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Über das Fremdsein


Von Zeit zu Zeit fühle ich mich meinem Umfeld fremd. Nicht isoliert oder eingesperrt im Besonderen, sondern eher, als wäre ich eine andere Spezies und spräche eine komplett andere Sprache. Eine Sprache, die sich vielleicht der selben Worte bedient, aber dennoch für die anderen komplett unverständlich ist.

Dieses Gefühl ist mir bereits seit langem ins Blut übergegangen und es war zuletzt eigentlich nur zu dem Zeitpunkt schlimm, als ich wirklich so etwas wie ein Alien war. Zu meiner Zeit in Finnland, besonders zu Anfang, als ich die Sprache noch nicht konnte, hatte ich oft geweint, weil ich so allein war und dort einfach nicht hingehörte. Es brauchte seine Zeit, sich diesen Ort heimelig zu machen, um dort anzukommen und die feindselige Umgebung in etwas Vertrautes zu verwandeln. Es hat funktioniert, ich habe viel Schönes erlebt und bin trotz diesem Schmerz sehr froh, dass ich dort gewesen bin.

Aber dieses Fremdsein, was ich hier empfinde, wo ich doch eigentlich zu Hause bin, ist anders. Ein Fremdsein, aus dem ich mich nicht "weganpassen" kann und wohl auch nicht möchte, denn die Farben meiner Seele sind unbezwingbar. Als andere Spezies fühle ich mich selbst in mitten meiner Lieben einsam.
Ich denke oft darüber nach, was ich weiterhin aus meinem Leben machen sollte. Dabei kam mir oft der Gedanke, es mit jemandem ganz zu teilen. Das ist mutig und gefährlich, das weiß ich, aber ich glaube, Leben sind dafür gemacht, dass man sie teilt. Unerfahren wie ich bei den ersten Versuchen war, dachte ich mir, ich suche jemanden, der zumindest meine Sprache spricht. Wenigstens ansatzweise.
Das ging schief, denn statt den Farben in meiner Seele zu neuem Schimmer zu verhelfen, fühlte ich mich durch die Anwesenheit eines Verstandes, der meinem nicht nur ähnlich war, sondern außerdem noch darüber hinaus ging, bedroht. Es ist sehr schmerzhaft, jemanden so tief in diese bunten Teiche tauchen zu lassen, wenn man hinter her versuchen muss, alle Schlieren wieder herauszufiltern. Ein paar werden wohl immer bleiben und ein kleines bisschen weh tun, wenn sie sich an die Oberfläche verirren.

Zu tiefes Verständnis in einer Beziehung tut weh, in einer Freundschaft hingegen tut es gut. Nun habe ich also nach anderen Gemeinsamkeiten Ausschau gehalten und auch welche gefunden. Nun bin ich aber wieder in der Fremde gelandet. Immer wieder versuche ich, zu erklären, was in mir vorgeht, doch meine Worte sind wohl zu beschränkt dafür. Ich weiß nicht, was davon ankommt, denn ich habe mir ein sehr stilles, tiefes Wasser als neuen Ruheort gesucht. Was immer ich dort auch suche oder hineinwerfe, ich sehe bloß mein Spiegelbild im dunklen Wasser. Es schlägt ab und zu Wellen in die eine oder andere Richtung, dennoch kann ich weder ganz hineinschauen, noch wird ganz zurück geschaut. Vielleicht eine Art Blindheit gegenüber meinen Farben.

Jeder nimmt die Welt auf unterschiedliche Art und Weise wahr. Man entdeckt sie durch Freude, Ausgelassenheit, Schmerz, Träume oder Enthaltsamkeit. Oder etwas anderes, jeder hat seinen eigenen Weg. Mein Weg führte bisher immer über Tinte, über viele Umwege, Freude und immer sind es die Worte. Worte, die manchmal auch mir nicht ganz verständlich sind. Gefühle, die ich loswerden muss, aber nicht mitteilen kann, weil bloße Worte nicht immer ausreichen. Das macht mich meiner eigenen Welt fast fremd. Das Leben ganz teilen wird nur auf freundschaftlicher Ebene passieren können, mit jemandem, der zwar nicht zu meiner Spezies gehört, aber dennoch meine Sprache spricht. Auch so jemanden habe ich gefunden. Diesen Menschen liebe ich sehr, er ist für mich wie ein Bruder, der meinen Rücken stärkt. Diese Wahl war eine gute. Auch deswegen, weil er immer ein kleines Stück außerhalb meiner Welt stehen wird, gerade nah genug, um immer dort zu sein, wo wir einander brauchen.
Dennoch, die Erkenntnis, dass mein Liebster, der doch viel näher bei mir steht als mein Seelenbruder, nie meine Sprache ganz verstehen wird, macht mich traurig. Ich bin niemand, der verstanden werden muss. Aber vielleicht muss ich manchmal erreicht werden oder jemanden erreichen können, wenn ich mich in meinem eigenen Ozean an einen Sendemast klammere und fremdartige Funksprüche in den Äther hinaus schicke.

Manchmal fürchte ich, dass er meiner Wahrnehmung dieser Welt nicht bloß Unverständnis, sondern Verachtung entgegen bringt. Gegenseitiges Verständnis kann nur dann entstehen, wenn sich jeder ein Stückchen öffnet. Ich dennke, jeder in dieser Welt ist auf seine Art und Weise immer ein gebranntes Kind, die einen haben mehr Wunden und Narben auf ihrem Herzen, die anderen weniger. Und bei Stahltürn kann man nur warten, ob sie sich von allein ein Stück öffnen. Solange ich noch an diesem Punkt bleiben möchte, werde ich Geduld haben. Mein Leben bleibt dabei aber wohl ganz eindeutig bei mir. Denn ob sich die Stahtüren nun öffnen oder nicht, ich werde weiter gehen müssen. Notfalls auch dann, wenn mir niemand dabei folgt.





~Aalto
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