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Reise zum Mittelpunkt


Es sind viel zu viele Menschen unterwegs. Mir ist die Luft zu stickig, mir ist schwindelig. Mein Platz liegt ein wenig isoliert von den anderen. Ich schließe die Augen...

...Und schließlich geht das Licht an und alles ist für einen kleinen Moment strahlend weiß.

Ich bin nicht einmal hingefallen. Nur ein kurzes Zucken. Genauso, als wenn man im Traum glaubt, zu fallen und plötzlich bemerkt, dass man sicher in seinem Bett liegt.
Ja, ich bin sogar ganz genau dort gelandet, wo ich wohl hin sollte. Ein wenig neugierig betrachte ich die Umgebung, denn sie ist jedes Mal anders.
Diemal ist es recht idyllisch.
Ein weiter See direkt vor mir, das Wasser ist spiegelglatt. Die Sonne scheint herbstgolden auf meine Haut. Ich selbst sitze auf einem Findling dicht am Wasser. Hinter mir breitet sich ein dunkler Wald aus.

Sie muss hier irgenwo sein...

Ich schaue aufs Wasser und gehe davon aus, dass gleich eine schneeweiße Hand durch die Oberfläche bricht. Meine Augen suchen erste Anzeichen einer Frau, die sich aus dem Wasser erheben zu gedenkt. Mema liebt derart mystische Auftritte.
Das Wasser bleibt trotzdem in aller Seelenruhe. Ein glatter Spiegel. Das ist ungewöhnlich.

Ich bin genau hinter dir.

Ich drehe mich um. Tatsächlich, sie ist nicht aus dem Wasser gekommen. Doch ihr Auftritt verfehlte seine Wirkung keineswegs. Ihre schneeweiße Robe hebt sich perfekt vom Waldrand ab und ihr langes Haar bewegt sich in sanften Wellen, als sie auf mich zu schreitet. Fast schon widerwillig habe ich Respekt.
Hallo Mema, sage ich.
Du fröstelst ja. Ist es denn so schlimm?
"Du weißt, wo die Kälte herkommt" murmele ich. Mechanisch ziehe ich meinen Mantel enger um mich. Denn mir ist tatsächlich entschieden zu kalt. Memas Blick erforscht mich. Natürlich weiß sie, wo ich mich vorher aufgehalten hatte. Wie man mich angesehen hatte. Ihr ist vollkommen klar, dass mich ein ein verschlossener Blick bereits verletzen konnte und das auch getan hat.

Du bist heute wirklich ausgesprochen wehleidig.
Mema deutet auf den Findling, auf dem ich mich noch immer niedergelassen hatte. Er ist nun kaminrot.
Das ist doch ein lange abgeschlossenes Kapitel in deiner Geschichte. Immerhin liegt es schon 4 Jahre zurück. Außerdem vergeht hier die Zeit noch wesentlich schneller.
Sanft lächelnd stubst sie mit ihrem nackten Fuß in den See hinein. Auf den Wellen kann ich mich selbst sehen. Es ist kein Spiegelbild. Der Mensch unter den Wellen sitzt mit geschlossenen Augen an einem kleinen Tisch. Die Haltung ist sehr... Tja, *in sich gekehrt*. Das Licht ist jedoch zu dämmerig, um noch mehr Details auszumachen.

Nun muss auch ich ein wenig lächeln. "Das stimmt." ,räume ich ein "Die Zeit vergeht hier wirklich sehr viel schneller." Das ist auch gut so.
Irgendwie sehe ich gar nicht so unscheinbar aus, wie ich erst dachte. Eher unnahbar. In diesem Fall stimmt es wohl.
Mema lässt sich mit einer fließenden Bewegung neben mir auf dem roten Findling nieder. Natürlich fällt ihr weißes Gewand so perfekt auf den roten Stein, dass sie nun wirklich dort sitzt wie hingegossen.
Du solltest ein wenig mehr herauskommen. sagt sie schließlich mit ausgesprochen sanfter Stimme.
Die Kälte könnte so viel besser von dir abperlen. Du hast einen winzigen, unsicheren Gedanken gefasst und glaubst nun, du hättest verloren.
 
