein bisschen. Ich bin mir sicher, diese Haare sind genauso echt wie das Leben in meinem Gesicht. In seinem Blick liegt ein Hauch von Bedauern.
Wer hat dich umgebracht?
 

"Dass Menschen nicht mal einfach so sterben dürfen, muss es immer gleich einen Mörder geben!" Zweifelnder Blick. Natürlich. Wieder lächele ich, diesmal ganz aufrichtig. Dann drehe ich mich um und gehe langsam ins tiefere Wasser. Er wird mir nicht folgen können, denn er muss sich an die Regeln halten. 
Die Wellen flüstern, rufen mich zurück in einer Sprache, die nur für mich bestimmt ist. Bevor ich abtauche, drehe ich mich noch einmal zu ihm um und zupfe einen kleinen Zweig aus meinen Haaren, der sich dort verfangen hatte. Ich strecke meine Hand nach oben, lasse den Wind die zarten Blätter erfassen und sehe zu, wie er sie an den Strand zurück trägt. Noch ein letztes sanftes Kopfnicken meinerseits, dann wende ich mich wieder dem Meer zu und breite meine Arme aus. Diesmal verschwinde ich ganz in den sanften Wellen. 

 

 

 

 

~Aalto

<< vorheriger Eintragnächster Eintrag >>

Kommentar schreiben

Du musst dich Einloggen oder kostenlos anmelden um Kommentare zu schreiben