"Mema, ich habe die Sanduhr gesehen!"
Ich bin nun ein wenig ungehalten. Ich habe eigentlich nicht das Bedürfnis, mit Mema über meinen Körper zu diskutieren. Es ist doch wohl meine Entscheidung, wenn ich den Dingen einfach ihren Lauf lassen möchte und einfach dem eigenen Verfall zusehe.
Auf Memas sonst so makelloser Haut hat sich nach meinen Worten eine kleine Falte gebildet. Ein kleiner Strich zwischen den Augen, wie er auch in meinem Gesicht auftaucht, wenn ich mich über etwas ärgere.
Hör auf, tatenlos herumzusitzen! Ja, du hast die Sanduhr gesehen. Obwohl du das übrigens nie hättest tun dürfen. Doch das tut nun gar nichts mehr zur Sache. Du sitzt daneben und bist untätig. Du könntest etwas dagegen unternehmen, weißt du? Und wenn es nur eine Hand voll Erde ist, das könnte schon reichen, um dich selbst zu retten.

"Ach Mema, ich wollte doch nur ein wenig Ruhe. Da kommt mir diese Sanduhrgeschichte einfach gerade recht."

Du schläfst. Im Grunde bist du schon tot." Nun ist ihre Stimme sehr kalt.
"Mema... Ich schlafe doch gar nicht wirklich. Ich bin doch noch da. Ich lasse die Dinge bloß geschehen. Nur in meinem eigenen Fall. Bis es soweit ist, helfe ich anderen, ihren Weg zu gehen..." Ich habe nun wirklich das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen.

Ich schlafe nicht.

Ich bin nicht tot.

Dann schau dich sebst doch noch einmal an. sagt Mema mit Nachdruck Du belügst dich ja fast selbst. "anderen helfen, ihren Weg zu gehen"? Ja, du möchtest anderen zeigen, wie sie den Sprung im Glas kitten sollen, weil du einfach nicht den Willen aufbringst, es bei dir selbst zu versuchen. So kannst du gar nicht helfen.

"Mema" sage ich nun ein wenig flehend. Ihre Worte haben mich getroffen. Ich strenge mich an, die Tränen in meinen Augen zu behalten.
Du bist nicht nur verantwortlich für das, was du tust, sondern auch für das, was du nicht tust.

Aufgespießt mit dem eigenen Schwert. Großartig. Ich sollte die Finger von Zitaten lassen. Ich bin ja selbst schuld, ich musste ja unbedingt hier herkommen.
"Was soll ich denn tun? Ich komme doch gar nicht mehr an die Uhr heran, Mema! Du sagtest doch selbst, ich hätte sie niemals sehen dürfen! Wie soll ich ein solches Loch füllen?"

Wenigstens verschwindet die Falte über Memas Nase nun wieder.
Es ist zunächst einmal wichtig, dass du es überhaupt versuchst, Kleines. Fülle das Loch. Versuche es mit Erde, Lehm... Oder Tinte.
Du weißt doch...
Ich komme schon an die Uhr heran. Wenn du nur versuchst, etwas zu heilen...

Tröstend und versöhnlich legt Mema ihre Hand auf meinen Nacken. Ich schaue sie an. Ihre unergründlichen Augen strahlen eine angenehme Wärme aus... Sie weiß, dass ihre Worte die richtige Wirkung erzielt haben.
Du solltest jetzt wieder zurück.
Ein wenig schelmisch zwinkere ich Mema zu.
"Hm, ich könnte zur anderen Seite des Sees schwimmen..."

Nein, Kleines. Dafür ist heute wahrlich der falsche Augenblick. Du solltest nun wirklich zurück.

Ich stehe auf. Ich gucke Mema ein wenig fragend an. Ich ahne es schon... Schmunzelnd deutet sie mit ihren Augen zum See.
Na gut, warum auch nicht.
Ich schaue noch einmal Mema an, die malerisch in ihrem weißen Gewand auf dem Findling drapiert ist. Dann kehre ich ihr den Rücken zu und gehe in den See.
Ich schreite immer weiter vorwärts, bis meine Füße keinen Boden mehr erreichen. Erst dann fange ich an, zu tauchen.

Ich öffne die Augen.






~Aalto
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Kommentare

*Lily* - 25.12.2008 13:39
Ich wünsch dir frohe Weihnachten:)

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